art-in-berlin Logo

sponsored by

Haus am Kleistpark

Men don’t cry

Hannes Jung

Responsive image
Grab Amirs Bruder, Divič, 2024, © Hannes Jung

Ausstellung
24.4.–28.6.2026

Eröffnung
Donnerstag, 23. April | 19 Uhr

Einführung
Christin Müller Fotohistorikerin, Autorin, freie Kuratorin

Artist Talk
Donnerstag, 11. Juni | 19 Uhr
mit Hannes Jung und Dirk Auer, Journalist und Autor

Finissage und Podcast
Sonntag, 28. Juni | 16 Uhr
mit Krsto Lazarević und Danijel Majić, Neues vom Ballaballa- Balkan Podcast

Hannes Jung untersucht in seiner künstlerisch-fotografischen Arbeit, wie individuelle und gesellschaftliche Traumata in Menschen weiterwirken. Unter anderem interessiert ihn der Aspekt, welche körperlichen und seelischen Spuren Gewalt hinterlassen kann und wie sich diese Erfahrungen in individuelle und kollektive Selbstbilder einschreiben. Seit vielen Jahren begleitet ihn dabei die Frage, was vom Krieg in der Gesellschaft übrig bleibt. In subtilen Schwarz-Weiß-Aufnahmen verbindet Jung dokumentarische Recherche mit einer poetisch verdichteten Bildsprache, die das Sichtbare mit dem nur schwer Sagbaren in Beziehung setzt.

Responsive image
Damjans Hemd, Bileća, 2018 © Hannes Jung

Die Ausstellung Men don’t cry präsentiert Arbeiten, die zwischen 2017 und 2024 in Bosnien und Herzegowina entstanden sind. Im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung steht ein lange tabuisiertes Thema: sexualisierte Gewalt an Männern. Während des Bosnienkrieges 1992–1995 wurden in Lagern und Gefängnissen nicht nur Frauen, sondern auch Männer unterschiedlicher Nationalitäten gefoltert, missbraucht und zu Gewalt untereinander gezwungen. Schätzungen zufolge waren während des Krieges zwischen 20.000 und 50.000 Frauen und Männer von sexualisierter Gewalt betroffen. Während die Verbrechen an Frauen zunehmend dokumentiert und teilweise anerkannt wurden, blieben männliche Opfer weitgehend unsichtbar. Rollenerwartungen, Scham und fehlende öffentliche Debatten erschweren es ihnen bis heute, über das Erlebte zu sprechen.

Traumatische Erfahrungen lassen sich nach so langer Zeit jedoch selten direkt ablichten und entziehen sich meist einer unmittelbaren Darstellung. Weder Menschen noch Orte tragen das Erlebte offen zutage. Gerade deshalb verzichtet Jung auf explizite Darstellungen und entwickelt eine Bildsprache, die in visuellen Metaphern agiert. So sucht er nach einer Form, die Spuren sichtbar macht, ohne sie direkt abzubilden.
In behutsam erfassten Porträts begegnet er Männern, die bereit waren, ihre Erfahrungen zu teilen. Der Fotograf zeigt sie in ihrem Lebensumfeld, konzentriert wie auch gelöst – und damit gegenwärtig, aber auch in der Vergangenheit gefangen. Viele Motive wirken unspektakulär oder auch alltäglich: ein Bauer mit seinen Kühen, ein weißes Hemd, Gardinen vorm Fenster, neblige Baumgestalten, eine aufgewühlte Wasseroberfläche. Neben einer formalen Ruhe und demonstrativer Normalität offenbaren die Kompositionen jedoch durchaus ein unterschwelliges Unbehagen. Zudem verleiht eine silbrig nuancierte Tonalität den Darstellungen eine Atmosphäre der Melancholie und latenten Anspannung.

Im Zusammenspiel der Ansichten und in Verbindung mit ausgewählten Zitaten aus den Berichten der Männer entsteht ein vielschichtiges Bildgefüge. Personen, Orte und Gegenstände werden zu Trägern von Erinnerung, Verdrängung, Verlust und Überleben. Die Fotografien deuten nicht nur emotionale Zustände wie Stille, Ohnmacht und Scham an, sondern verweisen zugleich auf die Kraft und Beharrlichkeit im Weiterleben.

Responsive image
Baum, Kakanj, 2017 © Hannes Jung

Die Arbeit Men don’t cry setzt sich mit tradierten gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit auseinander und hinterfragt sie, ohne die erzählten Erfahrungen festzuschreiben. Die Bilder lassen Maskulinität, Verletzlichkeit, Irritation und Hoffnung nebeneinander bestehen, um den Blick auf das zu lenken, was bleibt.

Hannes Jung (*1986) studierte Fotografie in München, Valencia und Hannover. Seit 2009 arbeitet Jung als freier Fotograf und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen. In seiner künstlerischen Tätigkeit und seinen persönlichen Projekten bewegt er sich dabei zwischen Dokumentation und subjektiver Interpretation, zwischen Realität und Symbolik, Erinnerung und Identität. Jungs Werke waren bereits in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen zu sehen. Er erhielt Stipendien, Projektförderungen und Preise, unter anderem den Lotto Brandenburg Kunstpreis Fotografie 2025.

Haus am Kleistpark
Grunewaldstraße 6–7
10823 Berlin
Telefon 90277-6964
Eintritt frei

Kein barrierefreier Zugang Di–So 11–18 Uhr

Sponsored