Kunst ist Reise. Im Fall des Rohkunstbaus beschränkt sich dieses Reisen nicht auf eine imaginäre Form, denn tatsächlich steht vor dem Besuch erst einmal die Anreise. Nahe Potsdam, im pittoresken Schloss Marquardt, findet die diesjährige Ausgabe des mittlerweile traditionsreichen Rohkunstbaus statt. Bereits zum siebzehnten Mal haben Dr. Arvid Boellert, der als Leiter verantwortlich zeichnet und der Kurator Mark Gisbourne zehn Künstler aufgerufen, die Räume des Schlosses mit eigens dafür konzipierten Arbeiten zu bespielen.
Nachdem die letzte Ausstellung unter dem Motto „Atlantis I“ sich vorwiegend mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzte, folgt mit „Atlantis II“ nun die tendenziell globalere und zugleich abstraktere Sichtweise auf den jahrtausende alten Mythos von der versunkenen Stadt. Opulenz statt Minimalismus, elitär statt egalitär, so will Dr. Arvid Boellert das Konzept der aktuellen Ausgabe verstanden wissen.
Los geht die Reise mit einer Arbeit von Johanna Smiatek. Die in Berlin lebende Künstlerin bittet in ihren „Ivory Tower“, ein äußerlich unscheinbares Häuschen. Im Inneren sieht sich der Betrachter einem Tempelpanorama der Stadt Myanmar entgegen, die mit ihrer scheinbar perfekten Architektur auf den utopischen Charakter von Atlantis anspielt. Nach und nach steht der Betrachter seinem eigenen Spiegelbild gegenüber, muss sich also selbst in Beziehung zum Mythos setzen und gegebenenfalls seine Vorstellungen von Utopie hinterfragen.
Einem Plätschern folgend, das schon in der Eingangshalle zu hören ist, entdeckt man einen Brunnen, an dem sich zwei nackte Schönheiten räkeln. Sie scheinen die sprudelnde Quelle bewachen und gleichzeitig den Betrachter verführen zu wollen. Als Pendant fungiert ein Karussell mit galoppierenden Pferden, die auf die männliche Komponente, den kriegerischen Aspekt der versunkenen Stadt, verweisen und zugleich deren Sturz prophezeien. Bei Wafae Ahalouch El Keriastis Installation „Fearless Fountain“ handelt es sich um auf Acryl gedruckte, monochrome Holzschnitte. Interessiert habe sie die Rolle der Frau, die sie in verschiedenen Geschichten spielt, so die Künstlerin.
Nach einem Blick in einen der zahlreichen Spiegel, die am Karussell befestigt sind, geht die Reise weiter.
Mat Collishaw arbeitet ebenfalls mit dem Spiegelmotiv. Erwartungsvoll positioniert man sich vor seinem in einen barocken Holzrahmen, den ein Relief Neptuns ziert, eingefassten LCD-Bildschirm und entdeckt, statt seinem eigenen Abbild, zunächst einen Schwarm bunter Fische, dann eine Sanduhr und schließlich einen grotesken Totenschädel. In der Tradition eines Memento Mori erinnert Collishaw an den vermeintlichen Grund für Atlantis’ Untergang, den Hochmut und die Gier seiner Bewohner. Darüber hinaus hält er mit seinem Vanitasmotiv aber auch unserer Gesellschaft den Spiegel vor.
Wie könnte sie aussehen, die zeitgemäße Form einer scheinbar perfekten Utopie? Vielleicht so: Zehn Männer, die sich wie eineiige Zwillinge gleichen, agieren in einem steril-designten Raum. Sie lesen, trinken Wein, laufen im Zimmer umher und schauen zum Fenster hinaus. Zu keiner Zeit findet Kommunikation statt, sie scheinen einander überhaupt nicht zu bemerken. Als Ort für seine Videoarbeit hat der in Berlin ansässige Künstler Niklas Goldbach die Suite des Mandala Hotels am Potsdamer Platz gewählt, die er als Projektion einer Sehnsucht nach Vollkommenheit versteht. Die zehn Künsler-Ichs, digitale Reproduktionen Goldbachs, stehen für die zehn Könige von Atlantis, die nicht in der Lage waren, sich untereinander zu verständigen. Der zur Perfektion gebrachte Zustand führt zwangsläufig zum Untergang.
Hier lässt sich dann schließlich auch der Bezug zur Gegenwart herstellen. Der Rezipient wird aufgefordert, einen Blick in den Spiegel zu werfen, so wie der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird. In der gegenwärtigen Realität einer mehr und mehr globalisierten Welt müssen wir die Spielregeln überdenken. Das Scheitern der mythischen Stadt sollte uns eine Warnung sein.
Schloss Marquardt wirkt dabei in seiner barocken Dekadenz selbst wie ein utopischer Entwurf. Am Ende der Reise steht die Rückkehr in die Realität. Reisen macht den Kopf frei! Diese Reise hat aber auch zum Nachdenken angeregt.
art-in-berlin hat 2007 ein Video zu dem Rohkunstbau - Festival erstellt:
Rohkunstbau XIV
Künstlerliste: WAFAE AHALOUCH EL ERIASTI,
MAT COLLISHAW,
SEAN DAWSON,
ORI GERSHT,
NIKLAS GOLDBACH,
CATHY DE MONCHAUX,
STEFAN ROLOFF,
WILHELM SASNAL,
ELISA SIGHICELLI,
JOHANNA SMIATEK
Abbildungen:
- Johanna Smiatek, Ivory Tower, 2010
Holz, halbdurchlässiger Spiegel, Glühlampen, Bewegungsmelder, Elektronik, Metall, 245 x 245 x 295 cm
Ausstellungsansicht: Schloss Marquardt/ Potsdam, Fotograf/ photo: Roland Horn, Courtesy: Galerie Kunstpunkt, Berlin, © Johanna Smiatek
- Wafae Ahalouch el Keriasti, Fearless Fountain, 2010, Acryl auf Holzzuschnitten, Plastik, Stoff, Wasser, Pumpe, 200 x 200 x 200 cm
Ausstellungsansicht/ installation view: Schloss Marquardt/ Potsdam
Fotograf/ photo: Roland Horn, Courtesy: Wafae Ahalouch el Keriasti, © Wafae Ahalouch el Keriasti
- Mat Collishaw, Vanitas, 2010
LCD-Bildschirm, Holzrahmen, halbdurchsichtiger Spiegel, 103 x 206 x 10 cm,
Ausstellungsansicht/ installation view: Schloss Marquardt/ Potsdam, Fotograf/ photo: Roland Horn, Courtesy: Haunch of Venison, Berlin, London, New York, Zürich, © Mat Collishaw
- Niklas Goldbach, TEN, 2010 (Videostill)
BluRay Videoprojektion, Leinwand, Lautsprecher, Fahnen, Variable Maße/ dimensions variable
Fotograf/ photo: Niklas Goldbach, Courtesy: Galerie Anita Beckers, Frankfurt/ Main, © Niklas Goldbach
Schloss Marquardt
Hauptstraße 14
14467 Potsdam
Freitag 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 12-19 Uhr
rohkunstbau.de
Berlin Daily 05.12.2025
Galeriegespräch mit Kay Fingerle und Holger Kleine
19 Uhr: im Rahmen der der Fotoausstellung „Raumaufteilung“ von Kay Fingerle Deutscher Werkbund Berlin e.V. | Goethestraße 13 | 10623 Berlin
XVII. Rohkunstbau - Spieglein, Spieglein an der Wand
von Eva Biringer
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