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Berlin Daily 13.12.2019
Künstlerinnengespräch

19 Uhr: mit Virginia de Medeiros mit Lisette Lagnado im Rahmen des Projektes "Virginia de Medeiros – Feministische Gesundheitsrecherchegruppe" zur 11. Berlin Biennale.
c/o ExRotaprint | Bornemannstraße 9, 13357 Berlin

(Einspieldatum: 27.11.2012)

„Y´en a marre!“ – Chronik einer Revolte im Haus der Kulturen der Welt

bilder

Copyright Foto: Antoine Tempé

Anfang letzten Jahres entstand im Senegal eine Bewegung von Künstlern, Musikern und Journalisten, die mit dem Ruf „Y’en a marre!“ (Genug ist genug!) die Aushöhlung der Demokratie anprangerte. Auslöser war die verfassungswidrige dritte Kandidatur des umstrittenen Amtsinhabers Aboulaye Wade. Es folgten über ein Jahr andauernde Proteste gegen den Staatspräsidenten, die – zeitgleich zu den Umbrüchen in der arabischen Welt – vergleichsweise friedlich abliefen. Die Durchsetzungskraft im Kampf um Selbstbestimmung zeigte sich daran, dass der Aktivismus inzwischen zur demokratischen Wahl eines neuen Präsidenten führte.

Schreiende und lachende, leidvolle und hoffnungsvolle Gesichter. Es sind emotionale Bilder, die das Haus der Kulturen der Welt in seiner Ausstellung über den „senegalesischen Frühling“ präsentiert: Fotografien, die die Chronik einer Revolte nachzeichnen.
Unter der Leitung der Kuratorin Koyo Kouoh stellte die Raw Material Company – Zentrum für Kunst, Wissen und Gesellschaft mit Sitz in Dakar – unmittelbar nach der ersten Wahlrunde im Februar 2012 auf Basis einer Ausschreibung die Bilder zusammen.
Unterteilt in neun Ausstellungskapitel sind Aufnahmen von 19 Fotografen und Fotojournalisten zu sehen, die Zeugnis einer sich emanzipierenden Zivilgesellschaft geben. Beginnend mit einer Zeitleiste, die einzelne Etappen hervorhebt, ist die Ausstellung als chronologisch geordneter Parcour angelegt. Das „emotionale Durcheinander“ des Massenphänomens, wie es die Kuratorin beschreibt, wird innerhalb der einzelnen Kapitel durch die Hängung erlebbar, die dynamisch und bewegt erscheint, dennoch nie völlig wirr ist.

Auf Aufnahmen der Bevölkerung, die mit ihren T-Shirt-Aufschriften für Frieden und gegen Wade protestiert, folgen Bilder des 23. Juni 2011, der „Sternstunde“ der Revolte, die demonstrierende Menschenmassen, brennende Autos und Zerstörung zeigen. Der Place de l’Obelisque in Dakar spielt als Zentrum der Bewegung eine besondere Rolle. Ansammlungen von Demonstranten – lauthals schreiend oder aufmerksam zuhörend – sind hier neben einer Mauer von Polizisten zu sehen, die die Fotojournalisten jedoch nicht an ihrer Arbeit hinderten, sondern sogar kooperationsbereit waren, berichtet Eric Christian Ahounou (Fotojournalist und Leiter der Bildredaktion der afrikanischen Nachrichtenagentur APA News). Doch auch im Senegal liefen die Aufstände nicht völlig ohne Gewalt ab, so hängen in der Ausstellung bewegende Fotografien von verwundeten Menschen und Menschen, die sich mit Atemmasken vor den Rauchschwaden schützen. Zentrale Figuren der Proteste zeigt “Chronik einer Revolte” ebenso bei ihren Ansprachen, wie die Kandidaten während ihres Wahlkampfes. Offizielle Wahlplakate finden sich neben selbst gemalten Protestplakaten oder dem an eine Mauer gesprayten Schriftzug „Fuck you, Wade“. Die Aktionen der Bevölkerung führen schließlich zur demokratischen Wahl eines neuen Präsidenten. Wartende, ernste, aber auch hoffnungsvolle Gesichter, sehen dem Wahlergebnis entgegen. Nachdem dieses feststeht, zeigt sich eine völlige Lösung der andauernden Anspannung: die Senegalesen lachen, jubeln, laufen und fahren freudestrahlend durch die Stadt. Es ist geschafft, die Proteste waren erfolgreich!

Auffällig ist, dass die Fotografien im Ausstellungsraum völlig anonym hängen. Die Intention einer kollektiven Ausstellung, die die Bilder aller zeigen will, erlaube keine Exklusivrechte, so die Kuratorin. Bei der Auswahl des Bildmaterials wurde nicht zwischen Aufnahmen von künstlerischen Fotografen oder Fotojournalisten unterschieden, einziges Kriterium war die Qualität der Bilder. Fanden die Protestaktionen Unterstützung aus allen Bevölkerungsschichten, so präsentiert auch die Ausstellung nicht nur eine individuelle Perspektive.

Es ist erstaunlich, wie frei die Fotojournalisten im Senegal ihrer Arbeit nachgehen können. Dies wird besonders in den Diskussionen rund um die Ausstellung immer wieder deutlich. Gerade im Vergleich zu anderen Ländern, in denen umfassende Revolten stattfanden, ist eine solche journalistische Freiheit sowie Meinungsfreiheit nicht selbstverständlich. Dabei rückt die Schau das Engagement der Fotografen und ihre bedeutende Rolle bei der Verbreitung von Nachrichten in den Fokus.

Die Botschaft der Ausstellung ist klar: sie will Mut machen und zeigen, dass jeder etwas verändern kann. Die Bewegung im Senegal wurde generationenübergreifend von Menschen aus allen Gesellschaftsgruppen getragen, die auf eine bessere Zukunft hoffen und für Demokratie, Freiheit und individuelle Rechte eintreten. „Chronik einer Revolte“ will ein besseres Verständnis schaffen für das, was im Senegal vor sich geht, und daran erinnern. Sie reflektiert und verweist auf die Souveränität des Volkes. Die Ausstellung ist demnach weniger eine rein künstlerische, vielmehr nutzt sie das Medium der Fotografie, das im Senegal eine große Tradition hat, um über sozialpolitische Themen zu sprechen.
Es ist beeindruckend, was die Raw Material Company in nur fünf Wochen Vorbereitungszeit auf die Beine gestellt hat. Authentisch und bewegend machen die Bilder die Realität der Geschehnisse sichtbar und zeigen eben nicht nur Blut und Gewalt, wie es europäischen Medien häufig vorgeworfen wird. Auch wenn die Ausstellung stets einen rückblickenden Charakter hat, will die Schau in die Zukunft weisen. So wird bereits jetzt Kritik an der neuen Regierung laut, deren Veränderungen seit Amtsantritt als nicht weitreichend genug angesehen werden. Der Wandel muss also weitergehen: „Y’en a marre!“

Mit Fotografien von: Aliou Mbaye, Amadou Mbaye, Antoine Tempé, Cheikh Ahmed Tidjane Ndiaye, Cristof Echard, Elise Fitte-Duval, Erick Christian Ahounou, Elias Aba Milki, Gabriela Barnuevo, Jaques Daniel Ly, Jean-Baptiste Joire, Mamadou Gomis, Rebecca Blackwell, Rose Skelton, Sidy Mohamed Kandji, Sidy Yansane, Sylvain Cherkaoui, Tamsir Ndir, Toure Béhan

Chronik einer Revolte – Fotografien einer Protestsaison
Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin
Ausstellungsdauer: 23.11. – 06.12.2012
Öffnungszeiten: Mi-Mo 11-19 Uhr, Eintritt frei
hkw.de

Inka Humann

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Titel zum Thema Raw Material Company:

„Y´en a marre!“ – Chronik einer Revolte im Haus der Kulturen der Welt
Anfang letzten Jahres entstand im Senegal eine Bewegung von Künstlern, Musikern und Journalisten, die mit dem Ruf „Y’en a marre!“ (Genug ist genug!) die Aushöhlung der Demokratie anprangerte.

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