Anzeige
Boris Lurie

logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 23.02.2024
Performance von Anna Staffel

19 Uhr: im Rahmen der Eröffnung der Gruppenausstellung Wahrheit - Wirklichkeit - Realität. Verein Berliner Künstler e.V. | Schöneberger Ufer 57 | 10785 Berlin

Text verlässt Papier … Worte führen durch die Stadt

von Dr. Barbara Boreck (29.07.2016)
vorher Abb. Text verlässt Papier … Worte führen durch die Stadt


"Häuserzeilen" - Ein Experiment für Flanerie, 1600m Monostichon in Moabit, Courtesy Sophia Pompéry

Wenn dieser Text erscheint, wird wohl nichts mehr zu sehen sein. Ein Gedicht, als fortlaufende Linie auf Gehwege, Fahrbahnen und Straßenkreuzungen geschrieben, zieht sich durch Moabit – eine temporäre poetische Intervention. Geschrieben mit weißer Kreide, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag letzter Woche, schwungvoll mit einem Pinsel.

„Die Spree im Rücken der Flieder am Ufer …“ So fängt die Poesie auf der Straße an, das Experiment für Flanerie der Berliner Künstlerin Sophia Pompéry und des Autors Tobias Roth. Beginnend am Bundesratufer in Höhe des Hauses Nr. 9 führt der dichterische Spaziergang von der Treppe, die vom Ufer auf die Straße folgt, über gut eineinhalb Kilometer durch den Berliner Bezirk Moabit. Vorbei an gutbürgerlichen Häusern aus der Gründerzeit, kleinen Restaurants, schönen Fassaden. Der Text zieht sich in Schreibschrift über den Bürgersteig und die Straßen, nicht ganz leicht zu lesen. Auch ist es auf den ersten Blick nicht für alle Passant_innen ersichtlich, dass es sich hier um eine Kunstaktion handelt. Viele laufen vorbei, andere registrieren die Wörter.

Vielleicht ist es ja auch nicht wichtig. „Wie verändert ein Text die räumliche Wahrnehmung?“, fragt Sophia Pompéry. Gemeinsam mit Tobias Roth legt sie eine „vergängliche Fährte“. Das Projekt Häuserzeilen, gefördert vom Bezirksamt Mitte im Rahmen der miKrOPROJEKTE, verstehen beide als Experiment. „Text entsteht auf dem Papier“, so die beiden, „aber er kann das Papier auch wieder verlassen.“



"Häuserzeilen" - Ein Experiment für Flanerie, 1600m Monostichon in Moabit, Courtesy Sophia Pompéry

Sophia Pompéry (geb. 1984) studierte an der Kunsthochschule Weißensee, war Teilnehmerin am Institut für Raumexperimente bei Olafur Eliasson. Wahrnehmungsfragen interessieren die international tätige Künstlerin, das „Brücken schlagen zwischen Philosophie und Physik“. Auch Tobias Roth (Jahrgang 1985) verbindet in seinen mehrfach ausgezeichneten literarischen Werken Sprache und kulturelle Partizipation.

„Neben Korinthischen Kapitellen hohe Fenster …“ steht so auf den Gehwegplatten, in sehr gerader Schreibschrift … und „Alle Tage vergehen einzeln …“ Von der Bochumer über die Elberfelder Straße, die Worte teilweise verdeckt durch Tische und Stühle eines Cafés. Poesie trifft auf Alltag - Alltag auf Poesie. Auch an der nächsten Ecke, der Essener Straße. Kinder pusten Seifenblasen in die Luft, sie hüpfen über die Zeilen. Weiter geht es über die Kreuzung an der Krefelder Straße, dann über die stark befahrene Turmstraße, vorbei am Rathaus und in Richtung historischer Markthalle. Hier verändert sich die Kulisse, es wird wieder ruhiger, weniger stilvolle Altbauten mit netten Cafés, dafür Eckkneipen und Änderungsschneidereien. Jetzt nach links in die Bugenhagenstraße, vorbei am Amstel House, einem ehemaligen Ledigenheim für Männer. Das denkmalsgeschützte Bauwerk in der Waldenserstraße ist heute ein Hostel. An der Ecke zur Oldenburger Straße endet die poetische Spur „…nicht mit der Spree im Rücken.“

Ein schönes Projekt, ein gelungenes Experiment. Eine „Einladung, den Moment zu ergreifen … durch ein Gedicht zu spazieren“, so Tobias Roth. Die Flanierenden können dem Text folgen, seine Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen oder aber einfach den geschwungenen Buchstaben und Linien nachgehen.

Ein begleitendes Heft mit dem Text des Gedichtes wäre hilfreich gewesen, mit Informationen zum Kiez, den Bauten und Bewohner_innen. Aber vielleicht ist es ja gerade das Flüchtige, Unerklärte, Nicht-Vorgegebene, das uns das Flanieren, Schauen und Entdecken ermöglicht und einen neuen, eigenen Blick auf die Stadt eröffnet.

Häuserzeilen
Ein Experiment für Flanerie - 1600 Meter Poesie auf der Straße
Sophia Pompéry sophiapompery.de
Tobias Roth Tobias Roth

Dr. Barbara Boreck

weitere Artikel von Dr. Barbara Boreck

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema :


Brücke-Museum ist Museum des Jahres
Nachricht: Die deutsche Sektion des internationalen Kunstkritikerverbandes AICA hat das Brücke- Museum als Museum des Jahres 2023 gekürt.

Dit is Berlin: Über die Freiheit der Anonymität und die Kunst des Nicht-Zuschreibens
Besprechung: Die Fotografien von Florian Reischauer sind geprägt von zufällige Begegnungen auf den Straßen Berlins, festgehalten mit einer analogen Kamera. Aktuell in der Galerie neurotitan ...

Walking Archive
Walking Archive: Web-App-Launch zur Überblendung von Geschichte und Gegenwart rund um den Oranienplatz in Kreuzberg (Sponsored Content)

Eine Erzählung in Bildern
Ausstellungsbesprechung: Über die Ausstellung CHRONORAMA – PHOTOGRAPHIC TREASURES OF THE 20th CENTURY in der Helmut Newton Stiftung Berlin.

berlin daily (bis 25.2.2024)
Tagestipps für die Woche

Mit einem Tiger schlafen – ein Film über die Malerin Maria Lassnig
Filmbesprechung: Der Film von Anja Salomonowitz, der sich dem Leben der Malerin Maria Lassnig widmet, bildet eine Art Fixpunkt/Rückgrat für den thematischen Schwerpunkt des FORUM Special der diesjährigen BERLINALE.

The Night is never Complete
Filmbesprechung zur Berlinale: „Mother and Daughter, or the Night is Never Complete“ – ein wunderbarer Film der georgischen Filmemacherin Lana Gogoberidze (Forum Spezial)

Open Call für 3 Künstler*innen Residenzen
Die Ingrid Bischoff Stiftung bietet dreimal eine vierwöchige Residency für zeitgenössische Künstler*innen aus der Bildenden Kunst an.
(Sponsored Content)

Die Aneignung der Steine. Lucy Ravens Film-Installation in der Neuen Nationalgalerie
Besprechung: Mitten in der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie befindet sich eine große Leinwand. Das Licht fällt sanft – der Raum ist hell und das Video scharf. Dieser Ort würde sich auch bestens als Kinosaal eignen.

Die Heimlichmaler
Mehr als drei Jahrzehnte lang haben sich Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid in ihrer „Kunstzeitung“ mit der Branche auseinandergesetzt. Was niemand wusste: Zeitgleich schufen sie ein künstlerisches Ouevre. Einen Ausschnitt daraus zeigen die beiden aktuell in der Berliner Galerie Tammen. Frank Lassak hat das geheime Künstlerpaar interviewt.

berlin daily (bis 18.2.2024)
Heute ausnahmsweise an einem Dienstag: Unsere Tagestipps für die Woche ...

Propagandistische Interventionen im Kunstkontext zerstören den Diskurs
Die Performance "Where Your Ideas Become Civic Actions" der kubanischen Künstlerin und Aktivistin Tania Bruguera musste aufgrund massiver Störungen am Wochenende abgebrochen werden.

Demokratie üben als Performance - eine subtile Provokation. Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof
Besprechung: Leider musste die Performance aufgrund massiver Störungen abgebrochen werden, wie der Hamburger Bahnhof mitteilte.

Der Großstadtmaler K.H. Hödicke ist gestorben
K.H. Hödicke, von manchen auch als Vater der Neuen Wilden bezeichnet, gilt als einer der Wegbereiter des deutschen Neoexpressionismus. Beeinflusst durch seinen Lehrer Fred Thieler stand zunächst der gestische Duktus und der Eigenwert der Farbe im Vordergrund ...

top

zur Startseite

Anzeige
Alles zur KI Bildgenese

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
GEDOK-Berlin e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
tunnel 19




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
neurotitan




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
GalerieETAGE im Museum Reinickendorf




© 1999 - 2023, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.