logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 14.06.2021
Digital Lab #2 - Lightning Talks - Gesprächsrunden

14.+15.6.: Onlineplattform (mit Anmeldung) & YouTube-Livestream (ausgewählte Inhalte, ohne Anmeldung). Im Zentrum des Digital Lab #2 steht das Thema Co-Creation. U.a.mit ruangrupa (documenta 15)
Kulturstiftung des Bundes

Wimper und Kniescheibe - John Bocks absurdes Theater in der Berlinischen Galerie

von Inge Pett (19.08.2017)
vorher Abb. Wimper und Kniescheibe - John Bocks absurdes Theater in der Berlinischen Galerie


John Bock, Da-Dings-Da ist im Groß-Da da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, 2014, Video, 25 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers

„War eine Superzeit“, lobte John Bock den Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler. Am 24. Februar eröffnete in dessen Museum die Ausstellung „John Bock. Im Moloch der Wesenspräsenz“. Dabei war es für den Hausherrn sicher nicht einfach, dem Künstler bedingungslos zu vertrauen, denn nicht von ungefähr ist dieser berühmt-berüchtigt für seine unorthodoxen Installationen, die ein Museum schon mal ins Wanken geraten lassen können - durchaus nicht nur im sprichwörtlichen Sinne.

So hatte Block bereits 1999 im Kunstmuseum Wolfsburg eine Installation in den Hohlräumen der Ausstellungswände geplant, was aus baustatischen Gründen heikel war. Daraufhin behalf er sich mit einer tierischen Installation. Die Hauptrollen waren einem Huhn und einer Schildkröte zugedacht, was wiederum empörte Tierschützer auf den Plan rief. Nein, langweilig wird es nicht mit John Bock. „Regeln überschreiten“ lautet das Credo des 1965 geborenen und auf einem Bauernhof aufgewachsenen Bildhauers, Zeichners, Autors, Aktionskünstlers und Filmemachers. Dazu zähle es eben, die Durchgänge in einem Museum zu blockieren, Störmomente einzubauen.

So gesehen kommt Köhler glimpflich davon, darf sich vielmehr über eine „Freakshow, Bühne, Versuchslabor und Kino zugleich“ freuen - die erste große Museumsausstellung des international renommierten Künstlers. Bock genießt es offensichtlich, seine Arbeiten der letzten fünf Jahre in Berlin auszustellen: „Zuhause ist man immer mehr gefordert“, betont er.

Bereits den Ausstellungstitel darf sich der Besucher auf der Zunge zergehen lassen, weiter geht der rhetorische Reigen mit Werktiteln wie „Da-Dings-Da ist im Groß-Da-da weil der Wurm im Moby Dick wohnt“ von 2014 oder „Große Erscheinung der ins Licht getretenen TRIEBKREATUR“ von 2014.

Es ist ein äußerst bizarrer, teils verschreckender und klaustrophobischer visueller und akustischer Kosmos, der sich dem Besucher der Berlinischen Galerie auftut. So in der Installation „Der Pappenheimer“, an der sich auf weißem Untergrund der Bügel einer Brille mechanisch hebt und senkt wie die Beine einer Dame bei der Schenkelgymnastik. Etwas unterhalb hat Bock einen Kugelschreiber montiert, dessen Spitze rhythmisch raus- und wieder reingleitet und den Besucher zum Grinsen verleitet. Der Künstler selber liebt diesen Einfall. „Das ist einer dieser Glücksmomente, wie sie nur alle zehn Jahre vorkommen – und durch Sonne“.



John Bock, Cowwidinok, 2013, Video, 82:30 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Foto: David Schultz

Sinnlich oder komisch? Klamaukig oder hochintelligent? So genau kann man das nie sagen. Auch nicht bei der blauen Tüte, die sich aufbläht, zusammenfällt, aufbläht. Als „lustvolles Feiern des Absurden“ bezeichnet Kuratorin Stefanie Heckmann die Ausstellung, der die Zusammenarbeit mit dem Künstler sichtbar Freude bereitet hat. „Es ist, was es nicht ist“, so der Künstler.

Erbse und Stuhl können im Kosmos von John Bock ebenso selbstverständlich aufeinandertreffen wie Wimper und Kniescheibe. In unserer Dependenzenwelt sehe man nicht mehr den Freiheitsbegriff, so der Künstler, auf dessen Sprache und Metaphern - im rasanten Tempo entwickelt - man sich erst einmal einhören muss. Was ist Ironie, was hingegen todernst? Es ist ein riesiges absurdes Theater, das Bock heraufbeschwört, eine interdisziplinäre Fortsetzung der Experimente Samuel Becketts oder Eugène Ionescos unter Einbeziehung der Neuen Medien.



John Bock, Escape, 2013, Video, 7:30 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Anton Kern Gallery / Gió Marconi Gallery / Regen, Projects / Sadie Coles HQ, Foto: David Schultz

Nicht selten bleibt dem Besucher das Lachen im Halse stecken wie etwa in der Killergeschichte, in der der Verfolger seine Gedärme aus dem Leib holt, mit ihnen redet, um dann damit den Verfolgten zu erwürgen. Einer Wurstkette gleich baumeln diese Gedärme an der Windschutzscheibe eines Auto vis á vis der Leinwand.

In seinen Filmen arbeitet Bock mit namhaften Schauspielern wie Lars Eidinger, denen Bock am Vernissageabend eine Rolle zuschreibt. Sowohl auf der Leinwand als auch im Publikum vertreten, kann es so zu einer Doppelung kommen, ebenso wie Bocks „Quasi-Ich“ aus Holz, von einer Schauspielerin zersägt wurde, während der Künstler selber sich ein paar Meter entfernt handwerklich beschäftigt.

„Wenn ich zu viele Filme gemacht habe, suche ich wieder den Kontakt zu den Rezipienten“ erklärt Bock. „Ich knete Köpfe und packe sie in Becher und verschenke sie, ein ruhiges Laissez-faire“. Damit das Laissez-faire den Besucher nicht langweilt, liegen neben dem Knetenden diverse Essiggurken in zusammengerollten Socken - „ein kleines erotisches Element fürs Auge“.

Ausstellungsdauer: 24.02.–21.08.2017

ÖFFNUNGSZEITEN
Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr
Dienstag geschlossen

BERLINISCHE GALERIE
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin
www.berlinischegalerie.de

Inge Pett

weitere Artikel von Inge Pett

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema :

berlin daily (bis 20.6.2021)
Tipps für die Woche ...

Das Spreewälder Kunstfestival aquamediale 14 ist eröffnet
Das aquamediale-Ausstellungsareal kann ab sofort von interessierten Besuchern auf dem Wasserweg erkundet werden. Insgesamt elf Künstlerinnen und Künstler aus acht Nationen begleiten die aquamediale 14 und visualisieren das Thema „Hand Werk Kunst“ in ihren Arbeiten.

Weiße Flecken zu Grabe getragen: Grada Kilomba und die Radikalität des Rituals
Nur noch heute in der McLaughlin Galerie.

18. – 20. Juni 2021: 48 STUNDEN NEUKÖLLN mit Jahresthema „Luft“
Nach der überwiegend digital gehaltenen Festivalausgabe des vergangenen Jahres finden die diesjährigen 48 STUNDEN NEUKÖLLN als hybride Veranstaltung statt. Mit mehr als 600 Künstler*innen und über 250 Projekten.

DRAUSSENSTADT – Call for Action neu aufgelegt
Der Call for Action ist Teil der Initiative DRAUSSENSTADT und wird nach einer durch die Pandemie bedingten Absage im Oktober letzten Jahres nun erneut aufgelegt.

Für alle, für die Stadt: Kultureller Austausch beim artspring Festival 2021
Ein Rückblick: Schrebergärten, Bankfilialen, Versicherungsgebäude: Einen Monat lang zeigte das Kulturfestival artspring, wie vielfältig der Stadtraum für Kunst genutzt werden kann und stellte damit die dringende Frage, wem dieser gehört.

berlin daily (bis 13.6.21)
berlin daily mit ausgewählten Tagestipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst in einer wöchentlichen Vorschau:

Kult, Krach & Kitsch: Pauline Curnier Jardin im Hamburger Bahnhof
Ausstellungsbesprechung: Eine monumentale Rotunde thront inmitten der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs. Sie sieht wie eine überlebensgroße Marzipantorte in Form des römischen Kolosseums aus. ...

Norra Tornen - Hochhaus der urbanen Zukunft?
Für die Frankfurter*innen unter uns: Letzte Gelegenheit im DAM Deutsches Architekturmuseum die Ausstellung: INTERNATIONALER HOCHHAUSPREIS 2020

Angelika Richter ist neue Rektorin der weißensee kunsthochschule berlin
Personalien: Angelika Richter ist neue Rektorin der weißensee kunsthochschule berlin. Sie folgt Leonie Baumann, die die Kunsthochschule seit 2011 leitete.

Pompons, Polka Dots und Flamingos: Matthew Lutz-Kinoy im Salon Berlin
NUR NOCH BIS MORGEN: Mit Filzlatschen über den Schuhen geht man auf einem Teppich in Altrosa, umgeben von einer Girlande aus sanft schwingenden, pinkfarbenen Kugeln. ...

Die Verstrickungen des Latexgummis
Bethan Hughes erzählt in ihrer Ausstellung „Devil’s Milk“ die Geschichte einer alten botanischen Substanz.

JUNGE AKADEMIE vergibt Stipendium für Kunstkoordination/-kuration
Ausschreibung: Die JUNGE AKADEMIE der Akademie der Künste vergibt zum ersten Mal ab September 2021 ein 10-monatiges Stipendium für junge freischaffende Kunstkoordinator*innen und Kurator*innen, die in Berlin wohnhaft sind.

Living the City (21.5. – 20.06.2021)
Eine Ausstellung über Städte, Menschen und Geschichten. Die Ausstellung Living the City macht Lust auf Stadt. Sie verwandelt die Haupthalle des Flughafens Berlin-Tempelhof in eine begehbare Stadtcollage.
(Sponsored Content)

Eine Beletage für Picasso – wann kommt er ins Mezzanin?
Ausstellungsbesprechung: Dem Museum Berggruen ist gelungen, acht der insgesamt 15 heißbegehrten Les Femmes d’Alger von Pablo Picasso unter einem Dach zu versammeln.

top

zur Startseite

Anzeige
Ateliers suchen mieten anbieten

Anzeige
vonovia award-teilnahme

Anzeige
Responsive image

Anzeige
artspring berlin auf art in berlin

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Akademie der Künste / Pariser Platz




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie im Tempelhof Museum




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.