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Andres Veiel – Werkschau in Berlin. Bundesplatz-Kino

von Daniela Kloock (11.11.2017)
vorher Abb. Andres Veiel – Werkschau in Berlin. Bundesplatz-Kino

© zeroonefilm / Arno Declair

Andres Veiel sticht in Wunden, legt Traumata frei, macht Dinge sichtbar, die im verborgenen schlummernd wirkmächtig sind. Seit den frühen 1990er Jahren produziert Veiel Theaterstücke, Filme, Bücher, gehört zu den gefeierten „Dokumentarfilmern“ hierzulande. Sein Film „Black Box BRD“ (2000/2001) wurde förmlich mit Preisen überhäuft und machte ihn spätestens dann einem breiten Publikum bekannt.
Nur vordergründig geht es um Alfred Herrhausen, den damaligen Vorstandschef der deutschen Bank, der 1989 von der RAF in seinem Mercedes in die Luft gesprengt wurde - und um den RAF Terroristen Wolfgang Grams, der vier Jahre später bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben kam. Der Film rekapituliert die Ereignisse, spürt den Biografien dieser beider Männer nach, legt frei wie sich beide in ihrer Rigorosität und Ruhelosigkeit, aber auch in ihrem jeweiligen Idealismus zu ähneln scheinen. Zeitzeugen äußern Spekulationen, implizite Wertungen, Ängste und Trauer über dieses Kapitel bundesdeutscher Geschichte.
Unterschwellig geht es aber auch bei diesem Film um die ganz eigene Biografie des Filmemachers. 1958 in Stuttgart geboren erlebte Veiel als 15-Jähriger die Stammheim-Prozesse. Er wurde groß in einer Zeit gesellschaftlicher Verhärtungen, der Rede- und Denkverbote, des nach wie vor verbreiteten Schweigens über heikle Themen, nicht zuletzt auch über die Verwicklungen der Eltern im Zweiten Weltkrieg.
Bereits sein Film „Die Überlebenden“ (1994-96) ist ein genauer Blick auf die Binnenstruktur (s)einer Generation „zwischen den Stühlen“. Denn ihr fehlen sowohl der Furor, die Träume und Utopien der 68er, als auch der kritiklose Konsumismus der späteren „Generation Golf“. Der Film verfolgt die Wege dreier Klassenkameraden, die Selbstmord begingen. Lässt sich also eine immanente Logik in diesen Lebenswegen finden? Wie ist überhaupt der Blick der Lebenden auf die Toten? Wie sprechen sie über Schweigen, Schuld und Verantwortung? Der Film konfrontiert mit existentiellen Fragen und ist gleichzeitig eine bittere Dokumentation schwäbischer Milieus, in denen Enge, Ehrgeiz und Selbstgerechtigkeit vorherrschen. Doch Veiel denunziert nicht, er schildert, legt Schichten frei. Das Sprechen seiner Protagonisten hat in vielen seiner Filme etwas offensichtlich befreiendes, durchaus therapeutisches. Immer wieder ist spürbar, dass hier nicht nur ein Dokumentarist am Werk ist.


Susanne-Marie Wrage, Markus Lerch, © WILFRIED BÖING

Andres Veiel hat vor seiner Karriere als Filmemacher in West-Berlin Psychologie studiert, lernte erst anschließend Regie und Dramaturgie im Rahmen der internationalen Regieseminare am Künstlerhaus Bethanien, unter anderem bei Krzysztof Kieślowski. Veiels Beharren auf Tiefenbohrungen, seine fast besessene Suche nach einer inneren Wahrheit, die Auseinandersetzung mit Gewalt- und Herrschaftsverhältnissen mögen das Ergebnis dieser nicht unkomplizierten Begegnung mit dem großen polnischen Regisseur sein.

Die Beharrlichkeit und Genauigkeit, mit der er an seinen Themen arbeitet, erfordert Zeit. Kein Wunder also, dass seine Filmproduktionen viele Jahre in Anspruch nehmen und zuweilen im Nachhinein auch Bücher entstehen. Manche Projekte sind zunächst im Theater beheimatet, wie zum Beispiel „Der Kick“ (2005/2006). Veiel hatte in der Zeitung gelesen, dass drei Jugendliche in Brandenburg einen 16-Jährigen foltern und durch einen Bordsteinkick zu Tode treten. Vorlage für ihre grausame Tat war der Film „American History X“. Veiel reist zum Schauplatz, macht Interviews ohne Kamera, ohne Tonband, baut Vertrauen auf, durchbricht quasi therapeutisch langsam die dünne Schicht aus Abwehr und Misstrauen. Erst viel später nutzt er die Aussagen, lässt von zwei Schauspielern nachsprechen, was von Tätern, Angehörigen, Dorfbewohnern, aber auch von Anklägern, Juristen und Richtern gesagt wurde. Durch die Art der Montage entsteht eine differenzierte Chronik über Gewaltverhältnisse, die bis weit in die deutsche Geschichte zurückreichen. Gleichzeitig entwickelt sich ein Lehrstück darüber, wie dünn die Schicht ist, unter der sich psychischer Druck verbirgt. Aus dem Theaterstück wurde dann ein Film, der die Grenzen des sogenannten Dokumentarischen aufhebt, indem er Filmisches mit Theatralischem verschränkt, Fiktionales und Reales miteinander verwebt.
Diese Methode war bereits in „Balagan“ (1992/1993) angelegt. Hier beobachtete Veiel drei jüdisch-palästinensische Schauspieler bei den Aufführungen ihres Stücks „Arbeit macht frei“. Die provozierenden Szenenausschnitte kombiniert er mit Interviews der Darsteller, in denen sie über die Aufarbeitung der Shoah sprechen - über das Schweigen ihrer Eltern, den Zwiespalt ihrer Empfindungen und Gedanken, und ihre innere Zerrissenheit.


Joseph Beuys, Aktion: „Die Eröffnung … irgendein Strang … Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ Galerie Schmelan, Düsseldorf, 1965. © zeroonefilm / bpk / Stiftung Schloss Moyland / Ute Klophaus

Angesichts der Tatsache wie gut es Andres Veiel in all diesen Filmen gelingt, durch seine Tiefenbohrungen neue Perspektiven zu öffnen, Unbekanntes ans Tageslicht zu bringen und durch Konfrontationen zum Nachdenken anzuregen, verwundert es, wie eindimensional sein letzter Film geraten ist. „Beuys“ (2015-17) ist eine einzige Hagiografie, ein kritikloser Kniefall vor dem Mann mit dem Filzhut. Der Regisseur findet keinen überzeugenden Zugang, die Montage folgt einer unbefriedigenden Struktur, die das Material teils chronologisch, teils thematisch ordnet. Vielleicht ist/war Beuys einfach zu viel von dem, was Veiel selbst gerne sein würde. Politisch UND künstlerisch ein einzigartiger Aufmischer und Aufrüttler, berühmt UND bescheiden, aggressiv UND sensibel, vor allem aber ungebremst und eindeutig in seiner Zielvorstellung nicht nur den Menschen, sondern gleich der ganzen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

Wer sich in den nächsten Wochen einen genauen Überblick über die Filme von Andres Veiel verschaffen will oder mit ihm diskutieren möchte, dem sei die Werkschau im kleinen, feinen, vor allem aber höchst ambitioniert betriebenen Bundesplatz-Kino empfohlen, wo jeweils sonntags bis zum 17.12. alle seine Filme gezeigt werden, auch die hier unerwähnt gebliebenen „Winternachtstraum“ (1991), und „Die Spielwütigen“ (1997-2004).

Das Programm mit ausführlichen Angaben unter: bundesplatz-kino.de





Daniela Kloock

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