Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Berlin Daily 25.06.2019
Denkerei mobil:

18:30 Uhr: Selfie und Otherfie – Selbstbild, Idealbild und Image/Fremdbild. Über das Verhältnis von Dauer und Flüchtigkeit im digitalen Zeitalter – mit Bazon Brock
Berlin-Saal der Bibliothek (ZLB), Breite Straße 36, 10178 Berlin, 2. Stock

(Einspieldatum: 09.04.2019)

Andres Veiel und Andreas Dresen im Gespräch

bilder

links: Andres Veiel, Foto © Karsten Kampf
rechts: Andreas Dresen, Foto © Klaus-Dieter Fahlbusch


Eine Spurensuche vor Publikum – so ließe sich diese Begegnung am besten beschreiben, die auf Einladung der Akademie der Künste letzte Woche stattfand. Anlass war die Buchpremiere „Streitbare Zeitbilder – das Kino von Andres Veiel“ der Autorin Claudia Lenssen, die die Veranstaltung auch moderierte.

Sichtlich gutgelaunt betraten die ungefähr gleichaltrigen Männer das Podium. Wiewohl schon lange Zeit miteinander befreundet, betonten beide zunächst ihre unterschiedlichen Herkünfte. Andres Veiel, 1957 in einem Vorort von Stuttgart in einem eher stickigen Elternhaus geboren, war eine Film-Karriere nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Seine Jugend war geprägt von der Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Geschichte, von der Verstrickung des Vaters in Bezug auf Schuld und Täterschaft. Auch die Zeit der Stammheim-Prozesse, die Spaltung der (schwäbischen) Gesellschaft in zwei Lager, hatte er hautnah miterlebt. Die Begegnung mit Claus Peymann, der damals das Schauspielhaus Stuttgart leitete, machte Veiel deutlich, dass Theater bzw. Kunst die Kraft hat, sich einzumischen. Der berühmt-berüchtigte Theatermacher setzte sich für die RAF-Gefangenen ein und kam über die protestantisch geprägte Landeshauptstadt hinweg in die Schlagzeilen, als er für Gudrun Ensslins Zahnersatz Geld sammelte. Dass Kunst also etwas bewirkt, und sei es „nur“ ein Sprechen über Tabus und bisher Beschwiegenes, diese Lektion hatte Andres Veiel bei Peymann gelernt.
Wie Veiel fand Andreas Dresen, 1963 in Gera geboren, seine Lehrer und Vorbilder in der Welt des Theaters der damaligen DDR. Da war zum einen sein Vater Adolf Dresen, Theater- und Opernregisseur, später dann, nach der Trennung der Eltern, trat an dessen Stelle sein neuer Ziehvater Christoph Schroth. Er leitete in Schwerin von 1974 bis 1989 das Mecklenburgische Staatstheater. Auch auf dieser Bühne ging es darum, das Künstlerische mit dem Politischen zu verbinden und in Kontakt mit den Zuschauern zu treten. Schwerin wurde so zu einer „heimlichen“ Pilgerstätte der DDR- Kulturszene.

Während sich also der Eine der politischen Aufarbeitung, der Aufklärung, und der Konfrontation verschrieb und sich an der Schuldfrage der Vätergeneration abarbeitete, hatte der Andere „frei Haus“ gleich zwei künstlerisch und politisch engagierte Vaterfiguren. Ohne Umwege ging es für Andreas Dresen über ein Volontariat bei den DEFA Studios zum Regiestudium nach Potsdam Babelsberg. Andres Veiel hingegen absolvierte zunächst ein Psychologiestudium in Berlin, ehe ein Regieseminar am Künstlerhaus Bethanien (u.a. bei Krzysztof Kieslowski) ihn von der Universität weg zum Theater und Film führen sollte. Ein psychologisch-therapeutisches Moment kennzeichnet jedoch bis heute viele seiner Arbeiten, man denke nur an „Der Kick“ (2006), „Die Spielwütigen“ (2004) oder an „Balagan“, Veiels zweitem Dokumentarfilm von 1993.

Überraschend einig waren sich die Regisseure über das Theater als die Kunstform, die grundsätzlich größere Freiheiten ermögliche als der Film. Eher spielerisch etwas zu erkunden, zu experimentieren, andere, neue Formen der Darstellung zu versuchen, all dies sei nur im Theater möglich. Demgegenüber stehen der enorme Erfolgsdruck und die brutale Verwertungsökonomie des Kinos. Eine grundsätzlichere Kritik an den Produktionsbedingungen oder an der Filmkultur hierzulande blieb jedoch aus, obwohl Andreas Dresen die aufreibende Produktions- Geschichte seines „Gundermann“ Films schilderte. Zehn Jahre hatte er für dieses Projekt kämpfen müssen. Der singende Baggerfahrer, den kein Mensch im Westteil der Republik kannte, fiel als Stoff sowohl bei den Redakteuren der Fernsehanstalten als auch bei den Fördergremien unhinterfragt durch.
Und da war sie wieder die gemeinsame Schnittmenge. Inhaltlich diesmal: Denn so wie Gundermann eine schillernde, ambivalente und schwer zu begreifende Persönlichkeit war, so auch Joseph Beuys, dem sich Andres Veiel in seinem letzten Film zu nähern versuchte (siehe unsere Kritik: Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?). Die Beschäftigung mit Künstlern oder Persönlichkeiten, die Querdenker waren, die nicht erst genommen wurden, die gegen Widerstände lebten, das fasziniert beide Regisseure gleichermaßen. Film kann so zu einem Diagnose-Verfahren werden, welches uns über eine bestimmte Zeit, aber auch über uns selbst aufklärt. „Zeige deine Wunde“, Veiel zitierte gern und viel Beuys an diesem Abend - ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Regisseur sich u.a. als „Heiler“ versteht, und dass Wohlfühlkino für ihn ein „No-Go“ bleibt. Andreas Dresen demgegenüber scheint das lockerer zu sehen, für ihn ist Film primär ein Erzählmedium und „darüber ergibt sich dann was“ ...

Ein seltenes Glück und sicher eine ganz große Ausnahme dürfte es sein, dass zwei gleichermaßen erfolgreiche Regisseure eine so lange und produktive Freundschaft verbindet. Denn das kam ebenso zur Sprache. Sie teilen nicht nur Erfolge, Zweifel und Ängste, sondern sie stehen sich auch in Krisenzeiten mit Rat und Hilfe bei. Diese Verbundenheit einen Abend lang mitzuerleben, war schön.

Claudia Lenssen
Andres Veiel. Streitbare Zeitbilder
Schüren Verlag
ISBN 978-3-89472-717-8
www.schueren-verlag.de/andres-veiel

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema :

Timm Ulrichs erhält den Käthe-Kollwitz-Preis 2020
Kurzinformation: Timm Ulrichs erhält den mit 12.000 Euro dotierten Käthe-Kollwitz-Preis 2020 der Akademie der Künste.

Die Braut trug Gehäkeltes – Ausstellung im PalaisPopulaire erinnert an den Sommer der Liebe
Ausstellungsbesprechung: Dass der Lifestyle der Hippies einmal Einzug in den musealen Kontext bzw. in ein aufwändig hergerichtetes Palais nehmen würde, betrieben von Deutschlands größtem Kreditinstitut, hat sich im Sommer der Liebe wohl niemand träumen lassen.

Künstlerische Narrationen und ihre Interpretationen: Deep Sounding in der daadgalerie
Ausstellungsbesprechung: Ohne die „Hintergrundnarrationen“ aus der Begleitpublikation wirken die in der Deep Sounding (was auf Deutsch Tiefensondierung bedeutet und ein Begriff aus der Archäologie ist) gezeigten Arbeiten wie Exponate einer herkömmlichen multimedialen Schau.

Der Weg zur Kunst führt durch die Nase. Sissel Tolaas in der Schering Stiftung
heute letzter Ausstellungstag --> Unsere Besprechung:

berlin daily (bis 30.6.2019 )
berlin daily mit ausgewählten Tagestipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst in einer wöchentlichen Vorschau:

Angekommen - Die Tresortür im Berliner Humboldt Forum
Besprechung: Tonnenschwer an Gewicht und Metaphern, die Karriere dieser Tür ist beachtlich ...

Ego oder Öko? Gegen das Verschwinden in der Galerie EIGENHEIM
heute letzter Ausstellungstag: --> Besprechung

KLASSE DAMEN! 100 Jahre Öffnung der Berliner Kunstakademie für Frauen im Schloss Biesdorf
Ausstellungsbesprechung: Seit Januar 1919 wurden angehende Künstlerinnen erstmals an der Königlichen Kunstakademie in Berlin zugelassen. Die Ausstellung nimmt das Ereignis zum Anlass, historische Positionen und zeitgenössische Künstlerinnen zusammenzubringen.

Doppelhaushalt 2020/2021 - ein Überblick für die Berliner Kultureinrichtungen
Kurzinfo: Was der Senatsbeschluss zum Doppelhaushalt 2020/2021 für die für die Berliner Kultureinrichtungen bedeutet ...

Die Enge der Städte, die Weite des Himmels. Michael Wolf in der Urania Berlin
Ausstellungsbesprechung: Michael Wolf war ein Fotograf, dem wir einprägsame und zum Teil erschütternde Bilder der Megastädte verdanken. Er war ein visueller Soziologe und ein Chronist der urbanen Hölle ...

Diskussionsthema: freier Eintritt in Museen
Kurzinformation: Der freie Eintritt in Museen ist bundesweit schon seit längerer Zeit ein Diskussionsthema.

Kunst mit einem Faible fürs Haus. Romain Van Wissen in der Saarländischen Galerie
Ausstellungsbesprechung: Es gibt sie noch, die Vedute. Dieser Eindruck entsteht beim Betrachten der Werke des Künstlers Romain Van Wissen, der eigentümliche und rätselhafte Landschaften malt.

berlin daily (bis 23.6.2019)
berlin daily mit ausgewählten Tagestipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst in einer wöchentlichen Vorschau:

And Berlin Will Always Need You im Gropius Bau
Ausstellungsbesprechung: Endet dieses Wochenende

Der Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, Peter Schäfer, tritt zurück
Personalien: Peter Schäfer, der seit 1. September 2014 als Direktor die Stiftung Jüdisches Museum Berlin (JMB) leitete, hat am Freitag der Kulturstaatsministerin Monika Grütters seinen Rücktritt angeboten.

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Kuchling




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Ephraim-Palais




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
museum FLUXUS+




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Kleistpark




Copyright © 2014 - 18, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.