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Berlin Daily 23.10.2019
Denkerei-Veranstaltung: Selfie und Otherfie

18.30 Uhr: Selbstbild, Idealbild und Image/Fremdbild. Über das Verhältnis von Dauer und Flüchtigkeit im digitalen Zeitalter – mit Bazon Brock.
Berliner Stadtbibliothek | Breite Str. 30-36 | 10178 Berlin

(Einspieldatum: 13.08.2019)

Aus dem Diesseits ins Jenseits und zurück: Beyond im me Collectors Room

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Kris Martin, The End, 2006 © Courtesy Sies + Höke, Düsseldorf, Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf

Die Ausstellung Beyond mit Arbeiten von Francisco de Goya, Jake & Dinos Chapman, Jonas Burgert, Nathalie Djurberg & Hans Berg, George Condo, FORT und Kris Martin zeigt das Jenseitige aus vielerlei Sicht.

Schwer ist das Leben auf Erden, ein Jammertal und ein gefährliches Pflaster, sodass sich das durch Kunst ausgedrückte Desaster jetzt den Weg nach Beyond durch sechs Räume des Ausstellungshauses in Berlin-Mitte bahnt. Englisch ist die Sprache der Kunst und deshalb nennt ihr prominenter Sammler Thomas Olbricht seine aktuelle Ausstellung im me Collectors Room so, weil sie nach drüben, will heißen: ins Jenseits führt. Mit 51 Werken, wozu auch zwei große Werkgruppen aus seiner schier endlosen Collection gehören, ist sie diesmal bestückt. Sie fügen sich zu einem wahren Pandämonium zusammen, bevölkert von Dämonen, welche in den Menschen wohnen und sie seit eh und je dazu verleiten, sich Gewalt anzutun, andere zu foltern, zu missbrauchen, zu demütigen und ihre Existenz im Namen scheinheiliger Ideologien aufs Spiel zu setzen oder gar zu vernichten.

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Francisco de Goya, Los Desastres de la Guerra, 1810 © Olbricht Collection

Goya und seine Brüder

Das Präludium zum Pandämonium liefern ein Alter Meister und zwei auch nicht mehr so ganz neue. Sie teilen sich den ersten Ausstellungsraum, in dem Objekte von Jake & Dinos Chapman von ihren 80 Radierungen aus der Serie The Disasters of War (1999) und von 80 Aquatinten ihres oft kopierten Vorbilds Francisco de Goya Los Desastres de la Guerra (1810) flankiert werden. Goyas schonungslose Bilder aus der Zeit des Kampfes der spanischen Bevölkerung gegen die französische Fremdherrschaft zeigen, wozu die Menschen auf beiden Seiten des Gemetzels fähig sind: Sie berauschen sich an Gewaltorgien, gebärden sich wie Bestien, denen jede Menschlichkeit abhandengekommen ist. Auch die Grafiken der britischen Chapman-Brüder überzeugen an manchen Stellen, denn sie sind in der Kunst des Ätzens gut bewandert. Dagegen sehen ihre von Goya und anderen kriegerischen, religiösen oder hormonellen Desastern inspirierten Skulpturen und Statuetten heute ziemlich alt aus. Was Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre als Provokation verschrien war, wirkt jetzt wie eine Ansammlung von Artefakten eines Gruselkabinetts.

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Jonas Burgert, Ihr Schön, 2016 © Courtesy the artist & Blain|Southern, Photo: Lepkowski Studios

Clownesk und pittoresk

Doch das ist schnell vergessen, denn drüben lädt die Malerei schön zum Verweilen ein. Ihr gefeierter Meister ist der Berliner Jonas Burgert, der Großes leistet auf Leinwand und nicht nur, denn unabhängig vom Genre ist bei ihm alles wie aus einem Guss und liegt ganz hoch in der Gunst der internationalen Sammlergemeinde. Seine Kunst ist monumental und luftig, statisch und dynamisch, voller Lebewesen aus verschiedenen Zeiten und Räumen, die, in sich gekehrt und scheinbar abwesend, eine starke körperliche Präsenz und eine rätselhafte Anziehungskraft haben. Burgers riesige und kunterbunte Ölgemälde mit clownesken Typen, Schädeln, kaputten Menschen und kaputten Dingen, Architekturfragmenten, Ornamenten und Stofffetzen muten wie ein Totentanz auf einer riesigen Mülldeponie an, zu der unsere Zivilisation verkommen ist. Pittoresk geht die Welt zugrunde, über die sich eine Schönheit im Zebragewand erhebt und auf das staunende Publikum blickt. Zwei Figuren hat der sympathische Künstler von der Leinwand befreit und sie in Bronze und Resin verewigt: einen Knaben mit riesigen Händen und eine überlebensgroße Grazie, die sich wie eine Karyatide an die Säule im me Collectors Room lehnt.

Ambivalenz der Existenz

Skulptural und pittoresk sind auch die animierten Filme, die im kleinen Kabinett auf der linken Seite gezeigt werden. Sie sind das gemeinsame Werk von Nathalie Djurberg, die Plastilinfiguren, Marionetten und Kulissen gestaltet, und Hans Berg, der die dazu passende Musik komponiert. Das Thema der in Berlin lebenden Schweden ist die Ambivalenz der Existenz, in der die Heuchler das Sagen haben, die Schwachen immer verlieren, und das Diesseits einem Albtraum ähnelt, der auch im Jenseits fortgesetzt wird, wofür die Satane in Soutanen sorgen. Das Böse ist omnipräsent und omnipotent im Werk von Djurberg und Berg. Sie schaffen ein wunderbares Teatrum Mundi, ein Kaspertheater vom feinsten, an dem man sich nicht sattsehen kann. Kasperhafte Figuren gehören auch zum Repertoire des US-Amerikaners George Condo. Seine Bilder sind grotesk und fratzenhaft, er malt sie nach altmeisterlicher, kubistischer, surrealistischer oder abstrakter Manier. Condos Gemälde und Skulpturen werden häufig als hässlich, vulgär oder provokant empfunden. Das sind sie keineswegs, denn sie ziehen den Narzissmus, die Dekadenz, die Trivialität und Vulgarität der heutigen Gesellschaft ins Lächerliche und halten ihr einen Spiegel vor: Wer im Konsumieren und Kopulieren den einzigen Lebensinhalt sieht, soll sich nicht wundern, dass er zu einem Untertan, zu einem Butler seiner Triebe wird.

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George Condo, The Homeless Butler, 2009 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, George Condo / ARS (Artists Rights Society), New York, 2018, Courtesy of the artist and Sprüth Magers, Photo: Jens Ziehe

Der Mönch und mehr

Der Weg zum Beyond ist zur Hälfte mit Installationen gepflastert. Diese stammen aus vier Händen des Berliner Künstlerinnenduos FORT (Jenny Kropp & Alberta Niemann), das mithilfe von hinter einem Vorhang kaum erkennbaren Männerschuhen, Eiern als Metaphern von Augen sowie Spielkarten die Symptoms Of The Universe illustriert. Nur einige Schritte von ihrem Universum entfernt hängt ein Spiegel an der Wand. Mit seiner eigenen Hand hat ihn Kris Martin mit der spiegelverkehrten Aufschrift The End versehen. Dieses Werk hat eine tiefe philosophische Bedeutung, wofür sich der belgische Konzeptualist in Kunst- und Sammlerkreisen großer Beliebtheit erfreut. Im me Collectors Room sind von ihm insgesamt 21 Arbeiten zu sehen, die er vorwiegend aus vorgefundenen Dingen wie Knochen, Glocken, Trichtern, Patronenhülsen, dem Schädel eines Mönchs und vielen anderen objets trouvés fertigte. Weil etliche mit Blattgold beschichtet sind, haben sie einen hohen materiellen und ästhetischen Wert. Sehr bewegend und leicht verständlich ist auch sein leises Memento mori unter dem Titel Forget – me – not: ein Schriftzug aus Asche der blauen Blümchen Vergissmeinnicht auf weißem Papier. Ein anderes Werk von Kris Martin erinnert die Menschen daran, dass sie sich nicht nur auf sich selbst verlassen dürfen. Da liegt nämlich am Boden ein gigantisches Schwert, wohl das größte und schwerwiegendste Kunststück dieser Schau, unter dem mysteriösen Titel Mandi XV. Mannomann! Was heißt das? Google weiß es: Mandi ist ein italienischer Gruß auf Friaulisch und bedeutet: Ich empfehle dich Gott. Damit endet Beyond und du kannst getrost wieder nach draußen gehen. Und der Herr wird es dir vergelten.

me Collectors Room
noch bis zum 18. August 2019
Auguststraße 68
10117 Berlin
Öffnungszeiten: Mi-Mo, 12-18 Uhr
www.me-berlin.com

Urszula Usakowska-Wolff

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