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Berlin Daily

(Einspieldatum: 21.05.2019)

Hybriden, Paare, Ungeheuer aller Art

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Ausstellungsansicht Lynn Chadwick. Biester der Zeit, Foto: Enric Duch

Biester der Zeit – so der Titel der Doppelausstellung von Lynn Chadwick: Im Georg-Kolbe-Museum ist eine Retrospektive seines bildhauerischen und zeichnerischen Werks zu sehen; im Haus am Waldsee treten seine Skulpturen mit den Arbeiten von Hans Uhlmann und Katja Strunz in Dialog.

Auf dem Rasen vor dem Kolbe-Museum thront ein Paar. Die beiden Figuren wirken zwar menschlich, scheinen zugleich auch Stühle zu sein. Sie tragen silberne Gewänder aus Edelstahl, die einer Rüstung gleichen. Sind es Ritter oder Hohepriester einer unbekannten Religion? Cyborgs, die anstelle der Köpfe Monitore tragen? Aliens mit spitzauslaufenden dünnen Beinchen, die in einer schönen Gegend Berlins rasten und testen, ob sie vielleicht dort auf Dauer bleiben könnten? Das Licht bricht sich im Origamimuster der gepanzerten Brust der rechten Figur und verleiht ihr eine gewisse Weiblichkeit. Aber auch das ist nicht sicher, denn die Sitting Figures sind ein Werk von Lynn Chadwick (1914-2003), das viel Raum für Assoziationen und Interpretationen lässt.

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Ausstellungsansicht Lynn Chadwick. Biester der Zeit, Foto: Enric Duch

Autodidakt, Handwerker, Konstrukteur

Dass seine anderen Arbeiten auch nicht leicht zu entschlüsseln sind, worin einer ihrer intellektuellen Reize liegt, wird im Inneren des Kolbe-Museums noch deutlicher. Die Exponate, 51 zum Teil überlebensgroße Skulpturen, 17 Zeichnungen und fünf Lithographien sowie etliche Bilddokumente aus den Jahren 1950-1990 veranschaulichen den Werdegang dieses autodidaktischen Bildhauers, der sich lieber Handwerker und Konstrukteur nannte und zu einem der bedeutendsten Vertreter der britischen Nachkriegsmoderne zählt. Der kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in London Geborene machte eine Ausbildung als technischer Zeichner; vor und nach dem Krieg arbeitete er in Architektenbüros, entwarf und baute Messestände, war auch ein gefragter Textil -und Möbeldesigner. Ende der 1940er Jahre konstruierte er seine ersten Mobiles, und weil er auch größere Formate im Sinne hatte, besuchte er einen Schweißkurs. Wie es sich für eine chronologische Ausstellung gehört, fangen die Biester der Zeit mit den ersten bildhauerischen Versuchen Lynn Chadwicks an. Gezeigt werden sein unter der Decke hängendes Mobile (1952) aus Messing, Draht und Kupfer sowie seine Kleinplastiken Bullfrog (Ochsenfrosch, 1951) aus Bronze und Untitled (1952): ein insektenähnliches dreibeiniges Wesen aus Eisen mit einem Kopf aus buntem Glas. Bereits in diesen frühen Arbeiten ist das enthalten, was Chadwicks Kunst so zeitlos erscheinen lässt: die Suche nach der optimalen Form als Synthese der Abstraktion und Figuration sowie das Bestreben, die Balance in einer Welt, die immer unsicherer, bedrohlicher und unberechenbarer wird, zu halten.

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Lynn Chadwick, Stranger III, 1956, Bronze, Courtesy of the Estate of Lynn Chadwick and BlainSouthern, Foto Jonty Wilde

Beschwingte Figuren

Die internationale Kunstwelt verblüffte der noch recht unbekannte Künstler, als er 1956 auf der Biennale von Venedig den ersten Preis für Skulptur erhielt, obwohl damals Alberto Giacometti und Germaine Richter als Favoriten galten. Zwei Jahre später kaufte er das verfallene Anwesen Lypiatt Park mit einem neugotischen Herrenhaus unweit von Stround in Gloucestershire im Südwesten Englands: idealer Wohnort, Arbeitsstätte und richtige Kulisse für seine großformatigen Skulpturen. Einige davon, wie etwa der bisher dort im Freien stehende, 780 Kilo schwere und 2,18 Meter hohe Stranger III (1959) hat jetzt in Kolbes einstigem Atelier Station gemacht. Fremd wirkt er und doch vertraut, dieses schwarze Ungeheuer aus Bronze: wie ein Segel, ein Radar oder ein tierisches Fossil mit drei Beinen. Der Fantasie sind auch beim Betrachten anderer Kreaturen, die Chadwicks anthropomorphes Universum bevölkern, keine Grenzen gesetzt. Da gibt es armlose Figuren mit Tierschädelköpfen, geflügelte Frauenstatuen mit Reptilien- oder Vogelköpfen und kugelige, aber asymmetrische Objekte, die einer Mischung aus Planetarium, Raumkapsel und Kastanienschale ähneln. Abgesehen davon, ob sie einzeln, in Paaren oder in größeren Gruppen auftreten, scheinen sie zwar noch etwas wild, doch schon recht domestiziert zu sein. Heiter und beschwingt mühen sie sich, der Erde zu entfliehen, um über ihr frei schweben zu können. Viele seiner Skulpturen sehen wie Flugzeuge oder Papierflieger aus, was damit zusammenhängen könnte, dass Lynn Chadwick im Zweiten Weltkrieg Pilot der Britischen Royal Navy war.

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Lynn Chadwick, Beast Alerted I, 1990, Edelstahl, Courtesy of the Estate of Lynn Chadwick and BlainSouthern, Foto Jonty Wilde

Wie die Zeit, so die Biester

Lynn Chadwick arbeitete intuitiv, ohne Skizzen und Modelle. Diese erstellte er im Nachhinein, um sein Tun zu dokumentieren. Seine metamorphischen Figuren modellierte er nicht nach herkömmlicher Art aus Wachs oder Lehm, sondern er baute zuerst ein Skelett aus Eisenstäben, das er mit Stolit, einer Zementmasse aus Gips und Eisen sowie mit Kohle und manchmal auch Papier füllte. Themen, die ihn kontinuierlich beschäftigen, waren hybride menschlich-tierisch-architektonische Wesen, zu denen auch die titelgebenden Biester gehören. Diese erstaunlichen Werke aus Bronze und später aus Edelstahl zeugen von der ungebrochenen Experimentierfreude, Vitalität und Beobachtungsgabe ihres Schöpfers, dem es auch im hohen Alter gelang, in seiner Kunst die Fragilität des ausgehenden 20. Jahrhunderts auszudrücken. Wie die Zeit, so die Biester: Beast Alerted (1990) ist so eines, von dem man nicht weiß, ob es ein Wächter oder ein Überwachter sei. Diese Figur ähnelt ein bisschen einem riesigen Wachhund, doch sein Hals mündet in einem offenen Viereck. Ist das vielleicht eine Überwachungskamera?
Parallel zur Lynn Chadwicks Retrospektive im Kolbe-Museum werden im Haus am Waldsee neun Figuren aus seinem Bestiarium gezeigt, die mit den Stahlplastiken von Hans Uhlmann (1900-1975) und mit Skulpturen, Papierarbeiten und einer Wandinstallation von Katja Strunz (*1970) konfrontiert werden, um darauf aufmerksam zu machen, dass sich alle drei „mit dem Aspekt der Schwerelosigkeit und der räumlichen Faltung“ befass(t)en. Kaum zu glauben, aber wahr: Die Berliner Doppelausstellung Biester der Zeit ist die erste museale Schau des begnadeten Bildhauers Lynn Chadwick in Deutschland – und zur Besichtigung unbedingt empfohlen.

Lynn Chadwick – Biester der Zeit
bis 15. September 2019
Georg-Kolbe-Museum
georg-kolbe-museum.de

bis 25. August 2019
Haus am Waldsee
hausamwaldsee.de

Urszula Usakowska-Wolff

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