Berlin Daily 08.07.2020
United We Talk

Online-Debattenformat von United We Stream

(Einspieldatum: 21.02.2020)

Das Wachsfigurenkabinett

von Daniela Kloock
bilder

courtesy absolut Medien, www.absolutmedien.de

BERLINALE Galavorstellung: „Das Wachsfigurenkabinett“ (1924) mit Live-Musik am Freitag 17.30 einmalig im Friedrichstadtpalast

Der Stummfilm kommt zurück. Eigentlich kein Wunder. Nirgendwo sonst treffen künstlerisch abstrahierende Kulissen, fantastische Kostüme, kameratechnische Extravaganzen und der Hauch einer lang vergangenen Zeit so aufeinander. „Das Wachsfigurenkabinett“ von Paul Leni, vielleicht weniger bekannt als „Nosferatu“ oder „Metropolis“, gehört zu einem der filmischen Höhepunkte des Weimarer Stummfilmkinos. Allerdings mit einer ungleich dramatischeren Komponente. Denn der Film, bzw. das Originalnegativ, war bereits ein Jahr nach der Premiere auf dem Pariser Zollamt verbrannt. Für die digitale Restaurierung standen nur Nitratkopien verschiedener Filmarchive zur Verfügung. Jedoch waren auch hier die Zersetzungserscheinungen des Materials so groß, dass über 200 Passagen aus anderen Filmmaterialien ergänzt werden mussten. Die BERLINALE feiert also eine quasi Premiere - die neu zusammengestellte Fassung dieses Klassikers des expressionistischen Films. Und ZDF/Arte ist es zu verdanken, dass der für seine spektakulären Klanginstallationen (u.a. documenta 14) bekannte Bernd Schultheis bzw. das „Ensemble Musikfabrik“ einen Kompositionsauftrag erhielt. Fünf Instrumente, Keyboard und Live-Elektronik sorgen dafür, die phantastischen, düsteren und zuweilen komischen Momente des Films musikalisch zu bereichern.

Responsive image
courtesy absolut Medien, absolutmedien.de

Und darum geht es: ein armer, junger Schriftsteller (Wilhelm Dieterle) wird von einem skurrilen Schausteller beauftragt, dessen Wachsfiguren literarisch zum Leben zu erwecken. Dabei handelt es sich um den Kalif Harun al Raschid (Emil Jannings), Iwan der Schreckliche (Conrad Veidt) und Jack the Ripper (Werner Krauß). In jeder der drei, diesen Figuren zugeordneten, Anekdoten/Filmkapiteln wird die hübsche Tochter des Jahrmarktbudenbesitzers (Olga Belajeff) von den sexsüchtigen Männern bedroht. Am Ende aber auch immer vom jugendlichen Helden - welcher vom Schriftsteller selbst gespielt wird - gerettet.

Responsive image
courtesy absolut Medien, absolutmedien.de

Paul Leni, der 44-jährig tragisch an einer Blutvergiftung starb, war nicht nur einer der bedeutendsten Regisseure seiner Zeit, sondern auch Maler, Bühnenbildner, Grafiker und Karikaturist. Anfänglich entwarf der 1885 in Stuttgart geborene Bankierssohn Ausstattungen für die luxuriösen Berliner Lichtspielhäuser und kreierte Filmplakate, mit denen er berühmt wurde. Er arbeitete als Filmarchitekt u.a. für Ernst Lubitsch, drehte 1916 seinen ersten Film, einen Propagandafilm, und folgte 1925 dem Ruf eines anderen erfolgreichen Schwaben, Carl Lämmle, nach Hollywood. Dort begründete er das Genre des „old dark house“-Horrorfilms (Spuk im Schloß, 1927). Sein Film „Der Mann der lacht“ (USA 1928) beeinflusste nicht nur viele Jahre später die Figur des „Jokers“ in Batman, sondern auch Brian de Palma in seinem Film „The Black Dahlia“. Im „Wachsfigurenkabinett“ jedoch sollte neben dem Schrecklichen – v.a. in der Episode des Iwan – das Komische nicht zu kurz kommen. Vor allem malerisch und fantastisch ist dieser Film. Wie schön, dass er jetzt in einem so festlichen Rahmen wieder entdeckt werden kann.

Im TV auf Arte: 24.2. um 23.25 Uhr
DVD/Blu-ray ab 13.3. absolut Medien/ARTE Edition
absolutmedien.de

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Filmbesprechung:

SIBERIA von Abel Ferrara
Filmbesprechung: Seit dieser Woche in den Kinos: SIBERIA.

Undine. Der neue Film von Christian Petzold
Filmbesprechung: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“, sagt eine Frau zu dem ihr gegenübersitzenden Mann, in einem idyllischen Straßencafé, an einem Sommertag. ...

Das Wachsfigurenkabinett
BERLINALE Galavorstellung: Das Wachsfigurenkabinett (1924) mit Live-Musik am Freitag 17.30 Uhr einmalig im Friedrichstadtpalast. Unsere Filmbesprechung ...

J´accuse (dt. Verleihtitel „Intrige“) von Roman Polanski
Filmbesprechung: Der Film ist ein Meisterwerk. Ein Film für die große Leinwand, Bilder voller kompositorischer Schönheit - mit Tiefe, mit Stimmung - eine kunstvolle Choreographie, beeindruckende Plansequenzen und ein toller Erzählrhythmus.

"So long my son". Ein Film von Wang Xiaoshuai
Filmbesprechung von Daniela Kloock

Fahrenheit 11/9 von Michael Moore
Filmbesprechung: „How the fuck could this happen?“. Dies fragt sich Michael Moore in seinem neuen Film „Fahrenheit 11/9“ und sucht Antworten darauf, ... Ab Donnerstag, den 17.01.2019, im Kino.

Wackersdorf von Oliver Haffner
Filmbesprechung: Dieser Film ist ein seltener Glücksfall – ein gelungener Spagat zwischen Heimatfilm und Politkrimi. Er erzählt präzise und geduldig über Macht und Ohnmacht, ohne dabei effekthascherisch oder langatmig zu wirken.

Seestück von Volker Koepp
Filmbesprechung: „Niemand weiß, wie Antidepressiva auf Fische wirken“, niemand weiß, wie viel Chemie überhaupt in der Ostsee schwimmt. Der Meeresforscher mit dem wilden Bart, der dies sagt, wirkt trotz seiner traurigen Befunde erstaunlich gut gelaunt.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman. Film von Margarethe von Trotta
Gastbeitrag von Daniela Kloock.

Andres Veiel – Werkschau in Berlin. Bundesplatz-Kino
Gastbeitrag: Andres Veiel sticht in Wunden, legt Traumata frei, macht Dinge sichtbar, die im verborgenen schlummernd wirkmächtig sind.

Das ist keine Soap - „Casting“ der neue Film von Nicolas Wackerbarth
Gastbeitrag von Daniela Kloock

God´s Own Country - ein großartiges Filmdebut aus England
Gastbeitrag von Daniela Kloock Francis Lee’s love story “God’s Own Country” won Best Picture at the British Independent Film Awards on Sunday (Dec. 1).

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Art Claims Impulse




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
McLaughlin Galerie




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Urban Spree Galerie




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Verein Berliner Künstler




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.