logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 04.12.2022
Tanz die Halde. Filmprogramm

18 Uhr: zur Infrastruktur der Wiederbelebung mit Rainer Bellenbaum, Medienwissenschaftler. Im Rahmen der Ausstellung Ersatz Teile Körper mit Ingeborg Lockemann, Birgit Schlieps. GALERIE IM SAALBAU | Karl-Marx-Str. 141 | 12043 Berlin

Undine. Der neue Film von Christian Petzold

von Daniela Kloock (01.07.2020)
vorher Abb. Undine. Der neue Film von Christian Petzold

© Schramm Film/ Hans Fromm

„Undine“ R.: Christian Petzold, BRD 2019

„Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“, sagt eine Frau zu dem ihr gegenübersitzenden Mann, in einem idyllischen Straßencafé, an einem Sommertag. Mit dieser irritierenden Szene beginnt „Undine“, der neue Film von Christian Petzold.

Der Satz trifft den Kern eines Mythos. Darin ist Undine eine bezaubernd schöne Wassernixe, auf der jedoch ein furchtbarer Fluch lastet. Sie kann nur dann Mensch/Frau werden, wenn sie geliebt wird. Jede Untreue jedoch bestraft sie mit dem Tod, um dann ins Wasser zurückkehren zu müssen. Die Figur wurde in zahlreichen Romanen, Opern und Filmen, ver- und bearbeitet. Den größten Bekanntheitsgrad dürfte wohl „Die kleine Meerjungfrau“ aus dem Märchen von Hans Christian Andersen haben.

Christian Petzold hat diesen Stoff nun in eine neue, ungewöhnliche Richtung gedreht. Seine Undine will sich, wie alle seine Protagonistinnen, von ihrer Vor-Geschichte, von ihrem Schicksal, befreien. Dabei begegnet sie Christoph, so dass Johannes, der Mann aus dem Café, nochmal mit dem Leben davonkommt. Mit ihm ist von Anfang an alles anders. Nicht nur, dass er eine reine Seele hat und Undine liebt wie keiner vor ihm, sondern er teilt mit ihr auch dasselbe Element. Christoph ist Industrietaucher, sein Arbeitsplatz ein Stausee in einer Talsperre im Sauerland. Dort überwacht er unterirdisch angebrachte Turbinen.

Die erste Begegnung der beiden ist so märchenhaft symbolisch wie absurd komisch. Undine und Christoph werden von einer Welle aus Wasser, Scherben und Zierfischen zu Boden gerissen. Ein Aquarium ist geplatzt. Doch statt dies als deutliche Warnung aus der Unterwasserwelt zu verstehen, „vollziehe deinen Auftrag, töte Johannes!“, beginnt mit dieser Wassertaufe einer der feuchtesten und romantischsten Liebesgeschichten seit „The Shape of Water“ (USA 2017). Immer wieder sieht man die beiden sich im Stausee tauchend umtanzen, umgeben von exotischen Schlingpflanzen und seltsamen Fischen. Eine Welt wird hier veranschaulicht, die uns Erdenmenschen normalerweise verwehrt bleibt. Eine sprachlose Welt auch, traumhaft, irreal.


© Schramm Film/ Marco Krüger

Doch Undine ist durchaus realitätstüchtig. Und klug. Sie ist promovierte Historikerin und arbeitet in einem Berliner Museum für Stadtentwicklung als Freelancerin. In zwei ausführlichen Sequenzen zeigt der Regisseur, wie sie interessierten Besuchergruppen die Baugeschichte der Stadt Berlin erklärt. Das Projekt „Humboldtforum“, die Absurdität der Rekonstruktion dieses ehemaligen Stadtschlosses, fließen ebenso in ihre Ausführungen ein, wie die Tatsache, dass Berlin eigentlich auf Sümpfen gebaut ist. Doch wer weiß das schon? Und wo sind die Wassergeister, wo die Märchen und Geschichten, die die Menschen früherer Zeiten in die werdende Stadt mitbrachten?

Christian Petzolds Filme konfrontieren grundsätzlich mit der Geschichte Deutschlands. Mit seiner Gegenwart und seiner Vergangenheit. Immer geht es ihm um die gesellschaftlichen Verhältnisse, darum wie Menschen gegen oder mit den Regeln des herrschenden Systems leben. Dabei ist die Entzauberung der modernen Welt eine Art Subtext. Doch noch nie hat Petzold ein (stadt)politisches Thema mit einem Märchenmotiv verknotet. Und in keinem seiner Filme ging es bisher so poetisch, romantisch und zart zu wie in „Undine“. Dass der Regisseur hierfür auf die beiden Schauspieler setzt, die bereits bei seinem letzten Film „Transit“ zu sehen waren, ist ein Glücksgriff. Paula Beer und Franz Rogowski spielen dieses ungewöhnliche Liebespaar einfach toll. Ob Undine sich von ihrem Fluch befreien kann? Nur soviel: die Auflösung ist ungewöhnlich. Rätsel bleiben sowieso. Doch durch Leerstellen, Zeitsprünge und Ellipsen entstehen Resonanzräume. Genau sie zeichnen gutes Kino aus.

Trailer

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Filmbesprechung:

Jeanine Meerapfel – EINE FRAU
Filmbesprechung: „Ein Frau“- das ist Marie-Louise Chatelaine, genannt Malou, die Mutter der Filmemacherin. Ein ganzes Jahrhundert ist in ihre Biografie eingeschrieben: Sozialer Aufstieg, Identitätssuche und Abhängigkeit, Flucht und Migration, ...

ECHO - ein unkonventionelles Langspieldebüt von Mareike Wegener
Filmbesprechung: Wie die Regisseurin nüchterne Informationen mit märchenhaften Sequenzen verknüpft, ist toll. Auch dass und wie sie es wagt das Thema „Schuld- und Vergangenheitsbewältigung“ mit komischen und grotesken Elementen/Dialogen zu verknüpfen, ist erfrischend direkt.

Die Frau des Dichters. Über die Malerin Güler Yücel.
Filmbesprechung von Daniela Kloock

Vorsichtshalber sollten wir davon ausgehen, dass wir alle in Gefahr sind
Filmbesprechung: „Wir könnten genauso gut tot sein“ ist der erste Langfilm und Abschlussfilm (HFF) der Regisseurin Natalia Sinelnikova. Schon allein der Titel erregt Aufmerksamkeit, das Thema erst recht.

Sag mir, wo die Blumen sind…
Filmbesprechung: „Hive“ – das preisgekrönte Filmdebut der albanisch-kosovarischen Regisseurin Blerta Basholli

Abschied nehmen – ein Film von Jessica Krummacher über das Sterben
Filmbesprechung: Sehr offen, fast schwebend artifiziell, beschäftigt sich der Film Zum Tod meiner Mutter, sensibel und klug, mit dem endgültigen Abschiednehmen, ein Kunststück, ein Kunstwerk.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – der neue Film von Andreas Dresen
Filmbesprechung: Die Geschichte eines unschuldigen Guantanamo-Häftlings als Komödie zu inszenieren, dieses Wagnis geht Andreas Dresen ein.

MONOBLOC – wie ein Plastikstuhl sein Image verändert
Filmbesprechung: In den Sommermonaten hat der Monobloc seinen großen Auftritt. Beim Grillfest, in der Strandbar, auf dem Campingplatz oder Balkon, vor der Eisdiele oder Fritten Bude, überall begegnet man dem weißen Plastikstuhl.

Jahresrückblick: Unsere besten Filmbesprechungen
Für Kunst+Film ist bei art-in-berlin Daniela Kloock zuständig. Hier eine Auswahl ihrer Filmbesprechungen 2021.

In den Uffizien - ein Dokumentarfilm von Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch
Filmbesprechung: Zehn Ausstellungsräume mit Kunst des 16. Jahrhunderts sollen neu konzipiert werden. Schnell wird klar, hier sucht jemand die Konfrontation... Ab morgen in den Kinos.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit. Ein Film von Julia Lokshina
Filmbesprechung: Um den Bedarf an Steaks, Koteletts und Schinken abzudecken, werden hierzulande 55 Millionen Schweine geschlachtet.

Im Land meiner Kinder
Filmbesprechung: Der Film geht existentiellen Fragen zu Identität, Integration und Selbst- und Fremdwahrnehmung nach. Polemik oder erzieherischer Impetus - welcher so viele deutsche Filme zu dem Thema charakterisiert, bleiben außen vor.

Unsere besten Filmbesprechungen 2020
Besprochen von Daniela Kloock, die sich auf art-in-berlin Fotografieausstellungen sowie Veranstaltungen im Kunstkontext widmet und vor allem leidenschaftlich Filme schaut.

Urlaub in einer ganz anderen Zeit - "Schönheit und Vergänglichkeit“ von Annekatrin Hendel
Filmbesprechung: Schräge Vögel, Individualisten und jede Menge Außenseiter fanden sich in der Subkultur Ostberlins der 1980er Jahre. (Daniela Kloock)

SIBERIA von Abel Ferrara
Filmbesprechung: Seit dieser Woche in den Kinos: SIBERIA.

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Vostell

Anzeige
schwerin glanzstuecke

© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.