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Berlin Daily 10.08.2020
Online-Gespräch mit Sung Tieu

Sound of Ghosts. Ein aufgezeichnetes Gespräch mit Sung Tieu zu ihren Sound-Bild-Recherchen auf der Website des Hamburger Bahnhofs

(Einspieldatum: 17.07.2020)

Spiegel, Säule, Hannes und Hase: Die Gruppenschau Rohkunstbau 25. im Schloss Lieberose

von Urszula Usakowska-Wolff


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Via Lewandosky, Alles was der Fall ist, 2015. Foto Urszula Usakowska-Wolff

Neue Kunst in alten Gemäuern: Das ist die Idee, aus der die Ausstellungsreihe Rohkunstbau geboren wurde. Zu verdanken ist sie dem damaligen Medizinstudenten und heutigem Augenarzt Arvid Boellert, der seit 1994 nicht müde wird, durch zeitgenössische Kunst aus Berlin verfallende oder fast vergessene Kulturstätten in ländlichen Regionen Brandenburgs aufzuwerten und sie für Kunstfans attraktiv zu machen. Der erste Rohkunstbau fand 1994 in einer für die DDR-Arbeiterfestspiele Ende der achtziger Jahre gebauten, aber nie fertiggestellten Betonhalle in Groß Leuthen, die durch die Wende ein Rohbau blieb – woher der Name Rohkunstbau kommt. Seitdem werden seine neuen Folgen (außer 2012 und 2019) jedes Jahr im Sommer an wechselnden Orten in Brandenburg organisiert. Nach Stationen in verschiedenen Schlössern und Villen wurde 2017 ein neuer Austragungsort im Schloss Lieberose (Landkreis Damme-Spreewald) gefunden. Nachdem sich die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, langjähriger Träger des Projekts, aus dem Projekt zurückgezogen hatte, musste die Ausstellung 2019 abgesagt werden.

Kunst in schwierigen Räumen

„Brandenburgs bekanntestes Festival für zeitgenössische Kunst“ (so die Eigenwerbung) blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Seine Zukunft stand – coronabedingt – auch in diesem Jahr auf dem Spiel. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz findet das Kunstevent erneut im Schloss Lieberose statt, bestückt mit Werken von 20 Künstlerinnen und Künstlern, die bereits an einer der vorigen Rohkunstbau-Ausstellungen teilgenommen haben. Heike Fuhlbrügge, die den langjährigen Kurator Mark Gisbourne ablöste, hatte nur sechs Wochen Zeit, um die Jubiläumsausstellung zu organisieren. Unter dem Titel Zärtlichkeit/Tenderness. Vom Zusammenleben/About Common Living werden Arbeiten gezeigt, deren thematischer Zusammenhang nicht immer ersichtlich ist.
Auch das dunkle Interieur des Schlosses, das an vielen Stellen nur vom durch die Fenster einsickernden Tageslicht erhellt wird, macht die Besichtigung nicht immer einfach, ist aber vom Anfang an Programm: Kunst in Räumen zu präsentieren, die sich dafür nicht eignen, weil ihr pittoresker Verfall, die mit Löchern, abblätterndem Putz und Rissen übersäten Wände dominante Kulissen sind.

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Alicja Kwade, Megasubstance (Detail), 2020. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Berliner Bestenliste

Rohkunstbau 25. zeigt zehn Wochen lang eine Bestenliste mit zwischen 2000–2020 entstandenen Skulpturen, Videoinstallationen, Installationen, Zeichnungen, Fotografien und Gemälden. Werke, die in Berlin schon oft einzeln, aber wohl noch nie in einer Gruppenschau zu sehen waren. Somit setzt die neue Kuratorin die Tradition ihres Vorgängers fort. Weil ihre Ausstellung in einem rekordverdächtigten Tempo organisiert wurde, sind aktuelle Arbeiten eher rar.
Das von außen renovierte Schloss, eines der größten Barockschlösser in Brandenburg, liegt in einer grünen, sanften Landschaft. Sie spiegelt sich, wie in einer Art Kaleidoskop, in der grandiosen Skulptur Megasubstanz (2020) von Alicja Kwade. Ihr auf Hochglanz innen und außen poliertes Rohr, das in einer Granitfassung steckt, begrüßt die Besucher auf dem Schlosshof. Sie bleiben lange davor stehen, umrunden die Plastik, sehen sie sich von allen Seiten und Richtungen an. Dabei entstehen überraschende Ansichten und Einsichten, denn es handelt sich dabei um ein Megaspiel mit Spiegel, Hohlspiegel und Zerrspiegel, die den Himmel, die mit Unkraut bewachsenen Bodenplatten, die Bäume, die umliegenden Häuser und das Publikum auf raffinierte Weise reflektieren, fragmentieren und sie immer wieder in andere Konstellationen bringen. Es ist eine interaktive Arbeit, die auf eine subtile Weise die Verbindung zwischen den Menschen und ihrer Umwelt veranschaulicht. Die Übergänge zwischen Himmel und Erde sind fließend, wir können sie und uns nur in Teilen, nie als Ganzes erleben. Alleine der Megasubstanz wegen ist der Rohkunstbau eine Reise wert.

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Leiko Ikemura, Doppelfigur in Blau, 2000/02. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Nie allein sein

Die Innenräume des Schlosses Lieberose scheinen für solche Künstlerinnen und Künstler besonders geeignet, die sie als eine Bühne für theatralische Inszenierungen zu nutzen wissen. Dazu gehören neben Alicja Kwade vor allem Via Lewandosky, dessen umgekippte, am Boden liegende Straßenlaterne fluoreszierendes Licht verströmt, während in dem Saal, wo sich Alles, was der Fall ist (2015) ereignet, Swing erklingt. Im einstigen Theatersaal, der sich über zwei Stockwerke erstreckt, hängt direkt unter der Decke seine Neonlichtinstallation Auge um Auge, Zahn um Zahn (2015): Zu hören ist immer wieder ein lautes Au Au. Auf dem mit Graupappe bedeckten Fußboden steht ein Paravent. Es ist das Werk von Ola Kolehmainen unter dem Titel Das ist der Dom in Coeln (2019). Hinter dem fünfteiligen Gehäuse verbirgt sich ein Spiegelkabinett, das gern genutzt wird, weil man dort nie allein ist, sondern in Begleitung seiner eigenen, fast endlos projizierten und multiplizierten Gestalt. Zwischen den Stockwerken prangt Gregor Hildebrands Säule (2012) aus zu Muscheln gepressten Filmen für Brancusi, eines seiner vielen Hommagen an den Schöpfer der Endlosen Säule. Alicja Kwade teilt sich mit Leiko Ikemura einen Raum: Es ist eine der besten Inszenierungen des diesjährigen Rohkunstbaus. In der Mitte des grünen Salons, dessen morbider Charme melancholisch stimmt, steht Ikemuras janusköpfige Hasenskulptur Usagi Greeting (2002/2019), auf der rechten Wand hängt ihr geisterhaftes Gemälde Doppelfigur in Blau (2000/02). Auf die linke stützen sich Kwades Andere Bedingungen Aggregatzustand (2011/2019), eine vierteilige Installation mit einem ihrer beliebten Zerrspiegel.

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José Noguero vor seinen Ölgemälden. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Äußere und innere Landschaften

Zu einem weiteren Höhepunkt der Ausstellung zählen die vier großformatigen Ölgemälde von José Noguero (Tau, Tau 2, Sperlonga, Die Brunnen, alle 2020), die in einem Raum hängen und von beindruckenden formalen und intellektuellen Fertigkeiten des Künstlers zeugen. Es sind abstrakte Bilder, die an Landschaften erinnern. Sie sind zugleich zart, harmonisch und dynamisch und veranschaulichen, welche Leidenschaften in der Außen- und Innenwelt der Menschen schlummern – und dass sie manchmal explodieren. Das kleinste Kunstwerk im Rohkunstbau 25. ist die Gipsplastik Hannes 1:6 30 cm (2002) von Karin Sander. Doch der zarte Nackte in Turnschuhen fühlt sich offensichtlich nicht erdrückt von der mächtigen und prächtigen Stuckdecke. Eher davon, dass die Interieurs des Schlosses immer mehr verfallen – und kein noch so hochkarätig besetzter Rohkunstbau sie davor bewahren kann. Das ist wirklich ein Grund für Tristesse.

Rohkunstbau 25.
veranstaltet vom Verein der Freunde des Rohkunstbau e.V.
Kuratorin: Dr. Heike Fuhlbrügge
bis zum 20. September 2020

Schloss Lieberose
Schlosshof 3, 15868 Lieberose/Spreewald
Öffnungszeiten: Sa./So. 12–18 Uhr
www.rohkunstbau.net

Urszula Usakowska-Wolff

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Titel zum Thema Rohkunstbau:

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IX Rohkunstbau
Ausstellung zeitgenössischer Kunst...
(Einspieldatum: 06.08.02)

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