Berlin Daily 24.10.2020
SİNEMA TRANSTOPIA: Nachrede auf Klara Heydebreck

20h: Nachrede auf Klara Heydebreck
Eberhard Fechner, BRD 1969, 62´, OF 16mm
Haus der Statistik - Haus B | Otto-Braun-Str. 72 |
10178 Berlin

Vor, im und hinter dem Spiegel - Ulrike Flaig in der Kommunalen Galerie Berlin

von Urszula Usakowska-Wolff (05.10.2020)


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Ulrike Flaig, Listen to the Space, Blick in den Ausstellungsraum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Der Raum ist spärlich beleuchtet mit Neonröhren und kleinen Strahlern, welche die dort versammelten halbtransparenten Objekte noch durchsichtiger und immaterieller erscheinen lassen. Dass wir uns im Wunderland der Illusionen befinden und unerwartet als Akteure einer magischen Inszenierung agieren, wird erst allmählich beim aufmerksamen und langsamen Gang durch die Ausstellung Listen to the Space von Ulrike Flaig in der Kommunalen Galerie Berlin augenfällig. Seltsame Gebilde stehen dort auf dem Boden; ihre runden oder geschwungenen Formen muten wie Modelle einer futuristischen Architektur an. Vorwiegend aus Spiegelfolie unterschiedlicher Stärke gefertigt und mit diffusem oder direktem Licht beschienen, erinnern sie an eine Art Spiegelkabinett.

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Ulrike Flaig, Listen to the Space, Blick in den Ausstellungsraum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Das Gefühl, mittendrin zu sein

Ulrike Flaig (* 1962 in Esslingen, lebt in Berlin und Stuttgart) ist eine Künstlerin, die sich zum einen mit der Beschaffenheit, Wirkung und Ambivalenz der Dinge beschäftigt, zum anderen unsere Wahrnehmung auf die Probe stellt. Ihre Installationen sind minimalistisch und opulent, sie bestehen aus konvexen und konkaven Flächen, in denen sich die ausgestellten Objekte, ihre Umgebung, das Licht und das Publikum spiegeln. Die Grenzen zwischen Außen und Innen lösen sich auf, alles ist im Zustand des Übergangs: der Raum, das Licht und das eigene Spiegelbild, dem man nicht entkommen kann. Die Künstlerin „zeichnet“ ihre Arbeiten mit Licht, schafft ein Ambiente, das zugleich dynamisch und statisch ist: Alles bewegt sich, wird von den Besucherinnen und Besuchern Schritt für Schritt zum Leben erweckt. Sie haben das Gefühl, mittendrin zu sein. Je nachdem, an welcher Skulptur sie gerade stehen oder entlanggehen, sehen sie im Spiegel ihr eigenes, meist verzerrtes Abbild: in die Länge oder Breite gezogen, riesig, klein oder winzig, verschwindend oder auf einen klitzekleinen Punkt reduziert. Da kann das Selbstbild leicht ins Schwanken geraten, es ist ein Spiel, auch wenn es sich mit ernsten Fragen wie Selbst- und Fremdreflexion, Identitätskonstruktionen, die Beziehungen und Überschneidungen zwischen Materialität und Immaterialität, zwischen Realität und Trugbildern, Vergänglichkeit und Wiederkehr auseinandersetzt.

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Ulrike Flaig, Listen to the Space, Blick in den Ausstellungsraum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Gezeichnet, gespiegelt, ausgeschnitten

„Es gibt sehr viele Arbeiten von mir zum Thema Spiegel, weil der Spiegel immer für mich Doppelung, Wiederholung, Rhythmus ist, und ich nehme gerne in Installationen Elemente aus vorherigen Installationen mit, das heißt, sie wandern dann durch die Installationen hindurch, und sind Merkzeichen oder Erinnerungszeichen oder wie so ein roter Faden, der sich durch sie hindurch zieht“, sagt Ulrike Flaig im Video Listen to the Space, das ihre Soloschau in der Kommunalen Galerie Berlin begleitet. Die Kunst ist für sie die ewige Wiederkunft des Gleichen: same, same but different (gleich, aber zugleich anders). Ihren schwerelos wirkenden Plastiken und Zeichnungen liegt ein kompliziertes intellektuelles Gebilde zugrunde, inspiriert von Philosophie, abstrakter Malerei (Piet Mondrian und Adolf Fleischmann), Musik und japanischer Kultur. Der Ausgangspunkt ist immer die Fotografie eines kleinen, knorrigen Apfelbaums, im Winter im Schnee, den sie stets 140 x 200 cm groß zeichnet, auf vier Blätter verteilt, um den Baum anschließend – gespiegelt – von der entstandenen Zeichnung abzuzeichnen. „Es ist wie bei einer Komposition von Alvin Lucier, der einen Ton abspielt, diesen aufnimmt und durch eine Lautsprecherbox wiedergibt und diesen Ton wiederum aufnimmt, um ihn wieder abzuspielen usw. Das Motiv ist immer ähnlich, aber es vollzieht sich eine Wandlung“, so Ulrike Flaig im Wandtext der Ausstellung. Die acht Papierbögen, zur Hälfte mit dem gezeichneten Baum und seinem gespiegelten Double versehen, zerlegt sie und setzt sie neu zusammen. „Das, was dabei entsteht, entwickelt ein interpretatorisches Eigenleben und ich füge dementsprechende Cut-Outs hinzu, die entweder mit Geräuschen oder mit Bewegung zu tun haben. So wachsen dann die Zeichnungen ins Dreidimensionale.“

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Ulrike Flaig, Listen to the Space, Blick in den Ausstellungsraum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Wirklichkeit, Illusion, Imagination

In der Ausstellung gibt es mehrere dieser Cut Outs zu sehen: Mit schwarzer Kohle gefertigt, sind sie eine Referenz an die japanischen Holzschnitte. Sie hängen an der Wand – und ihre Elemente liegen in Form einer Assemblage aus Textilien und Kunststoffen in den Farben Weiß, Rot, Himmelblau und Schwarz auf dem Boden. Die langen silbrigen Fäden, die sich um sie schlängeln, wirken wie Spiegelungen der Kabel unter dem gegenüber stehenden Echoloop aus. Das auf Europaletten, einem industriellen Massenprodukt, platzierte Objekt mutet wie ein riesiger ovaler Glasring an. (Vielleicht ist sein Titel eine Anspielung auf Echo Loop, den Fingerring mit der Alexa-Sprachsteuerung von Amazon?). Betrachten wir Ulrike Flaigs Installation von vorne, nehmen wir unser äußerst verzerrtes Spiegelbild ganz hinten im Raum wahr. Bei der Umrundung merken wir, dass wir es mit einem Meisterwerk der Illusion zu tun haben: ihm fehlt offensichtlich die hintere Hälfte. Listen to the Space ist eine Ausstellung, die in mehrfacher Hinsicht verblüfft. Während die visuelle Wahrnehmung durch die raffinierten Spiegelungen hinterfragt wird, ist in dem Raum, außer dem eigenen Atem unter der Maske, kaum etwas zu hören. Aber weil in allen Dingen Musik steckt, muss man so lange horchen, bis ihr Klang deutlich wird. Ulrike Flaig führt auf eine plausible, tiefgreifende und häufig auch unterhaltsame Weise vor, dass die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Illusion und Imagination fließend sind. Oder, um Johann Wolfgang von Goethe zu zitieren: Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.

Ulrike Flaig
LISTEN TO THE SPACE
bis zum 8. November 2020

Kommunale Galerie Berlin
Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–17 Uhr; Mi 10–19 Uhr; Sa–So 11–17 Uhr
www.kommunalegalerie-berlin.de
Eintritt frei

Urszula Usakowska-Wolff

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