Berlin Daily 24.10.2020
SİNEMA TRANSTOPIA: Nachrede auf Klara Heydebreck

20h: Nachrede auf Klara Heydebreck
Eberhard Fechner, BRD 1969, 62´, OF 16mm
Haus der Statistik - Haus B | Otto-Braun-Str. 72 |
10178 Berlin

Gruppenbild mit Damme: Heidi Specker in der Kommunalen Galerie Berlin

von Urszula Usakowska-Wolff (10.10.2020)


 Heidi Specker in der Kommunalen Galerie BerlinHeidi Specker, Freunde, 2019,
aus der Serie "Damme" Archival Fine Art Print 60 x 90 cm


Damme ist der Name einer Kleinstadt in Niedersachsen, knappe einhundert Kilometer von Bremen, Oldenburg und Delmenhorst entfernt, einer der Orte, die selten in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, weil sie am Rande der großen, mit globalen Problemen beschäftigten Welt ein gewöhnliches, unspektakuläres, von der Tradition geprägtes Leben führen. Zwar ist Damme dank seines Karnevals eine lokale Hochburg des närrischen Treibens, und die Schützenfeste erfreuen sich einer großen Popularität, das sind jedoch regionale Ereignisse, die da draußen niemanden vom Stuhl reißen oder für Aufsehen sorgen. Doch auch wenn sie übersehen oder nicht zur Kenntnis genommen werden, besteht die Welt überwiegend aus solchen unauffälligen Orte wie Damme.

Aus der großen in die kleine Welt

Heidi Specker, 1962 in Damme geboren, hat mit 22 Jahren ihre Heimatstadt verlassen, um an der Fachhochschule Bielefeld und anschließend an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (wo sie heute als Professorin lehrt) Fotografie zu studieren. Die angesehene, mit zahlreichen Stipendien und Preisen bedachte Künstlerin ist eine Weltbürgerin, die sich in Berlin, New York und anderen Metropolen zuhause fühlt. Im vorigen Jahr unternahm sie eine Reise aus der großen in die kleine Welt: in ihre Heimatstadt, der sie in der aus 70 Fotografien bestehenden Serie und dem begleitenden Katalog unter dem schlichten Titel Damme ein vieldeutiges Denkmal setzte. Ein Teil der Fotografien wird im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie (EMOP) in der Kommunalen Galerie präsentiert. Die Ausstellung erstreckt sich über das ganze Erdgeschoss sowie über die Haupthalle in der ersten Etage. Die Künstlerin richtet ihren Blick vor allem auf das Alltagsleben und Freizeitvergnügen der Jugendlichen in Damme, auf die Architektur und Landschaft dieser einst von bäuerlicher Landwirtschaft geprägten Region. Das von Heidi Specker gezeichnete Bild ihres Geburtsortes wirkt wie ein Film, aus dem einzelne, oft nicht zusammenhängende Stills entnommen wurden, die aber auf eine indirekte und sehr subtile Weise andeuten, dass sich alles ändert, auch wenn scheinbar alles beim Alten bleibt. Schön ist die Wiese, hinter der sich eine Kapelle erhebt. Beim genauen Hinschauen entpuppt sie sich als ein Maisfeld. Das Fragment einer Klinkerwand verweist auf die traditionelle Bauweise der Bauernhöfe, doch hinter der von Maisfeldern und Rasen gesäumten Einfahrt nach Damme sind recht schmucklose Bungalows erkennbar. Ein Windrad ragt in den Himmel; neben der Autobahnausfahrt, die, wie man sich denken kann, nach Damme führt, steht eine riesige Werbesäule, deren Kopf die Aufschrift „Spiel“ krönt. Dahinter ist ein festungsartiges Gebäude zu sehen: eine Spielhölle?

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Heidi Specker,
Rote Scheune, 2019, aus der Serie "Damme" Archival Fine Art Print 60 x 90 cm


Distanziert, sachlich, unsentimental

Das Neue bricht langsam in jede Gegend ein, und nur ein Mensch, der dort früher heimisch war, kann das als Außenstehender wahrnehmen. Heidi Speckers Damme ist ein Mosaik, das aus Fragmenten der Gegenwart und dem Versuch besteht, sie in der eigenen Vergangenheit zu verorten. Die in Berlin und Leipzig lebende Künstlerin nähert sich diesem komplexen Thema mal distanziert und sachlich, mal gefühlvoll an, ohne das Gesehene und Gezeigte zu verklären. Sie entdeckt Schönheit in einer Umgebung, die weit davon entfernt ist: zwei Pferde in der Dämmerung, eine einzige, riesige überreife Sonnenblume, die im Mais wächst, Bäume, zwischen denen der Himmel schimmert. Ihre Bilder der Natur oder dem, was davon noch übriggeblieben ist, sind von einem Schleier umgeben wie Erinnerungen, die der Zeit trotzen – und sich manchmal von der Wirklichkeit bestätigt fühlen, nicht trügerisch oder sentimental zu sein. Auch wenn die Heimat, in der sich so vieles verändert hat, der Fotografin fremd erscheint, sucht sie das Bleibende. Ihre sensiblen Porträts von Kindern und Jugendlichen sind ein Hinweis darauf, dass in deren Händen Dammes Zukunft liegt. Vielleicht meditieren darüber die in einem Kreis sitzenden Mädchen mit geschlossenen Augen? Die Porträtierten sind noch ein unbeschriebenes Blatt, auf ihren Gesichtern hat die Zeit noch keine Spuren hinterlassen, was sie im Leben erwartet, ist nicht bekannt – und deshalb sind sie ein universelles Symbol des nicht vorauszusehenden menschlichen Schicksals.

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Heidi Specker, Mädchen, 2019,
aus der Serie "Damme" Archival Fine Art Print 60 x 90 cm


Die Welt als Fragment

Heidi Speckers Fotografien aus der Serie Damme sind in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Zum einen muten sie in ihren glaslosen Rahmen wie fotorealistische Gemälde an. An manchen Stellen überbelichtet oder etwas verschwommen, erinnern sie an mehr oder weniger vergrößerte Fotos aus einem Familienalbum. Neben realistischen, oft fragmentierten Menschenbildern, werden menschenleere Arbeiten gezeigt: Fahnen der Schützenvereine und die erwähnte Klinkermauer. Ungewohnte Ausschnitte, wie sie aus Heidi Speckers Architekturaufnahmen bekannt sind, tauchen mehrfach auf. Sie präsentiert die kleine Welt ihrer Heimat als eine Reihe von Splittern, die nicht als Ganzes erfasst werden können und sich trotzdem zu einer Gesamtheit formen: Obwohl auf einem mehrteiligen Tableau nur die in Jeans und weißen Sneakers steckenden Beine der Tanzenden zu sehen sind, merken die Betrachtenden, dass sie Mädchen sehen. Das betrifft auch Hände, die ein Saxophon halten, welche eindeutig zu einem Jungen gehören. Und das Saxophon kann wiederum mit Schützenfesten in Verbindung gebracht werden. So fügt sich alles zu einem, wenn auch ambivalenten Bild zusammen: dem einer Gesellschaft zwischen Tradition und Gegenwart, Heimatlichkeit und dem Maisanbau in Monokultur anstelle der bäuerlichen Landwirtschaft. Auffallend ist, dass alle Kinder und Jugendlichen in Damme blond, rothaarig oder brünett zu sein scheinen, blaue Augen – und eine helle, häufig mit Sommersprossen übersäte Haut haben.
Weil Mais in dieser Gegend allgegenwärtig ist, hat Heidi Specker, worüber ein Wandtext informiert, „Künstlerinnen und Künstler eingeladen, einem historischen Kupferstich, der die Nutzpflanze Mais zeigt, etwas hinzuzufügen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand das Projekt CORNFELD. Der Kupferstich wurde 1895 im Hausschatz des Wissens: „Das Pflanzenreich“, veröffentlicht“. Dieses Kunstfeld hat zwar keinen direkten Zusammenhang mit Damme, fügt aber der Ausstellung spielerische Elemente hinzu. Ob als Fotografie oder Zeichnung ist die Welt, auf Papier gebannt, einfach sehenswert und recht interessant.

Heidi Specker
DAMME
bis zum 8. November 2020

Kommunale Galerie Berlin
Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–17 Uhr; Mi 10–19 Uhr; Sa–So 11–17 Uhr
www.kommunalegalerie-berlin.de
Eintritt frei
Katalog, 24,80 Euro

Urszula Usakowska-Wolff

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