Die Ausstellung Masculinities: Liberation through Photography im Gropius Bau

von Maximilian Wahlich (20.10.2020)
vorher Abb. Die Ausstellung Masculinities: Liberation through Photography im Gropius Bau

Adi Nes, Untitled, Aus der Serie „Soldiers“, 1999
Ausstellungsdruck
Originalmaße des Bildes: 90 x 131 cm; gerahmt: 92,7 x 137,2 x 4 cm
Courtesy: Adi Nes und Praz-Delavallade Paris, Los Angeles


Im Rahmen des EMOP Berlin - European Month of Photography hat letzte Woche im Gropius Bau die Ausstellung Masculinities: Liberation through Photography eröffnet.

Die Ausstellung bietet ein umfassendes Panorama über verschiedene Darstellungsweisen von Männlichkeiten. Dies wird auch mit dem Plural Masculinities deutlich, der die Vorstellung einer einzigen, monolit definierten „Männlichkeit“ erweitert zu einem pluralen und different angelegten Begriff. Gender, auch das soziale Geschlecht genannt, beschreibt die kulturellen Konnotationen und gesellschaftliche Produktion von Geschlecht (Sex benennt das biologische Geschlecht). Die Fotos machen das Spektrum an habituellen Nuancen, an Selbst- und Fremdidentifikation sichtbar. Damit werden sie auch zum politischen Instrumentarium.
In manchen theoretischen Abhandlungen wird das Begriffspaar Gender/Sex bis zur Auflösung aufgehoben. Folge ist ein fluid angelegtes Bedeutungskontinuum von Identität, was häufig missverstanden wird und Debatten um die „Krise des Mannes“ provoziert.
Die Kurator*innen der Ausstellung nutzen diese Krise und konstruieren erst gar nicht das Bild von „der“ Männlichkeit, um sie dann mühsam zu dekonstruieren. Geschickt steigen sie gleich zu Anfang des Rundgangs mit dem hohl gewordenen und verfremdeten „Archetypen“ ein.
Adi Nes, selbst homosexuell und Mizrahi-Jude, fotografiert in seiner Serie Soldiers (1999) Infanteriesoldaten des israelischen Militärs. Sonst zum nationalen Sinnbild treuer Staatsbürgerschaft stilisiert, wendet sich Nes ihrer menschlichen Nähe und Verletzlichkeit zu. Wir ertappen die uniformierten Männer erschöpft, schlafend auf einer Busfahrt. Die Abendsonne taucht die jungen Männer in warmen Dunst, der Atem liegt still. Ein intimer Blick, der nicht von ihren „Heldentaten“, ihrem nationalstaatlichen Auftrag berichtet. Berührend nahbar werden sie beim Schlaf, wo sich ihre Köpfe zur muskulösen Schulter des Nachbarn neigen. Vertrauen und Geborgenheit kommen auch beim vordersten Soldaten zum Ausdruck: In vollem Verlass, hier könne ihm nichts geschehen gibt er beim Schlaf seinen Hals frei – unseren Blicken wehrlos ausgesetzt, geraten wir zu Voyeur*innen, die Einblick erhaschen und ein Foto „schießen“.

Die gezeigten Rollenbilder des ersten Abschnitts entfremden sich von gängigen Stereotypen. Sonst als maskulin inszenierte Soldaten, verlieren ihre Anspannung – ruhig und zutraulich, ihren Ängsten ausgeliefert statuiert die Ausstellung einen Anti-Topos, einen Gegendiskurs zum gängigen Klischee von Männlichkeit. Die Werke eröffnen den Raum für Differenzen, für Schwäche, Scham, Angst und Zärtlichkeit.
Thema des zweiten und dritten Abschnitts sind im weitesten Sinne patriarchale Räume und Strukturen. Vom „männlichen“ Raum, der „männlichen“ Ordnung geht die Ausstellung über in das Familiäre, erlaubt Einsicht in skurrile Wohnzimmer sowie in gewaltvolle Interaktionen und Systeme. Trotz der strukturellen Gewalt, klagen die Ausstellungstexte nicht an, sondern erklären mit pädagogischem Impetus. Um Kontexte und Erklärungen bemüht, finden sich zu jedem Werk ausführliche Texte, und zentrale Begriffe sind in einem Glossar erschlossen.

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Peter Hujar, David Brintzenhofe Applying Makeup (II), 1982
Vintage Silbergelatineabzug
Originalmaße des Bildes: 36,83 x 37,16 cm; gerahmt: 58,42 x 55,88 x 3,81 cm
Courtesy: Peter Hujar Archive und Pace/MacGill Gallery, New York


Mit dem Titel Männlichkeit queeren widmet sich ein weiterer Themenkomplex den Prozessen zum Aufbau queerer Männlichkeiten. Vor allem sind hier künstlerische Positionen aus der Schwulen Community der 1970er Jahre zu sehen. Wie heutige Positionen mit queeren Inhalten kämpften auch sie schon um Sichtbarkeit der marginalisierten Gruppen. Inmitten des Selbstverständnisses heteronormativer Lebenswirklichkeit, befinden sich Peter Hujars Szenen in einer peripheren Parallelwelt. Die Visibilität queeren Lebens wird zum politischen Auftrag dieser Fotografien. Aus nächster Nähe blicken wir seitlich auf den drag-Performer David Brintzenhofe vor seinem Auftritt. Wir beobachten ihn bei der Maske, wie er mit dem Stift seine Augenbrauen nachzieht. Was bei Brintzenhofe zum Beruf gehört, der komplexe Vorgang zur Aneignung einer Rolle, wird zum Sinnbild der Konstruktion von Gender. Gender ist damit nicht etwas naturgegebenes, ontologisches, etwas „Wahres“. Gender ist ein Konstrukt unserer Gesellschaften und unabhängig vom biologischen Geschlecht einem Apparat von Zitaten und Ritualen unterworfen.

Das darauffolgende Kapitel wendet sich mit dem Titel Die Rückeroberung des schwarzen Körpers rassistischen Erfahrungen nicht-weißer Männlichkeiten zu. Gemeint sind damit all jene Rassismen, die der weiße Blick auf nicht-weiße Männer projiziert. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von Positionen der letzten 50 Jahre, welche diese Projektionen nun unterlaufen und zurückwerfen, um damit ihr eigenes Selbstverständnis nicht-weißer Männlichkeiten zu konstituieren.
Wie, im Falle der Ausstellung, männliche afroamerikansiche Personen für Werbezwecke als folkloristische Klischees missbraucht und in neokoloniale Kontexte gespannt werden, lässt sich anhand Hank Willis Thomas Arbeit Unbrandet Reflections in a Black by Corporate America 1968-2008 sehen. Als Report angelegt, operierte Thomas mit Zeitschriften aus dem Jahr Martin Luther Kings Ermordung 1968 bis zu Barack Obamas Wahl zum US-Präsidenten 2008. Thomas entfernt nicht nur Text und Slogan aus den Anzeigen, er greift auch in das Bildmaterial ein. Beispielsweise nutzte er für Smokin´ Joe Ain´t J´Mama die Bildvorlage der Aunt Jemima, die als nicht-weiße Dienstangestellte aufopfernd und freudig strahlend Pancakes für ihre weißen Arbeitgeber*innen rührt. Als Werbegesicht erhält sie rassistische und vor allem neokoloniale Vorstellungen aufrecht. Thomas ersetzt dies mit dem ernst dreinschauenden Konterfei des Boxers Joe Frazier, der die Faust zum Widerstand ballt.

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Catherine Opie, Rusty, 2008
Chromogener Druck
Originalmaße des Bildes: 76,2 x 56,5 cm; gerahmt: 77,8 x 58,1 x 4,2 cm
Courtesy: Regen Projects, Los Angeles; Thomas Dane Gallery, London


Beschlossen wird die Ausstellung mit der sechsten Rubrik, wo Männer zum objektifizierten Gegenstand der Betrachtung werden. In diesem, von allen der kleinste Abschnitt, werden männliche Personen vor die Linse von Fotografinnen der zweiten feministischen Welle gestellt wie bei Annette Messager. An anderer Stelle lädt Hans Eijkelboom zehn Frauen ein, ihre Idealvorstellungen eines Mannes zu formulieren, die er auf humorvolle Weise in Szene setzt. Und in der Arbeit Ana Mendietas verschränkt sich einmal mehr die Trennung vom biologischen und sozialen Geschlecht, einmal mehr werden die Grenzen und Spielräume fließend. Sie geben Anreiz für Diskussionen – und motivieren zur Selbstbefragung über eigene Ideale und (falsche) Meinungen von Geschlecht.

Mit über 300 Werken von über 50 Künstler*innen veranschaulicht die Ausstellung die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Prozesse der Herstellung von Männlichkeiten. Sie legt eine Vielzahl an Codes zur bildlichen Produktion von Gender offen. Plastisch werden die politischen Inhalte durch die zahlreichen Texte in der Ausstellung, die den gesellschaftlichen Auftrag markieren. Unabhängig vom Kunstunterricht wäre ein Schulbesuch der Ausstellung ebenso naheliegend wie ein Besuch mit eher kulturfernen Kolleg*innen nach der Arbeit. Die Inhalte der Ausstellung werden gut erschlossen, und damit gelingt ihr tatsächlich der Spagat zu einem Ort breiter Verständlichkeit, ohne den künstlerischen Wert aufzugeben. Hoffen wir also, dass die Ausstellung nicht nur von einem kunstinteressierten Publikum besucht wird: So ist auch das Credo Stephanie Rosenthals, Leiterin des Gropius Baus, dass sie mit ihrem Kind diese Ausstellung besuchen würde, um über Rollen und Fragen rund um das Geschlecht zu diskutieren.

Künstler*innen: Bas Jan Ader, Laurie Anderson, Kenneth Anger, Liz Johnson Artur, Knut Åsdam, Richard Avedon, Aneta Bartos, Richard Billingham, Cassils, Sam Contis, John Coplans, Jeremy Deller, Rineke Dijkstra, George Dureau, Thomas Dworzak, Hans Eijkelboom, Fouad Elkoury, Hal Fischer, Samuel Fosso, Anna Fox, Masahisa Fukase, Sunil Gupta, Kiluanji Kia Henda, Peter Hujar, Isaac Julien, Rotimi Fani-Kayode, Karen Knorr, Deana Lawson, Hilary Lloyd, Robert Mapplethorpe, Peter Marlow, Ana Mendieta, Annette Messager, Duane Michals, Tracey Moffatt, Andrew Moisey, Richard Mosse, Adi Nes, Catherine Opie, Elle Pérez, Herb Ritts, Kalen Na´il Roach, Paul Mpagi Sepuya, Collier Schorr, Clare Strand, Mikhael Subotzky, Larry Sultan, Wolfgang Tillmans, Hank Willis Thomas, Piotr Uklański, Andy Warhol, Karlheinz Weinberger, Marianne Wex, David Wojnarowicz und Akram Zaatari

16. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021
Mi bis Mo 10:00–19:00

Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin-Mitte
www.berlinerfestspiele.de

Katalog erhältlich nur in engl. Sprache in der Buchhandlung Walther König

Maximilian Wahlich

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