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Kino in der Krise - Ein Gespräch zum Thema (post)pandemische Filmkultur in der Akademie der Künste

von Daniela Kloock (15.02.2021)
vorher Abb. Kino in der Krise - Ein Gespräch zum Thema (post)pandemische Filmkultur in der Akademie der Künste

Berlinale-Palast 2020. Foto: Akademie der Künste

Schon oft in den vergangenen 125 Jahren - sofern man 1895 als die Geburtsstunde der kinematografischen Bilder festsetzt – wurde das nahe Ende des Kinos vorausgesagt. Jedwede mediale Veränderung – sei es das aufkommende Fernsehen, die Videokassette, die DVD, oder zuletzt die alle Bereiche umfassende Digitalisierung ­– wurde von ähnlichen Untergangsszenarien, Klagen und Fragen begleitet. Aktuell jedoch scheint es um eine ganz neue Situation zu gehen, die, wie könnte es anders sein, mit der Pandemie zusammenhängt. Seit Monaten sind die Kinos geschlossen und keiner weiß, wann und unter welchen Bedingungen der Betrieb wieder aufgenommen werden darf. Außerdem wird befürchtet, dass die Zuschauer nicht zurückkommen. Denn immer mehr Filminteressierte nutzen Netflix oder andere Anbieter, um zu Hause Filme und vor allem Serien anzuschauen. Hinzukommt die Ankündigung von Warner Bros., alle diesjährigen Filme, zumindest in den USA, zeitgleich über den eigenen Streaming Dienst HBO anzubieten. Die zeitlich festgelegte Erstauswertung, die bisher bei den Kinos lag, wird damit ausgehebelt. Stellt also die Pandemie die größte je dagewesene Krise des Kinos dar, wie viele Branchenkenner behaupten? Ist Covid eher ein grundlegender „cinema gamechanger“ oder gar der finale Todesstoß für die Lichtspielhäuser?

Die Akademie der Künste Berlin, bzw. ihre Präsidentin – die Filmemacherin Jeanine Meerapfel – hat jüngst einige Diskutanten eingeladen, um hierüber nachzudenken. Unter dem Titel „Kinolandschaften und Streamingwelten“ versammelten sich auf einem online-Panel VertreterInnen beider „Zonen“. Moderiert wurde die Veranstaltung vom FAZ-Redakteur Andreas Kilb.

Christine Berg, (Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF) Kino, welcher über 600 Unternehmen mit 3200 Leinwänden vertritt) gab sich in ihren Ausführungen vorsichtig optimistisch. Wiewohl Einnahmen in Millionenhöhe fehlen und die staatlichen Überbrückungshilfen nur zäh fließen, wären bisher nur sieben Kinos von der Insolvenz bedroht. Man hoffe jetzt auf schnellere und größere finanzielle Unterstützung, vor allem aber auf Planungssicherheit hinsichtlich der Wiedereröffnungen und der damit verbundenen Auflagen. Darüberhinaus wiederholte sie die alten Pro-Kino-Argumente: nur das Lichtspieltheater garantiere ein kollektives Erleben, nur hier gäbe es die einmalige Aura und Konzentration, und nur die große Leinwand biete den echten Filmgenuss.

Christoph Terhechte (langjähriger Leiter des Forums der BERLINALE und seit 2020 Intendant und Geschäftsführer DOK Leipzig) gab dagegen wesentlich erfrischendere Konzepte zu bedenken, um die Kinos für die Zukunft fit zu machen. Nicht nur, dass von den fast 500 deutschen Filmproduktionen, die jährlich ins Kino wollen, nur EINIGE wirklich die große Leinwand „benötigen“, bräuchte man viel mehr engagierte Kinomacher. Sofern man unter Kino einen kulturellen Ort versteht, wird es seiner Meinung nach nicht ohne viel mehr kuratorische Sorgfalt gehen. Vor allem aber muss ein völlig geändertes Business-Modell her. Wie dies genauer aussehen könnte wurde leider nicht ausgeführt. Terhechte denkt auch an Kulturhäuser, kommunale Filmzentren, funktionierende Kinematheken, kurz, an eine umfassende kulturelle Praxis, die hierzulande so gut wie gar nicht existiert und dringend aufzubauen und zu fördern wäre. Mehr Filmbildung müsse her, da sind sich dann alle einig. Aber letztendlich ist dies kein neues Argument. Seit Jahrzehnten spricht man schon darüber, durchgekommen sind bestenfalls ganz kümmerliche Initiativen.

Interessant für all diejenigen, die bei Streaming-Angeboten nur an die „big player“ denken, waren die folgenden Beiträge. Denn nicht nur Netflix oder Amazon profitieren von Corona, sondern auch deutlich kleinere Plattformen. Sie sprechen insbesondere ein junges, filminteressiertes Publikum an. Meret Ruggle (Geschäftsführerin von TRIGON-Film, einer Schweizer Stiftung, die als Verleih, Dvd-Label und Onlineplattform arbeitet) führte dies in ihrem Kurzreferat genauso aus wie John Barrenechea (Vize-Präsident der online-Plattform MUBI). TRIGON hat viele Independentfilme und Erstlingswerke aus Lateinamerika, Asien und Afrika im Programm - alles Filme, die es nicht ins Kino schaffen. MUBI, eine schon seit 2007 existierende online-Plattform, beschränkt dagegen das Angebot auf nur jeweils 30 Filme. Jeden Tag wird ein neuer Film gelistet und der Älteste fällt weg. Blockbuster und Serien gibt es keine, stattdessen internationale Arthouse-Filme, ebenso Klassiker oder Erstlingsfilme, die noch keinen Verleih haben. Auch werden hier interessante thematische Reihen und Retrospektiven offeriert. Die Filme sind von einer Redaktion ausgewählt und werden mit kurzen prägnanten Texten vorgestellt. Jeder kann Kritiken schreiben oder sich am Blog beteiligen. Mittlerweile hat MUBI über 10 Millionen Mitglieder. Originell ist auch die Idee, dass in USA und England Kinotickets mit im Monats-Abo sind.

Bei dergleichen Streamingdiensten geht es also nicht um eine Konkurrenz zum Kino, sondern vielmehr darum, Interesse für Filme zu wecken und zu zeigen wie reich, vielfältig und ausdifferenziert das weltweite Filmschaffen ist. MUBI bietet genau das, was Filminteressierte hierzulande schmerzhaft vermissen und warum vor allem die Festivals so boomen. Denn nur dort findet man die breit gestreute Vielfalt, außerdem die Möglichkeit die Filme im original zu sehen, sowie eine kuratorische Sorgfalt und die Möglichkeit sich mit einer Community auszutauschen. All dies sind Pluspunkte gegenüber der Trägheit, der Monothematik und Einfallslosigkeit deutscher Kinobetreiber. Auch ist MUBI ein gutes Beispiel dafür, dass nicht hinter jedem Streamingangebot verborgene Algorithmen wirken, sondern echte Filmenthusiasten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vertreter der Streamingmodelle sehr viel anschaulicher machen konnten, worin ihr Mehrwert besteht. Die Kinobetreiber jedenfalls müssen innovativer werden. Einfach Blockbuster abspielen und Popcorn verkaufen, darin kann kein Erfolgsmodell liegen. Zumindest nicht für hier.
Das (post)pandemische Kino bringt Veränderungen, so oder so. Eingespielte Vertriebsstrukturen werden derzeit aufgebrochen, zementierte Auswertungs- und Geschäftsmodelle werden brüchig. Das muss nicht von Nachteil sein. Denn es eröffnet die Chance, nochmals neu darüber nachzudenken, worin genau die Zukunft der Kinos liegen soll.

Aufzeichnung des Livestreams

Daniela Kloock

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