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Memes für die Ewigkeit oder: Die Verheißung eines digitalen Kunstmarkts 4.0

von Hanna Komornitzyk (24.03.2021)


Memes für die Ewigkeit oder: Die Verheißung eines digitalen Kunstmarkts 4.0

NFT, Kryptoart In a White Cube by OpenAI (text2image)

Das GIF einer Cartoon-Katze geht für knapp 600.000 Dollar über die digitale Ladentheke und das Internet explodiert: Kunstmarkt, Blockchain und Tech-Industrie verschmelzen zum neuesten Hype NFT – vorerst. Eine Annäherung mit Abstand.

Reizüberflutung in 8 Bit: Begleitet von einer digital verfremdeten Stimme, die zu hoch getakteten Beats ein nur schwer auszumachendes Wort wiederholt, fliegt eine pixelige Katze an einem pixeligen Sternenfirmament. Ihr Körper ist der einer amerikanischen Pop-Tart – eine dünne Scheibe süßen Gebäcks für den Toaster – und nach sich zieht sie einen Regenbogenschweif. Wer versteht, was sich in dieser Szene abspielt, dem gebührt die Kür der Popkultur, denn Referenzen an eben jene sind Ausgangspunkt der inhärenten Faszination. Die Nyan Cat ist ein frühes Meme, das seit 2011 von einer simplen GIF-Animation über ein weiterentwickeltes YouTube-Video bis schließlich zu einer Website mit bis dato 35 verschiedenen Fassungen digitalen Kultstatus erlangt hat. “Nyan” ist das japanische Wort für “Miau” und wird im Video von der 16-jährigen virtuellen Künstlerin Hatsune Miku gesungen, die Teil der Synthesizer-Software Vocaloid ist. Pop-Tarts mit bunter Glasur sind in US-amerikanischen Serien und Sitcoms wie Friends oder Gilmore Girls ungesundes wie beliebtes Frühstücks-Junkfood. Die Ästhetik der fliegenden Katze ist frühen Jump’n’Run-Spielen des japanischen Nintendo-Universums wie Super Mario oder Donkey Kong entnommen. Und Katzen – ja, Katzen gehen im Internet sowieso immer. Soweit die Kurzfassung eines milliardenfach geteilten Inhaltes, der unter Millennials so bekannt ist wie Picasso und Miró unter all jenen 60+, die regelmäßig in Wartezimmern fachärztlicher Praxen sitzen. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Originalvideos ist Erfinder Chris Torres aus Dallas im US-Bundesstaat Texas 25 Jahre alt.

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screenshot http://www.nyan.cat/

Zehn Jahre später: Im Februar 2021 wird bekannt, dass Torres eine Neuversion seiner Katze über die Online-Kunstplattform Foundation versteigert hat: Ein*e User*in, anonymisiert hinter dem schlichten Kürzel 0x7Eb28B2f14A59789ec4c782A5DD957F9C8F33f6b, bekommt für 300 ETH den Zuschlag – der Betrag in der Krypto-Währung Ethereum entspricht am Tag der Auktion rund 587.000 US-Dollar. Die Versteigerung der Nyan Cat stellt somit nicht nur einen neuen Höhepunkt im Hype um sogenannte Non-Fungible-Tokens dar, sondern sie ist auch eine treffende Metapher für die Bedeutung und den Wirkungskreis, der Blockchains in Bezug auf den Kunstmarkt zuzuordnen ist. Das Konzept von NFTs ist auf den ersten Blick verwirrend und unübersichtlich – in ihrer Grundfunktion basieren sie aber wie Blockchains selbst auf dem simplen Wunsch nach Stabilität und Einzigartigkeit inmitten einer digitalen Anarchie: Das Internet ist endlos wie das Sternenfirmament, das die pixelige Katze durchfliegt. Seine Weiten können niemals vollends begriffen werden, da sie sich pausenlos erweitern, verändern und verjüngen. Originale sind, wenn überhaupt für einen begrenzten Zeitraum möglich, denn mit den entsprechenden Codes und Programmierungsfähigkeiten kann fast jede Sperre – wie beispielsweise der Zugang zu Streamingdiensten oder der Kopierschutz auf Dateien – umgangen und Inhalte vervielfältigt werden. Nicht selten gehen Ursprung und Urheber*innen der Daten dabei vollständig, zumindest aber für eine breite Masse, verloren. Blockchains stellen sich diesem Prinzip der Unendlichkeit entgegen: Sie sind Datenbanken, die aus einzelnen, aufeinander aufbauenden Datenblöcken bestehen und sich in einer Kettenreaktion selbst unwirksam machen, sobald einer der Blöcke verändert wird.

NFTs basieren als Vermögenswerte auf Blockchains und führen das Konzept gewissermaßen fort: Anders als beispielsweise die wohl bekannteste Krypto-Währung Bitcoin sind Non-Fungible Tokens, wie es der Name bereits vermuten lässt, nicht austauschbar: Sie können einmalige virtuelle Güter wie Bestandteile von Computerspielen und Programmen – zum Beispiel Spielcharaktere oder DApps – repräsentieren, eignen sich aber vor allem ideal für die Vermarktung von virtueller Kunst. Im März erzielte Christie’s mit der Versteigerung der Thumbnail-Collage Everydays: The First 5000 Days von Digitalkünstler Mike Winkelmann, der besser unter seinem Pseudonym Beeple bekannt ist, eine Rekordsumme von 69 Millionen US-Dollar. Aber klassische Auktionshäuser laufen auf diesem neuen, rein digitalen Kunstmarkt längst Gefahr, von diversen Plattformen abgelöst zu werden. Genau hier liegen aber auch die Grenzen, an denen sich der neue Hype zumindest fürs Erste bricht: Zahlreiche Plattformen für den Verkauf digitaler Kunst sind bereits aktiv: Zu den vielleicht gängigsten zählen zur Zeit KnownOrigin, SuperRare, Nifty Gateway und allen voran OpenSea – aber neue Marktplätze kommen ununterbrochen dazu, vervielfältigen das Angebot und streuen die Preisspanne von einigen hundert bis zu mehreren Millionen Dollar.

Doch während die einzelnen Arbeiten einzigartig und nicht kopier- oder übertragbar sind, ähneln sie einander stark: Die Grafikerin und Digitalkünsterlin Liron Eldar-Ashkenazi bietet auf dem Kunst-Marktplatz Rarible als LIŔONA mit einer 3D-Software erstellte, abstrakte Portraits an: Die einzelnen Arbeiten, ihre #bois, sind klar als Teil einer Serie zu erkennen. Doch das Konzept einer begrenzten Werkreihe überträgt sich nicht ohne Weiteres vom analogen auf den digitalen Raum. Auch sind wir, gerade online, auf diversen mehr oder minder sozialen Plattformen pausenlos von einer niemals versiegenden Flut an Bewegtbildern umgeben – ein Format, das besonders in Form von Memes andere Ebenen der Kommunikation abgelöst hat. Nicht selten werden Bilder und GIFs in Messenger-Programmen verwendet – als Reaktion oder auch nur als Zusammenfassung einer Situation. Bewegte und unbewegte Bilder, Instagram-Stories und TikTok-Videos ersetzen Dialoge. Dabei sind sie gleichermaßen Vereinfachung und Komplexität: Denn während Memes oft aus einem einzelnen Bild mit Textzusatz bestehen und Videoformate in den sozialen Medien in der Regel nicht länger als 20 Sekunden sind, enthalten sie in beeindruckend hoher Konzentration popkulturelle Referenzen: An Filme, Songs, vorangegangen Memes und virale Trends. Diese Bilder, die zur Zeit das gängige NFT-Kunstmedium widerspiegeln, sind somit fester Bestandteil unseres alltäglichen Austauschs mit anderen – so alltäglich, dass ihre Umdeutung zu Kunst, die aus eben jenem Alltag herausreißen und ihn hinterfragen soll, schwer vorstellbar scheint. Es bleibt spannend abzuwarten, ob das Angebot auf diesem digitalen Kunstmarkt sich diversifizieren kann – oder ob es, wie ein Katzenbild aus dem letzten Jahr, im sich ständig wandelnden und multiplizierenden digitalen Raum untergeht.

Hanna Komornitzyk

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