Berlin Daily 19.04.2021
Online-Ausstellung: Negotiating Borders

mit Lee Bul, Minouk Lim, Kyungah Ham, Tobias Rehberger, Künstlerkollektiv SUPERFLEX (bis 23.5.) im Rahmen des Real DMZ (Demilitarisierte Zone) Projects des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin.

Pompons, Polka Dots und Flamingos: Matthew Lutz-Kinoy im Salon Berlin

von Urszula Usakowska-Wolff (03.04.2021)


Pompons, Polka Dots und Flamingos: Matthew Lutz-Kinoy im Salon Berlin

Installation view: Matthew Lutz-Kinoy. Window to The Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda
Matthew Lutz-Kinoy, An opening of the field, 2020. Wool. Courtesy of the artist; The Ray, 2019. Acrylic on canvas, 260 × 170 cm. Private Collection. Courtesy of the artist; Photo: Thomas Bruns


Mit Filzlatschen über den Schuhen geht man auf einem Teppich in Altrosa, umgeben von einer Girlande aus sanft schwingenden, pinkfarbenen Kugeln. Sie sehen wie ein transluzider gepunkteter Baldachin aus, der mit den weißen Wänden kontrastiert und zugleich zusammenfließt. Dieses pointilistische Mobile verhüllt drei Gemälde, deren pastellige Farben – Rosa, Blau, Grün und Grau – peu à peu durchschimmern und in Verbindung mit den davor schwebenden Punkten wie ein Trompe-l’œi wirken.

Räume als Rahmen

Mit der Installation aus 2889 Wollpompons unter dem Titel An opening of the field (2020) öffnet sich die Ausstellung Window to The Clouds von Matthew Lutz-Kinoy (*1984 in New York) im Salon Berlin | Museum Frieder Burda. Der Künstler verwandelt die drei Salonsäle in ein temporäres Gesamtkunstwerk von betörender, fast unheimlicher Schönheit. Sein Umgang mit dem Material, der Formgebung und der Tradition ist verblüffend, seine Fantasie scheint ausufernd und zugleich in geordnete Bahnen gelenkt zu sein. Die Pompon-Girlande fällt durch monumentale Leichtigkeit auf, prosaische Bommel baumeln poetisch als luftige Masse, und Keramik ist der Stoff, aus dem 20 glasierte Wandteller der Serie Keramikos und fünf Kopfkissen sind, darunter eines, auf dem eine mit Polka Dots bedeckte Kinderfigur schläft. Matthew Lutz-Kinoy, der auch als Performer für Aufsehen sorgt, betrachtet Museen und Galerien als Bühnen für seine Artefakte, die als Akteure und theatralische Kulissen fungieren und fließende Bilder in fließenden Räumen kreieren. Er spielt mit der Funktionalität der Dinge, mit ihren vermeintlich harten und weichen Eigenschaften, nutzt Fußböden, Decken, Wände und Wanddurchbrüche als Rahmen für seine Gemälde, ätherischen Skulpturen und Keramikobjekte. Seine Inszenierungen, die immer ortsbezogen sind, bestechen durch Perfektion, Harmonie und raffinierte Blickachsen, die es ermöglichen, Ausschnitte eines sich immer anders öffnenden Feldes zu sehen. Er verpasst den Ausstellungsräumen eine elegante Innenarchitektur, in der man sich gern aufhält, denn ein pastelliges Ambiente wirkt entspannend und beruhigend. Es ist – so scheint es – vor allem eine Kunst zum Wohlfühlen.

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Installation view: Matthew Lutz-Kinoy. Window to The Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda
Matthew Lutz-Kinoy, Window to Rio, 2020. Acrylic on canvas, 170 × 255 cm; Lectures of Burle Marx, 2020, Acrylic and charcoal on canvas, 160 × 255 cm. Courtesy of the artist and Mendes Wood DM São Paulo, New York and Brussels; Photo: Thomas Bruns


Formen im Farbrausch

Matthew Lutz-Kinoy, ein Amerikaner in Paris, schöpft seine Ideen aus der fernen und nahen Kunstgeschichte und dem japanischen Kunsthandwerk. Er hat ein Faible für Rokoko und Rodin, Chardin und Hodler, Fantasielandschaften, Stillleben und Ornamente, Kusamas Polka Dots, Imari-Porzellan und Tatami. Seine Kunst kreist zwischen Himmel, Erde, Epochen und Genres, bevölkert mit Figuren, die nach oben schauen, als ob sie das Fenster zu den Wolken dort orten wollten, wilden Orchideen und Flamingos. Er benutzt Motive aus der Vergangenheit und zeigt, dass sie immer noch aktuell sind, weil sie sowohl die Transzendenz als auch die Immanenz des Seins verkörpern: Der erschöpfte Engel auf dem Gemälde Exhausted Angel Receives an Announcement in Rodins Garden knüpft an Auguste Rodins monumentales Relief La Porte de l´enfer (Das Tor zur Hölle) an, andere Bilder wie zum Beispiel The Ray, Lombardy Capriccio oder Capriccio à Paris sind Zitate aus Werken bekannter Rokoko-Maler, deren Figuren Lutz-Kinoy aus dem ursprünglichen Kontext löst, sie anthropomorphisiert oder ihre Formen im Farbrausch versinken lässt. Seine Acrylgemälde sind großformatig und gestisch, ihre Protagonisten stellt er oft in Umrissen oder als Silhouetten dar, die, von wellenförmigen Pinselstrichen umgeben und häufig unter einem verzierten Bogen platziert, einen dynamischen und manchmal auch dramatischen Eindruck vermitteln. Der experimentierfreudige und zugleich traditionsbewusste Maler führt überzeugend vor, dass, auch wenn die Kunst heute von gestalterischen oder inhaltlichen Zwängen frei ist, ihre Themen sich nicht verändert haben: die Schönheit und Endlichkeit des Lebens, die Zerbrechlichkeit des Menschen in einer Zeit, die in Bewegung geraten ist – und niemand weiß, wohin das führen wird. Das Eintauchen in die Kunst ist eine Möglichkeit, der unberechenbaren und angsteinflößenden Wirklichkeit zu entfliehen.

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Installation view: Matthew Lutz-Kinoy. Window to The Clouds; Salon Berlin, Museum Frieder Burda
Matthew Lutz-Kinoy, Wings of Flamingos, Camargue, 2020. Acrylic on canvas, 380 × 690 cm. Courtesy of the artist; Keramikos 3, 2019. Hand-painted set of 20 glazed ceramic plates. Courtesy of the artist and Mendes Wood DM São Paulo, New York and Brussels; Pillow In Cognac With Relaxed Figure, 2018; Pillow In The Form Of Reclining Child With Polkadots, 2018; Pillow In Green With Relaxing Figure, 2018; Pillow In The Form Of Reclining Child With Landscape, 2018; Pillow In The Form Of Reclining Child, Fishing Net, 2018. Glazed ceramics, dimensions variable. Courtesy of the artist and Fitzpatrick Gallery; Photo: Thomas Bruns


Schöne Aussichten

Fast alle Werke, die in Matthew Lutz-Kinoys Ausstellung, seiner ersten institutionellen Soloschau in Deutschland, präsentiert werden, hat er extra für den Salon Berlin produziert: aus dem Bedürfnis heraus, eine „alternative Wirklichkeit“ zu schaffen. Sie ist sehr gediegen, kann eine halbe Stunde lang einzeln besehen werden: im Stehen, Gehen und im dritten Saal auch im Liegen. An den Wänden hängt dort ein Fries aus den besagten Keramikos, die farblich zu den über den ganzen Salon verstreuten neun Gemälden passen, Tatami-Matten laden ein, sich darauf zu betten, den Nacken auf ein Kissen zu stützen und entspannt auf die Decke zu blicken, um sich an dem darunter hängenden riesigen Gemälde Wings of Flamingos zu erquicken. Wenn man sich zur Seite dreht, sieht man ein Fragment der Pompon-Installation, die, vom türlosen Übergang zum Flur umrahmt, wie ein gepunkteter Vorhang aussieht. Kurz vor dem Verlassen der Ausstellung nimmt man ein Bild mit drei Männerfiguren wahr, die denen von Ferdinand Hodler ähneln und die unter einem engen Bogen vor einem sitzenden Kind verharren. Das Kind hält ihnen einen Pinsel und einen Malbecher entgegen. Der Titel Thunberg Greets the Nations, 23 September, 2019 bezieht sich auf die Rede der berühmten Aktivistin auf dem UN-Klimagipfel in New York – und auf die Kunst. Weltbewegende Ereignisse fallen dem Vergessen schnell anheim, doch auf Leinwand gebannt werden sie vielleicht unvergänglich sein.

Matthew Lutz-Kinoy
Window to The Clouds
Kuratorin: Patricia Kamp
Kuratorische Assistenz: Sophie Mattheus

Salon Berlin | Museum Frieder Burda
Auguststraße 11–13, 10117 Berlin

bis zum 5. Juni 2021
Di–Do 15–18 Uhr, Fr–Sa 12–18 Uhr

Ausstellungsbesuch für eine Person – 30 Minuten, kostenlose Zeitfenster können nur online reserviert werden:
www.museum-frieder-burda.de

Urszula Usakowska-Wolff

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