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Jeans-Dance am Straßenmast: Sofia Hultén in der Galerie Daniel Marzona

von Urszula Usakowska-Wolff (07.05.2021)
vorher Abb. Jeans-Dance am Straßenmast: Sofia Hultén in der Galerie Daniel Marzona

Lies, lies, lies, lies, lies, lies, lies, 220cm x 120cm x 110cm, used portable toilet, 2001. Ausstellungsansicht, Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Sofia Hultén bringt Hosen zum Tanzen, reißt Baggern Zähne aus, offenbart den phallischen Charakter der Drainagerohre und verwandelt Toilettenkabinen in scherenschnittartige Gartenskulpturen, die wie Pergola-Hütten anmuten. Die mit vielen Talenten gesegnete Künstlerin hat ein Faible für alltägliche Dinge, die so verbreitet und offensichtlich sind, dass sie nicht ins Auge fallen, obwohl sie das Stadtbild oder – wie etwa die coolen Bleached Jeans – das Image der sie Tragenden prägen. Für ihre Installationen verwendet Hultén industriell und seriell hergestellte Ready-mades, die sie im Internet ersteigert oder auf Baustellen und Straßen findet. Indem sie die Fundstücke durch kleine Eingriffe verfremdet, individualisiert und in einen neuen, überraschenden Kontext setzt, verstärkt sie ihre subversive Wirkung. Sie hat auch einen Sinn für dadaistische Wortspielereien, mit denen sie ihre Ausstellungen und Arbeiten betitelt. Sofia Hulténs gegenwärtige Soloschau in der Galerie Daniel Marzona heißt dementsprechend Super Call Me Fragile Ego, und zeigt 20 Exponate aus Werkgruppen, die alle im laufenden Jahr entstanden: Manly, Rainly, Moany, Undad, undad und Lies, lies, lies, lies, lies, lies, lies, ergänzt mit drei Papierarbeiten (einer Klebeband-Collage und zwei Frottagen).

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Manly Rainy Moany, 220cm x 100cm x 100cm, jeans, posts, grille, 2021, Courtesy Galerie Daniel Marzona

Windhosen, Rohre, Baggerzähne

Die Ausstellung unter dem etwas mysteriösen Titel Super Call Me Fragile Ego erstreckt sich über die beiden Räume und den Garten der Galerie Daniel Marzona. Ihr Hauptteil besteht aus zwei großen Objekten, die auf schwarzen Gitterpodesten stehen. In ihrer Mitte befindet sich jeweils ein alter Straßenmast mit einer darauf befestigten Jeans, die in einem Spagat verharren. Doch wenn man sich den beiden Manly, Rainly, Moany nähert, wird schnell klar, dass sie keine tote Hose, sondern eine Art Windhose sind: Sie beginnen sich rasant im Kreis zu drehen, bis die Luft, die aus dem Gitterschacht bläst, raus ist. Ganz statisch kommen dagegen die titelgebenden kleineren Tonplastiken daher, die wie eine Mischung aus raffinierten Blumentöpfen und abstrakten Darstellungen des mythologischen griechischen Fruchtbarkeitsgottes Priapos aussehen, sie haben leicht erkennbare, aber offene phallische Abzweige. Es sind Ready-mades, die meistens unter der Erde liegen: Steinzeugrohre und Formstücke mit glatten Enden, für die Bauentwässerung und zugehörige Kanalisation entwickelt. Sofia Hultén holte sie an die Oberfläche und füllte sie – wie es scheinen könnte – mit Wasser. Doch das, was wie ein Wasserspiegel wirkt, ist dunkles Acrylglas, in dem sich vielleicht auch die fragilen Egos der Betrachtenden schemenhaft spiegeln werden. Und an den Wänden hängen in Dreiergruppen zwölf Zähne unter dem Titel Undead, undead, welche Sofia Hultén den Baggern gezogen hat, sodass sie als Kunstwerke tatsächlich sehr lebendig erscheinen und für den nötigen Biss der Schau sorgen.

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Super Call Me Fragile Ego #1, 45cmx37cmx20cm, mud gully, acrylic glass, 2021, Courtesy Galerie Daniel Marzona

Tanzen, betrügen, lügen

Dass Super Call Me Fragile Ego einen biografischen Hintergrund hat, leuchtet erst bei der Lektüre des Begleittextes ein. Die seit 1998 in Berlin lebende Sofia Hultén (* 1972 in Stockholm) wuchs in Birmingham auf, wo sie mit der Skinhead-Jugendkultur in Berührung kam. Ihr Symbol sind die Jeansskulpturen Manly, Rainly, Moany (Männlich, regnerisch, meckerig), die ein Gebläse von unten in wilde, unkontrollierte und unkoordinierte Bewegungen versetzt. Das ist ein Tanz, in dem auf exzessive und doch recht hilflose Weise Männlichkeitsrituale zelebriert werden, was tatsächlich in die Hose geht. Zugleich spielt diese kinetische Installation auch an Upskirt an, mit dem Unterschied, dass man den kopf- und beinlosen Hosen nicht unter die Röcke gucken kann. Schlechte Erfahrungen machte Sofia Hultén auch beim Wiederaufbau eines niedergebrannten Familienhauses, wonach sie ungewollten Kontakt mit betrügerischen Bauherren hatte und sie verklagte. Was sie dabei erlebte, stellt sie mithilfe der besagten Rohre, Baggerzähne und mobilen Toilettenboxen dar. Wie in allen ihren Arbeiten geht die Künstlerin auch in dieser Ausstellung mit den Dingen spielerisch um, indem sie die ihnen immanente Funktionalität, den Gebrauchswert und Verwendungszweck infrage stellt. Mit viel Sinn für Humor zeigt sie die übersehene Ästhetik und Poetik des Alltags, wo sogar Bestandteile der Kanalisation und Erzeugnisse der Firma Toi Toi & Dixi eine magische Aura entfalten. Die von den Menschen geschaffenen Gegenstände haben ihre Schönheit und Unschuld bewahrt, während die Menschen vor allem damit beschäftigt sind, zu raffen, sich vollzustopfen, zu verdauen und auszuscheiden. Und immer wieder zu lügen (Lies, lies, lies, lies, lies, lies, lies), was der Titel der beiden kunstvoll ausgeweideten stillen Örtchen im Garten der Galerie Daniel Marzona unverblümt zum Ausdruck bringt.

Sofia Hultén
Super Call Me Fragile Ego
bis 24. Juli 2021
Daniel Marzona
Marienstraße 10, 10117 Berlin
Mi–Fr 11–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr
www.danielmarzona.com

Urszula Usakowska-Wolff

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