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White Cube – oder was kann die Kunst für die Welt tun?

von Daniela Kloock (15.05.2021)


White Cube – oder was kann die Kunst für die Welt tun?

Filmstill: White Cube, DOK.fest München

„White Cube“, der neue Film des niederländischen Künstlers Renzo Martens, ist einer der irritierendsten und vielschichtigsten Filme des derzeit stattfindenden Filmfestivals DOK.fest München. Themen und Fragen verschränken sich hier, die nicht nur das Festival, sondern auch die aktuellen politischen Diskurse bestimmen. Rassismus und Kolonialismus, Empowerment, ökonomische und ökologische Ausbeutung, aber auch das Hinterfragen des Kunst- und Kultursystems. All dies greift „White Cube“ auf, ohne je pädagogisch oder moralisch zu werden. Schon allein deshalb hat der Film mein Herz im Sturm erobert.

Dabei macht es Renzo Martens den ZuschauerInnen zu Beginn nicht gerade leicht. Mit breitem Strohhut und blütenweißem Hemd stapft er fast ´Fitzcarraldomäßig` durch den Urwald. Doch sobald man zu verstehen beginnt, um was es dem Regisseur eigentlich geht, weichen die Vorbehalte. Denn Martens entwickelt sich zu einem unbeirrbaren Kämpfer, der die Theorien von Judith Butler („Kritik der ethischen Gewalt“) und Richard Florida („Theorie der kreativen Klasse“) in Kunst umzusetzen versucht. Soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital will er dahin zurückzubringen, wo es herkommt. In diesem Fall nach Afrika, bzw. in die Republik Kongo, zunächst nach Botega, dann nach Lusanga, einem Ort 650 km entfernt von Kinshasa. Lusanga hieß ursprünglich Leverville, nach dem Briten William Lever. Er kam 1911 in den Congo, um dort aus den Palmen jenes Öl zu gewinnen, was er zunächst für Seife, später für Kakao und all die anderen Verbrauchsgüter brauchte, die sein wachsender Konzern produzierte.

Renzo Martens erzählt in seinem Film, wie ihm bei einer Ausstellung der Tate Gallery, wo er seinen umstrittenen Film „Enjoy Poverty“ vorstellte, die zahlreichen Werbe- und Sponsorenplakate von Unilever auffielen. Ab diesem Zeitpunkt wurde ihm klar, dass in allen großen Museen dieser Welt das Geld von Firmen steckt, die ihren Reichtum aus der Ausbeutung von menschlichen und natürlichen Ressourcen beziehen.

Und genau dies ist das Thema seines Films „White Cube“. Man begleitet den Regisseur in den Kongo und sieht dort hautnah, unter welchen miserablen Bedingungen die Landarbeiter, die die Früchte der Ölpalmen ernten, nach wie vor leben. 19 Dollar für einen Monat Schwerstarbeit, das reicht nicht einmal fürs Essen. Martens gründet ein Kunst-Kollektiv, das CATPC (Cercle d´Art des Travailleurs de Plantation Congolaise), dort soll Kunst für den westlichen Markt produziert werden und deutlich machen, dass sich damit mehr Geld verdienen lässt als mit der Landarbeit. Ganz im Sinne von Joseph Beuys ermutigt der Regisseur die Bewohner von Lusanga kreativ zu werden. Die Kamera ist immer dicht dabei und filmt, wie rätselhafte Bilder gemalt werden, vor allem aber, wie die tollsten Ton- und Strohskulpturen entstehen.

Doch der eigentlich entscheidende Dreh ist eine bittersüße Idee. Martens lässt die Skulpturen in 3D scannen, damit sie dort, wo sie später ausgestellt werden sollen, in Schokolade gegossen werden können. In dem „Material“ also, mit dem die Konzerne ihre Gewinne machen. Der Verkaufserlös der Ausstellungen soll zurück an die kongolesischen KünstlerInnen fließen. Damit werden die bestehenden Kreisläufe des ausbeuterischen Kunstmarkts umgelenkt. Das Geld geht direkt dahin zurück, woher die Kreativität kommt. Und es funktioniert.

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Filmstill: White Cube, DOK.fest München

Die Tate Gallery und das SculptureCenter in New York zeigen die Schoko-Skulpturen. Die New York Times berichtet groß auf ihrer Titelseite und feiert die Ausstellung als beste Kunstpräsentation des Jahres. All dies hält der Film fest, indem die Kamera Mathieu Kasiama nach New York begleitet. Er ist einer der Künstler aus Lusanga und Sprecher des CATPC. Doch Renzo Martens will mehr. Es muss auch ein Museum vor Ort her. Tatsächlich schafft er es, Architekten des von Rem Koolhaas gegründeten Büros OMA zu gewinnen. Und so entsteht mitten auf der Plantage der White Cube. Wie ein aus dem All gelandeter Fremdkörper steht er da, inmitten des satten Grüns auf der roten afrikanischen Erde. Ein unübersehbares Symbol der weißen Dominanzkultur und ihrer Ästhetik. In dieser fremden Umgebung wird er zur architekturgewordenen Kritik an unseren Ausschluss- und Ausbeutungsmechanismen.

Der Film „White Cube“ erzählt jedoch vor allem die fast märchenhaft wirkende Geschichte, dass es möglich ist, Ungleichheit durch Kunst bzw. Kunst-Engagement auszugleichen. Ein „Fiou Fiou“ sei Renzo Martens, sagt Mathieu Kasiama an einer Stelle des Films, ein guter Geist, auch wenn er weiß ist.

_____________

Der Film feiert beim DOK.fest München seine Deutschlandpremiere und ist noch bis zum 23.5. auf der website des Festivals abrufbar

Mehr zum DOK.fest München und seinem Programm in unserem Artikel vom 31.5.2021


Daniela Kloock

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