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Die Verstrickungen des Latexgummis

von Ferial Nadja Karrasch (03.06.2021)


Die Verstrickungen des Latexgummis

Bethan Hughes, Hevea Act 2: Devil's Milk, Installation View, Centrum, 2021. Foto: Ute Klein

Bethan Hughes erzählt in ihrer Ausstellung „Devil’s Milk“ in dem Projektraum Centrum die Geschichte einer alten botanischen Substanz.

Mehrere Bahnen eines bodenlangen, grauen Vorhangs trennen den Ausstellungsraum, unterteilen ihn in einen hinteren und einen vorderen Bereich. Schon von draußen fallen die vier Objekte ins Auge, die im vorderen Bereich von der Wand hängen. Sie haben undefinierbare, aufgeblähte Formen; die Fahrradventile weisen darauf hin, dass sie mit Luft gefüllt sind. In ihrer Materialität erinnern sie entfernt an aufblasbare Camping-Luftmatratzen. Könnten es Design-Wärmflaschen sein?
Daneben hängt an der Wand ein gerahmtes Bild: Eine abstrakte Formation – sie lässt an eine kleinteilige Inselgruppe denken -, die durch Herausschneiden oder Herausstanzen aus einer rostbraunen Fläche entstand und das dahinter liegende weiße Papier sichtbar macht.

Auf der anderen Seite des Vorhangs finden sich zwei weitere Bilder. Sie folgen dem gleichen Prinzip, ihre Motive erinnern jedoch stark an Darstellungen von Pflanzen. Die Formen korrespondieren mit jenen, die auf einem großen Bildschirm zu sehen sind. In ständiger Bewegung fügen sich hier unterschiedlich geformte Blätter zusammen, fusionieren, bilden immer neue Strukturen, bevor sie sich wieder trennen und der Prozess von vorne beginnt.

Was alle Exponate miteinander verbindet: Sie sind aus Latexgummi oder stehen in enger Verbindung mit der Geschichte dieses Materials. Mit ihnen erzählt die Künstlerin Bethan Hughes (*1989 in Wigan, UK) in ihrer Ausstellung Devil’s Milk bei Centrum die Geschichte einer Substanz, die unser tägliches Leben begleitet und dennoch kaum Beachtung findet. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn es sich dabei nicht um ein Naturprodukt handelte, dessen Verwendungsgeschichte eng mit Imperialismus, Kolonialismus und Kapitalismus verbunden ist.
Devil’s Milk ist der zweite Teil von Hughes‘ künstlerischem Forschungsprojekt „Hevea“, in dem sie die Beziehung von Mensch zu Naturkautschuk untersucht.

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Bethan Hughes, Hevea Act 2: Devil's Milk, Installation View, Centrum, 2021. Foto: Ute Klein

Naturkautschuk, oder auch Latexgummi, hauptsächlich gewonnen aus dem Baum Hevea brasiliensis, findet sich in zahlreichen Gegenständen, die uns begleiten. Zum Beispiel in Auto- und Fahrradreifen, Dichtungsringen, Yogamatten, Wärmflaschen, Schnuller, Radiergummis, Kaugummis, Kondomen, Mundstücken von Blasinstrumenten und, in den letzten Monaten besonders wichtig: in Handschuhen und Schutzkleidung.
Anhand der Installation Devil’s Milk thematisiert Hughes die Geschichte des Naturkautschuks und fokussiert dabei die Abstraktion, die die botanische Substanz über die Zeit erfuhr. Sie wirft die generelle Frage auf, wie oft es vorkommt, dass wir über die Bestandteile jener Alltagsgegenstände nachdenken. Im Fall des Naturkautschuks wurde aus einem natürlichen Material mit besonderer Funktion eine globale Handelsware, über deren Ursprung wir kaum etwas wissen.

Der Text der zweiseitigen, die Ausstellung begleitenden Publikation erläutert knapp, aber pointiert, die komplexe Geschichte dieses besonderen Materials: Ursprünglich stammt Kautschuk aus Lateinamerika, vor allem aus Brasilien. „Coa ochu“ bedeutet in der Sprache der Olmeken so viel wie „der Baum weint“. Die indigenen Völker nutzten die verschiedenen Substanzen des Hevea brasiliensis für rituelle und praktische Zwecke. So verwendeten sie den Milchsaft des Baumes, um wasserabweisende Schuhe herzustellen oder strichen die Substanz auf die Körper von Neugeborenen, um sie warm zu halten.
Die Verwicklung des Hevea brasiliensis in den weitreichenden, noch heute wirksamen Kontext von Imperialismus, Kolonialismus und Kapitalismus begann mit der Aneignung und Kapitalisierung der botanischen Substanz durch die Europäer. Der Titel der Ausstellung Devil’s Milk, Teufelsmilch, leitet sich aus dem Leid ab, das durch diese Übernahme für jene Menschen entstand, in deren Hände Anbau und Ernte lagen.
Ende des 19. Jahrhunderts verschiffte der Engländer Henry Wickham 70.000 Samen des Hevea brasiliensis in die königlichen botanischen Gärten Londons und von hier in die britischen Kolonien nach Asien. Die brasilianische Kautschukproduktion konnte den in Asien entstehenden Hochleistungsplantagen nichts mehr entgegensetzen – heute kommt über 90% des weltweit verarbeiteten Kautschuks aus Südostasien und China, während nicht einmal 4% noch in Lateinamerika gewonnen werden.
Die Animation „A Fluid Defence III“ spielt auf diesen geschichtlichen Kontext an. Die sich stetig wandelnde Animation besteht aus tausenden Bildern von latexproduzierenden Pflanzen aus dem Herbarium-Archiv des Botanischen Gartens und Museums Berlin, einem Ort, der eng mit der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches verwoben war. Die in die Animation eingespeisten Datensätze verbinden sich zu immer neuen Formationen und lassen aus existierenden Exemplaren künstliche Gebilde erwachsen. Die Animation veranschaulicht auch das menschliche Bestreben, die natürliche Substanz weiterzuentwickeln und verweist auf einen wichtigen Aspekt in der Nutzungs- und Aneignungsgeschichte des Naturkautschuk: Erst ein chemisch-technisches Verfahren, die sogenannte Vulkanisation, verhalf dem Latexgummi zur vollen Entfaltung seiner typischen Eigenschaften und machte seinen massenhaften Einsatz möglich. Gleichzeitig wird noch heute versucht, ein synthetisches Material zu entwickeln, das den Eigenschaften von Naturkautschuk nahekommt.

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Bethan Hughes, Hevea Act 2: Devil’s Milk, 2021, installation view. Photo by Ute Klein

Der in der Mitte des Raumes installierte Vorhang spielt zum einen auf die ursprüngliche Funktion des Kautschuks an – der Baum sondert das Latex ab, um sich gegen Krankheitserreger und Pflanzenfresser zu schützen, zum anderen verweist er auf seine künstliche Weiterverarbeitung zu Kondomen, Handschuhen und weiteren Kleidungsstücken, „alles Dinge, die eine flexible Barriere bilden, (…) einen Abstand zwischen Selbst und Welt“, schreibt die Künstlerin in dem Begleittext. Um diesen Abstand geht es auch in der in den vergangenen Monaten besonders wichtigen Verwendung des Kautschuks. Hughes Text informiert uns: „Ende 2020 verkündet das Malaysian Rubber Council, dass die Exporte von Naturkautschuk aufgrund der Pandemie gegenüber 2019 um 75,6% gestiegen sind.“ Während der Schutz des Einzelnen gegen virale Partikel die Nachfrage nach Handschuhen aus Naturkautschuk steigen ließ, sorgten die schlechten Bedingungen in den Fabriken dafür, dass sich das Corona-Virus schnell unter den Arbeitenden ausbreitete. So wie der Baum das Latex als Schutz vor Schädlingen benötigt, benötigt der Mensch die botanische Substanz, um Schutzkleidung herstellen zu können.
In diesen Kontext gehört, dass ein Parasit, der schnell wachsende und auf die Gattung Hevea spezialisierte Pilz Microcylus ulei, eine große Gefahr für Kautschukbäume darstellt. Bisher tritt er nur in Süd- sowie in Teilen von Mittelamerika auf. Die Pandemie hat uns jedoch gezeigt, dass Viren – und eben auch Pilze – in Zeiten der Globalisierung schneller wandern als uns lieb ist.
Natürlich wachsende Kautschukbäume stehen so weit voneinander entfernt, dass die Weiterverbreitung des Pilzes auf natürliche Weise gestoppt werden kann. Sollte der Pilz jedoch die Plantagen in Südostasien erreichen, wo die Bäume dicht an dicht stehen, hätte das fatale Folgen. Und das nicht nur für die Menschen vor Ort. Viel zu präsent ist das Kautschuk mittlerweile auch in unserem Alltag, als dass die Auswirkungen eines solchen Pilzbefalls hierzulande nicht bemerkbar wären.

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Bethan Hughes, Hevea Act 2: Devil’s Milk, 2021, installation view. Photo by Ute Klein

Bethan Hughes‘ Ausstellung macht auf diese Verbindungen und Verstrickungen aufmerksam. Ihre dabei in weiten Teilen abstrakt bleibende Installation regt erfolgreich zur weiteren Erforschung dieses Themas an und appelliert an das individuelle Misstrauen gegenüber vermeintlich selbstverständlich gegebenen Dingen, die unseren Alltag prägen.
Dabei geht Hughes‘ Aussage über das konkrete Beispiel des Kautschuks hinaus. Die abstrakten Formationen der hängenden Objekte, der gerahmten Bilder und der Animation vermitteln unsere Beziehung zur natürlichen Welt, die wir manipulieren und abstrahieren, von der wir uns letztlich so weit entfremden, dass wir nicht nur ihre Geschichte, sondern auch ihre Bedürfnisse nicht mehr kennen und ihr Fortbestehen leichtfertig aufs Spiel setzen. So vergessen wir allzu schnell, dass wir letztendlich doch an sie gebunden bleiben.

Als Teil der von Jorgina Stamogianni kuratierten Ausstellung bietet das Centrum einen zweistündigen Outdoor-Workshop an, bei dem die Teilnehmer*innen eingeladen sind, die botanischen Ursprünge und die materielle Geschichte des Kautschuks durch einen kuratierten Spaziergang mit der Künstlerin in der Nachbarschaft von Neukölln und eine praktische Bastelsitzung zu erkunden. Weitere Infos, hier: centrumberlin.com

Ausstellungsdauer: bis 27.06.2021
Donnerstag bis Sonntag von 13:00 bis 19:00 Uhr

Centrum, Reuterstraße 7, 12053 Berlin
(U7/U8 Hermannplatz / U7 Rathaus Neukölln / U8 Boddinstraße)

Ferial Nadja Karrasch

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