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Gudrun, hilf mir. Hannah Toticki Anbert in der Galerie Wedding

von Maximilian Wahlich (25.07.2021)
vorher Abb. Gudrun, hilf mir.  Hannah Toticki Anbert in der Galerie Wedding

Hannah Toticki Anbert, Smartphone Protection Glasses, Photo © Juan Saez

Gudruns E-Mails sind Teil der Ausstellung Work After Work in der Galerie Wedding. Dort werden Arbeiten von Hannah Toticki Anbert gezeigt, die sich mit unserer Arbeitsmoral oder dem Diktum der Produktivität befasst. Es geht um die Perfidie, dass Überstunden vehement wertzuschätzen, während das Privatleben kaputt geht. Passenderweise ist ihr die erste Ausstellung im Rahmen des Programms Existing Otherwise – For a New Politics of the Senses (Für eine neue Politik der Sinne) gewidmet. Die Ausstellungsreihe behandelt die anhaltende Krisensituation unserer Gegenwart und untersucht alternative Lebensmodelle. Dabei wird auch die Rolle zeitgenössischer Künstler*innen reflektiert.

Gudrun fühlt sich schuldig. Technik suggeriert ständige Erreichbarkeit. Gudrun glaubt mehr Präsenz zeigen zu müssen und bricht ein vor schlechtem Gewissen. Aus einer Entschuldigung wird ein Wust an Paradoxie. So könne sie nicht mehr kommunizieren, dabei macht sie aber genau das mit dieser E-Mail. Gudruns Schuldgefühl ist falsch, weil die Aufgaben zunehmen, die Fristen enger werden. Gudrun denkt, ihre Person ist falsch. Dabei kann sie nichts dafür. Gudrun entschuldigt sich mit ihrem Kind, mit ihrer privaten Situation bei ihrer Chefin. Aus Hilflosigkeit entschuldigt sie sich für sich selbst. Gudruns Lage nähert sich dem Kollaps. Verstärkt wird dies damit, dass wir die Antworten der Chefin nicht kennen. Gudrun steht kurz vor dem Burnout und sie lebt bereits im Blackout.
Gudrun dreht durch. Gudrun möchte anders, zuverlässiger, effizienter werden. Sie möchte sein, wie es das System verlangt: Das System ist allgegenwärtig. Es ist mächtiger als ihr individueller Wunsch. Es gehorcht einer neoliberalen Matrix. Wenn die Arbeit ruft, genügt meine Präsenz nicht mehr, eigentlich muss ich jeden Arbeitsauftrag, jede Deadline strahlend empfangen. Die Deadline kann nicht überschritten werden, weil sie messerscharf durchtrennt: Erfolg und Versagen. Wir laufen heiß. Der Verschleiß ist menschlich und vollkommen egal.
Eine Woche Arbeit heißt 60 Stunden oder mehr. Unter der Woche stehen wir im Dienst von Arbeit und Selbstoptimierung. Gudrun ist immer unter Strom, sie muss performen, netzwerken und dauerpräsent sein. Gudrun kann auch von zu Hause aus an jedem Ort der Welt zu jeder Zeit ihre beruflichen E-Mails einsehen. Nun ist Gudrun zwanghaft geworden. Sie muss im 10-Minuten-Takt ihr E-Mailfach checken. Gudrun kennt keinen Ausweg mehr. Ihr Privatleben ist Beruf geworden. Gudrun ist ihre Arbeit.

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Hannah Toticki Anbert, Entschuldige die spa?te Antwort, Photo © Juan Saez

Neben dem E-Mailaushang sind weitere Objekte wie Waren einer Designmesse entlang der Schaufenster der Galerie Wedding präsentiert. Gudruns E-Mails sind hier nur der Ausblick, wenn wir weiterhin an einer Arbeitsmoral festhalten, die ständige Aufmerksamkeit, Bereitschaft und Motivation fordert. Aber wir wollen nicht wie Gudrun enden.
Zur Prophylaxe entwickelte die dänische Künstlerin Hannah Toticki Anbert einige Accessoires, die Gudruns Situation vielleicht verhindert hätten. Darunter eine trendige Brille aus blauem und gelbem Acryl, die genau das Sichtfeld eines Smartphones blockiert. Der Prototyp bedeckt den Bildschirm. Damit wird die Verfügbarkeit über das Smartphone gestört, aber auch das laufende Update sämtlicher Events mit vermeintlich interessanten Leute. Der Druck ist abgebaut.
Direkt nebenan befinden sich kleine goldene und silberne Fingerhüte, die wiederum das Wischen und Tippen auf der Bildschirmoberfläche unmöglich machen. Anberts Objekte funktionieren überraschend banal und simpel. Sie erinnern an Scheuklappen oder Handschuhe. Es bedarf keiner weiteren App, keines Accounts. Deutlich wird, wie einfach der Umgang mit Technik zu kontrollieren wäre und wie anfällig die Technik doch auch ist. Keinesfalls ist sie voll integrierter Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit, dazu ist sie schlicht nicht kompatibel genug. Des Weiteren muten die Objekte modisch an, sie entsprechen einer luxuriösen Warenästhetik und machen damit zweierlei klar: Der reflektierte Umgang mit Zeit, Arbeit und Privatheit, der zur Folge hat, dass wir eben nicht laufend präsent sind, kann chic und angesagt werden. Andererseits muss man sich dies auch wieder leisten können. Es ist keine Selbstverständlichkeit, wenn jemand selbstbestimmt über die eigene Zeit verfügen kann.

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Hannah Toticki Anbert, Touch Screen Protection Rings, Photo © Juan Saez

Anbert thematisiert eine spannende Form des Prekariats. Ihr geht es nicht um Geld- oder Wohnungsnot. Sie befasst sich mit einer gesellschaftlichen Norm, die zur Sucht wird: die Skalierbarkeit und Funktionalisierung von Zeit, der Entzug der Privatheit und die Erwartung, immer sofort reagieren zu müssen. Gudrun befindet sich bereits mitten im Teufelskreis. Ob Gudrun vor den Schaufenstern der Galerie Wedding noch zur Ruhe kommen kann und ihre verhängnisvolle Situation begreifen würde? Ich jedenfalls hätte gerne mehr Zeit vor den Schaufenstern verbracht und weitere Arbeiten von Anbert gesehen.

Work After Work
Hannah Toticki Anbert
04.06. bis 24.07. 2021

Galerie Wedding Raum für zeitgenössische Kunst
Müllerstraße 146 – 147 13353 Berlin
www.galeriewedding.de

Maximilian Wahlich

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Gudrun, hilf mir. Hannah Toticki Anbert in der Galerie Wedding
Und auch diese Ausstellung endet dieses Wochenende.

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