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Berlin Daily 19.09.2021
Berlin Art Week

Heute endet die Berlin Art Week. Nochmals ein Tag mit vollem Programm, siehe Website.

Vom Mythos der Natürlichkeit

von Hanna Komornitzyk (15.06.2021)
vorher Abb. Vom Mythos der Natürlichkeit

Käthe Wenzel: bone costumes, 2010 - ongoing, Foto: Tim Deussen

Sie ist uns nah und doch so fern: Wir glauben, die Natur zu kennen und sehen dabei oft nur, was wir sehen wollen – wie die Ausstellung “Swarms, Robots and Postnature” noch bis zum 27.06.2021 bei Art Laboratory Berlin zeigt.

Es ist Sommer in Berlin und der Wunsch nicht nur nach der Ferne, sondern dem Draußen scheint präsenter denn je in der Luft zu liegen. Rucksackreisen durch heimische Mittelgebirge, im gemieteten Van an die nördliche Küste, auf Fahrradtouren entlang deutscher Wasserwege – ob erzwungen oder nicht, hat die Pandemie gesamtgesellschaftlich ein Gefühl verstärkt, das schon zuvor bestand: das Bedürfnis, aus engen Wohnräumen in die Wildnis, die Natur zu entfliehen. Doch diese Natur, in die wir uns wünschen und die wir zum Sinnbild der Freiheit stilisieren, hat oft wenig gemein mit unserem idealisierten Bild von ihr. Nicht erst seit Caspar David Friedrich und Henry David Thoreau versucht sich der Mensch der Natur auf romantische Weise zu nähern, sie zu greifen und zu kopieren. Gerade dieses uns inhärente Bestreben, ihr im wahrsten Sinne Herr zu werden, ist eine oft verborgene und doch massive Antriebskraft hinter Kunst- und Kulturproduktionen. Die Ausstellung Swarms, Robots and Postnature im Projektraum der Kunst- und Forschungsplattform Art Laboratory Berlin konfrontiert uns mit dieser Erwartungshaltung, indem sie anhand von drei Positionen der Künstler*innen Kaethe Wenzel, Sofia Crespo und So Kanno die Gratwanderung zwischen Biologie und Maschine begehbar macht.

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Käthe Wenzel: bonebots, 2010 - ongoing, Foto: Tim Deussen

Auf den ersten Blick wirken Kaethe Wenzels skulpturale Objekte wie etwas, das aufgrund seiner Filigranität nur im 3D-Drucker entstanden sein kann. Doch ihre Bone Costumes bestehen aus in ihrer Größe und Länge fein säuberlich angeordneten Tierknochen, die sie aus Abfällen der Gastronomie bezieht. Die Assoziation der Apokalypse ist naheliegend, denn jedes ihrer Kostüme spielt mit Sagengestalten, wie auch dem zelebrierenden Aspekt des Kostümierens selbst. Seit der frühesten Dokumentation ihres kulturellen Bestehens schmückt sich die Menschheit mit fremden Federn: Von echten Fellen und Knochenschmuck bis hin zu Leoparden- und Zebraprints auf sämtlichen Kleidungsstücken der Fast Fashion. Fasziniert von den komplexen Mustern und Farben der Natur versuchen wir, unsere eigenen Körper zu erhöhen, indem wir aus ihrer Flora und Fauna nicht bloß entlehnen, sondern stehlen. In der Betrachtung dieser aus vielen Einzelteilen bestehenden Exo-Skelette wird die schiere Masse an Tieren deutlich, die tagtäglich für unseren eigenen Konsum sterben. Vielmehr als die angestrebte natürliche Schönheit und Perfektion erreichen wir durch Aneignung jedoch eine künstliche wie verzerrte Form, die verstörende Ausmaße annehmen kann. Gleichzeitig haben die Kostüme etwas Verletzliches, das sich auch in Wenzels Bone Bots spiegelt: Mit einem individuellen Motor bewegen sich diese Kleinroboter auf Tierknochen. Ihr Gang ist holprig, niemals gänzlich synchron. Sie verdeutlichen, dass es ganz entgegen unserer eigenen Annahme oft die Imperfektion ist, die Natürlichkeit verkörpert und Empathie erwirkt.

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Sofia Crespo: Neural Zoo series, 2018-2021, CNN (convolutional neural networks), Bild: Sofia Crespo

Es fällt leicht, Sofia Crespos Bildsphären mit uns vertrauten zu verwechseln: Ihre Videoinstallation Neural Zoo scheint bunte Unterwasserwelten, die schuppenartige Haut von Reptilien und exotische Vögel abzubilden. Doch Crespos digitalen Skulpturen sind von einer Künstlichen Intelligenz erschaffen, die im Web gefundenes Bildmaterial zu neuen Organismen zusammensetzt. Die Arbeit spielt mit jenen Assoziationen, die wir als definierend für natürliches Leben betrachten und stellt so unseren eigenen Blick infrage, der oft viel zu wenig genau hinschaut. Eine zweite Arbeit verrät schon im Titel, was hier zu sehen ist – und doch ist es geradezu verführerisch, Natürlichkeit in This Jellyfish Does Not Exist hinein zu projizieren.

So Kanno dreht das Prinzip natürlichen Lebens um, indem er anhand von 60 fahrenden Lasermice Schwarmintelligenz sichtbar macht: Die Roboter kennen zwei Lasermodi – einen grünen und einen roten – und wechseln über Laserbeschuss von einem Lager zu anderen. Wie eine Szene aus Star Wars wirkt ihr Parcours, wenn sie miteinander ins Gefecht gehen, sich aneinander anpassen und mit an ihnen angebrachten Schellenelementen einen ohrenbetäubenden Rhythmus aufbauen. Zu entmystifizieren vermögen die Lasermäuse das komplexe Verhalten von Vogel- und Insektenschwärmen jedoch nicht.

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So Kanno: Lasermice dyad, 2020, Foto: So Kanno

Es ist besonders die hartnäckige Annahme, die Natur bereits entschlüsselt zu haben, die uns in der eigenen Vorstellung und Wahrnehmung als über sie erhaben macht. Wie schemen- und lückenhaft dieses Bild ist, rücken die einzelnen Positionen aus Swarms, Robots and Postnature auf unterschiedlichen Ebenen in den Fokus. Die romantisierte Betrachtung der Natur ist ein Wesenszustand, der Künstler*innen seit jeher inspiriert und letztendlich einen Mangel an Wertschätzung für die reale Natur nach sich zieht. Wir wollen auf frei gelegten Wegen durch grüne, lichte Wälder wandern und so neue Energie für das Leben in der Zivilisation finden. Wer echte Urwälder kennt, weiß jedoch, dass sich hier nichts und niemand um die individuelle Selbstfindungsreise des Menschen schert: Verwurzelte und verwucherte Waldböden sind ideale Stolperfallen, um das Ego menschlicher Besucher*innen zu Fall zu bringen. Die Natur ist ein uns umgebender, komplexer Organismus, der uns am Leben hält, nicht aber dazu dient, unser Leben zu erhellen. Erst wenn wir unseren individuellen Konsum der Natur hinterfragen und unseren Blick für sie schärfen, können wir ihr jene Wertschätzung entgegenbringen, die letztendlich unser eigenes Fortbestehen sichert.

Die Ausstellung Swarms, Robots and Postnature ist noch bis zum 27. Juni 2021 im Art Laboratory Berlin zu sehen. Auf YouTube widmen sich die Künstler*innen ihren Arbeiten im einstündigen Gespräch.

Art Laboratory Berlin
Regine Rapp, Christian de Lutz
Prinzenallee 34, 13359 Berlin
artlaboratory-berlin.org


Hanna Komornitzyk

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