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Im Gespräch mit Julia Eichler

von chk (14.12.2021)


Im Gespräch mit Julia Eichler

Installationsansicht, Julia Eichler, Plastik, Leipzig 2021, Foto: Jakob Adolphi

Das Künstlerhaus Eisenhammer ist ein Ort in der Spreewaldgemeinde Schlepzig, wo Künstlern und Künstlerinnen ein freier Denk- und Arbeitsraum für unkonventionelle Ansätze und experimentelle Zusammenarbeit geboten wird. Voraussetzung ist die Bewerbung um ein Stipendium des Fördervereins aquamediale e.V.. Mehr dazu auf der Website des Künstlerhaus Eisenhammer.

Die Stipendiat*innen, die 2021 vor Ort arbeiten oder gearbeitet haben, sind: Robert Seidel, Franz Rentsch, Julia Eichler, Alex Besta, Maidje Meergans, Maria Lüdeke, Gabriela Jolowicz und Ingar Krauss. Wir freuen uns, Ihnen einige der Stipendiat*innen auf art-in-berlin näher vorstellen zu können. Dieses Interview führten wir mit Julia Eichler:

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Julia Eichler hat Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle bei Prof. Bruno Raetsch studiert. Im Künstlerhaus Eisenhammer startete sie im August ihr Projekt „mass attraction“.

Carola Hartlieb-Kühn: Viele Ihrer Arbeiten sind nicht das, was sie scheinen. Ihre technische Herangehensweise ist eine spezielle. Könnten Sie Ihr Vorgehen beschreiben?

Julia Eichler: Ich bin viel in verlassenen Gebäuden und Industrieanlagen unterwegs. Dort forme ich zeitliche Spuren und menschliche Eingriffe an architektonischen Elementen ab. Mit dem Abformverfahren, das ich entwickelt habe, kann ich Oberflächen in ihrer Textur, Farbigkeit und Schichtung reproduzieren. Mein Arbeitsmaterial ist Pappmaché, mit dem eine Art „Häutung“ der Wand stattfindet. Die Duplikate können verschiedenste Baumaterialien und deren Zustände suggerieren und wirken damit täuschend echt. Entscheidend ist, dass ihre Eigenschaften in den überwiegenden Punkten konträr zu denen des Originals stehen. Die Abformungen sind dünnwandig, leicht, flexibel und formbar und bilden so den Ausgangspunkt meiner Arbeiten.

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Julia Eichler, Treppe, Plastik, Leipzig 2021, Foto: Jakob Adolphi

chk: Beim Betrachten einiger Ihrer Skulpturen merkt man erst beim näheren Hinsehen, dass es sich nicht wirklich um Mauerfragmente handelt, sondern um künstlich hergestellte Duplikate. Was ist Ihnen wichtiger, die Schulung der Wahrnehmung, das heißt genau hinzusehen, um zu erkennen. Oder die Irritation der Sehgewohnheiten?

J.E.: Beide Aspekte sind interessant, letzten Endes geht es in jedem Fall um das spezifische genaue Betrachten von Zuständen. Die Irritation der Sehgewohnheit, die Täuschung und „Enttäuschung“ der Rezipierenden sowie die damit einhergehenden Fragestellungen sind für mich treibende Kräfte.

chk: Sie stellen also keine Readymades im Sinne von Marcel Duchamp aus, sondern reproduzieren Vorhandenes. Sie selbst sprechen von einer "Dekonstruktion der Realität“. Was verstehen Sie darunter?

J.E.: Die Reproduktion des Vorhandenen, in diesem Fall ein physischer Realitätsabdruck, ist der erste Schritt meines Vorgehens. Die Wandabformungen sind mein Ausgangsmaterial, mit dem ich Objekte und Installationen schaffe, die Bezüge zur Realität haben. Diese tragen jedoch deutliche Brüche zur Wirklichkeit in sich. Das ist es, was ich mit Dekonstruktion meine, die Infragestellung. Wände und Mauern, die schützenden, stützenden und gleichzeitig ausgrenzenden festen Gefüge aufzulösen und aufzuweichen. Meine Arbeiten sind ein Angebot des gedanklichen Aufweichens fester Gefüge im Generellen.

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Julia Eichler, BORDERWALLPROTOTYPE_I, © Julia Eichler

chk: Manche Ihrer Arbeiten wie bspw. die Viscous Matrices zeigen eine humorvolle Seite. Andere wie Ihre „BORDERWALLPROTOTYPE“, die sich auf die Grenzmauerproptotypen zwischen Mexiko und den USA beziehen, offenbaren einen politischen Charakter. Lassen sich damit zwei Gegensatzpaare Ihrer künstlerischen Arbeit beschreiben?

J.E.: Ich würde es nicht als Gegensatzpaar bezeichnen. Eine gewisse Form subtilen Humors steckt wahrscheinlich in allen Arbeiten und meine Themen sind die, die es im Zwischenmenschlichen, im Großen wie im Kleinen gibt.

chk: An was haben Sie während Ihres Aufenthaltes im Künstlerhaus Eisenhammer gearbeitet?

J.E.: Zu Beginn war ich sehr viel in Schlepzig und Umgebung unterwegs, um verlassene Gebäude zu finden und interessante Elemente abzuformen. Ich habe ein größeres Archiv angelegt. Bei den konkreten fertiggestellten Arbeiten handelt es sich um zwei „schlappe“ Stelen.
Das Künstlerhaus Eisenhammer ist eine alte Wassermühle, liegt also an einem Fließ. An diesem Fließ gibt es eine Außensitzecke, wo ich viel Zeit mit Kaffee und Rumgucken verbracht habe. Dabei sind mir zwei Nägel an der Mühlenfassade aufgefallen, die dort schlaff aus der Wand hingen. Das hatte ich schon mal in groß gesehen, auch in einer Mühle, die Mühle war größer (Papiermühle) und die Nägel waren größer (Stahlträger). Dort hatte es gebrannt. Die Stahlträger hingen nach kurzem kräftigen Auftritt aus der Wand schlapp nach unten oder vollführten schlangenhafte Biegungen. Das ist faszinierend und trifft meinen Humor. Das starre Material, das sich völlig unfunktional umherbiegt. Ich nahm mir eine Reihe von „Betonstelen“ mit unterschiedlichen Biegungszuständen vor. Zwei davon habe ich im Künstlerhaus fertiggestellt.

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Julia Eichler, Wandabformung Bahnhof, © Julia Eichler

chk: Hat ein persönlicher Austausch mit den Menschen vor Ort eine Rolle gespielt?

J.E.: Ja, es gab in Schlepzig viele sehr schöne Begegnungen. Mit Marianne Sievers, tätig auch in der Gemeindevertretung Schlepzig, habe ich diverse Undergroundtouren durch den Ort unternommen, auf der Suche nach interessanten Wänden. Sie hat einen guten Blick für spezielle Orte und stellte mir viele liebenswürdige Menschen vor, die mir ihre Türen öffneten. Sie gab mir auch den sehr wertvollen Tipp, das Bahnhofsgebäude in der Nähe einer ehemaligen russischen Kaserne zu besuchen. Dort hatten sich die Stationierten mit ihren Namen und Jahreszahlen in die Backsteinwand eingeritzt. Mario, den ich über Marianne kennenlernte, ist mit mir dreimal dorthin gefahren und hat mich durch Gesellschaft, Gespräch und schweißtreibender Arbeit in der Sonne unterstützt. Marianne Sievers war es schon lange ein Anliegen, dieses Zeitdokument zu archivieren. Die Abformungen der Backsteinfassade sind zwar spiegelverkehrt, aber wer des Kyrillischen mächtig ist, kann die Einritzungen lesen.

chk: Können Sie uns etwas über Ihre aktuellen Projekte erzählen?

J.E.: Ich bin gerade dabei, neue Objekte zu bauen. Die mit den Wandabformungen verbunden Themen bilden auch momentan der Kern meiner Arbeit. Die Möglichkeiten sind bei Weitem nicht erschöpft und fordern mich heraus. Es sind neue Fusionen zwischen materiellen und unstofflichen Elementen und den Abformungen angedacht. Mehr möchte ich noch nicht verraten.

Mehr zu Julia Eichler: werk-halle.de

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