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Erste BERLINALE Eindrücke und Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs

von Daniela Kloock (11.02.2022)
vorher Abb. Erste BERLINALE Eindrücke und Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs

© Daniel Seiffert / Berlinale

Von Kasachstan über Iran, Indien und Kolumbien bis nach Süditalien zahlreiche Filme der Berlinale erinnern daran, dass und wie Frauen weltweit unter Gewalt- und lebensbedrohenden Geschlechterverhältnissen (über)leben.

Besonders starke Nerven brauchen die Zuschauer*innen im kasachischen Beitrag „Baqyt“, der unter dem Verleihtitel „Happiness“ etwas ganz anderes erwarten lässt. Die Protagonistin des Spielfilms, eine auffallend schöne Frau (Laura Myrzakhmetova), trägt die Powerfarbe orange, ist perfekt geschminkt und hält enthusiastische Vorträge, um ihre Kosmetiklinie „Happiness“ anzupreisen. Doch das ist ein zynischer, dramaturgischer Kniff. Der gekonnte Auftritt ist nur schnöde Oberfläche, schöner Schein. Make-up und schicke Kleidung verbergen vermutlich egal in welchem Land geschundene weibliche Körper.

Jenseits der Verkaufsbühne herrscht für die Protagonistin der blanke Terror eines brutalen Ehemanns. In schonungslosen und unerträglich langen Einstellungen zeigt der Regisseur Askar Uzabayev die ganze Bandbreite männlicher Aggression. Auswege gibt es für Frauen keine. Auch die Tochter wird dasselbe Schicksal haben. Im Pressetext ist zu lesen, häusliche Gewalt ist in Kasachstan weit verbreitet, die meisten Frauen bringen sie nicht zur Anzeige. Schutzräume oder Opferberatungen sind unbekannt. Vergewaltigung ist bis heute dort keine Straftat. 80% Prozent der des Mordes an ihren Ehemännern angeklagten Frauen geben an, aus Selbstschutz getötet zu haben. Sie werden verurteilt. „Happiness“, der teilweise die Leidensgeschichte der Produzentin erzählt, hat vor allem eine Botschaft: auf diese schrecklichen Zustände aufmerksam zu machen und den vielen ungesehenen und ungehörten Opfern eine Stimme, ein Bild zu geben. Dafür gehen Regie und Drehbuch bis an die Grenze des Erträglichen. Hier wird wirklich alles bis ins letzte Detail gezeigt, Nuancen oder Feinheiten kennt der Film nicht. Starke Nerven sind also vonnöten.

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Baqyt | Happiness, KAZ 2022, Regie: Askar Uzabayev, Bildbeschreibung: Laura Myrzakhmetova, Sektion: Panorama 2022, © 567 Production

Wesentlich subtiler, dafür nicht minder berührend, erzählt „Ta Farda“ („Until Tomorrow“) die Geschichte einer jungen, allein lebenden Mutter in Teheran, Fereshteh. Sie ist gezwungen, ihr zwei Monate altes Baby zu verstecken bzw. unsichtbar zu machen. Denn kurzfristig haben sich ihre Eltern aus der Provinz für eine Nacht zu Besuch angemeldet, und sie dürfen keinesfalls etwas von dem unehelichen Kind wissen. Es beginnt eine arabische Variante unserer christlichen Weihnachtsgeschichte. Statt Joseph wird Fereshteh von ihrer schlagfertigen Freundin Atefeh begleitet, statt des Esels transportieren Taxis und Mofas die Drei durch die labyrinthischen Straßen der Großstadt. Doch wie in der Bibel so auch hier: alle Türen bleiben verschlossen, niemand ist bereit, das Kind zu beherbergen.

„Until Tomorrow“ ist eine Odyssee, die Einblicke in die unterschiedlichsten sozialen Biotope Irans ermöglicht. Dabei wird deutlich, wie begrenzt die Handlungsräume von Frauen sind bzw. auch hier, wie gefährlich ausgeliefert sie letztendlich sind. Nur knapp entgeht Fereshteh einer Vergewaltigung, andere Gefahren sind allgegenwärtig. Dies gilt vor allem für die Frauen, die jenseits von traditionellen patriarchalen Strukturen, jenseits von familiären Traditionen leben, wie Fereshteh. Ali Asgari, der Regisseur, wurde bereits mit mehreren internationalen Kurzfilmpreisen gewürdigt. Ein beeindruckender Film, nicht zuletzt durch das Spiel der zwei jungen Hauptdarstellerinnen Ghazal Shojaei und Sadaf Asgari. Im Unterschied zu „Happiness“ angenehm undidaktisch und vor allem elegant erzählt. (Beide Filme sind in der Sektion Panorama zu sehen)

„Alis“ ist einzigartig und eine dringende Empfehlung. Ein Nachdenk-Film, der nicht zuletzt die Zuschauer*innen mit den eigenen Vorstellungen und (Vor)-urteilen in Berührung bringt und damit, was UNSER Inneres verraten würde, wären wir die ProtagonistInnen. In dem bereits für den Dokumentarfilmpreis der Berlinale nominierten Beitrag aus Kolumbien (Generationen 14plus) geht es um zwanzig Mädchen bzw. junge Frauen. Sie alle haben auf der Straße gelebt, sind verstoßen, vergewaltigt, haben Drogen, Armut und Prostitution erfahren. Jetzt wohnen sie in einer geschützten Einrichtung, der Arcadia Public Boarding School in Bogota. Sie sitzen auf einem Stuhl, schließen die Augen und sprechen über Alis. Alis ist eine frei erfundene Figur. In ihr kristallisieren sich nach und nach Träume und Traumata, Ängste und Sehnsüchte der Frauen.

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Alis, COL, CHL, ROU 2022, Regie: Clare Weiskopf, Nicolás van Hemelryck, Sektion: Generation 2022, © Casatarántula

Offen bleibt dabei, was genau ihrer Projektion bzw. ihrer Fantasie entspringt oder was eigenes Erlebnis bzw. eigene Vergangenheit war. Als Zuschauer folgt man fasziniert diesem Changieren verschiedener Deutungsebenen. Doch es ist nicht nur diese höchste Aufmerksamkeit generierende „Unsicherheit“, die den Film so außergewöhnlich macht. Hinzu kommt, dass das, was andere durch übertriebene Anschaulichkeit meinen erreichen zu können, hier über einen unsichtbaren Dialog funktioniert. Clare Weiskopf und Nicolas van Hemelryck, den beiden Regisseuren und Produzenten, gelingt der Kunstgriff, dass wir anfangen, über uns selbst nachzudenken, während wir nicht aufhören über diese starken jungen Frauen, die weder verstummt noch gebrochen sind, zu staunen. Ach, mögen ihre schönsten Träume wahr werden! Selten verließ man ein Kino so gleichermaßen beschämt wie beschenkt.

„Ladys only“, ein weiteres Highlight, ist ein Diplomabschlussfilm der Kunsthochschule für Medien in Köln (Perspektive Deutsches Kino). Die Regisseurin Rebana Liz John befragt Frauen in den Damen-Abteilen von Zügen nach und von Mumbai darüber, was sie wütend macht. Die Frage ist der feministische Aufhänger für Gespräche, die alles umfassen, was Frauen in Indien umtreibt. Berufswünsche, Ansichten zu Familie, Liebe und Sexualität kommen dabei ebenso zur Sprache wie allgemeine, zum Teil auch völlig überraschende Aussagen zu Kultur und Gesellschaft. Die Interviewpassagen wechseln sich mit dokumentarisch präzise festgehaltenen Beobachtungen ab. Für uns Deutsche-Bahn-Fahrer*innen doppelt faszinierend zu sehen, was Zugabteile auch sein können: wirkliche Lebensräume! Denn hier wird nicht nur hemmungs- und schrankenlos geschwitzt, gegessen, geredet, gelacht und auf dem Boden geschlafen, sondern es gibt sogar regelrechte theatralische Auftritte. Gedichte werden verteilt, gelesen und kommentiert. Immer ist es ein fast soziologischer Blick auf das, was sich vor der Kamera abspielt. Kunstvoll cadrierte Bilder dieses in Schwarz-Weiß gedrehten Films wechseln sich mit experimentellen, schnellen Sequenzen ab. Auch auf der Tonebene wird sensibel montiert. So entsteht ein ganz eigener Rhythmus, ein eigenwilliges, aber gelungenes Ensemble aus unterschiedlichen Stilen. Vor allem jedoch gelingt der Regisseurin ein vielseitiger Blick auf die Lebenswirklichkeit von Frauen in Indien und über das gefahrlose Zusammenleben in einem geschützten Raum.

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Brainwashed: Sex-Camera-Power, Land: USA 2022, Regie: Nina Menkes, Sektion: Panorama 2022, © Menkesfilm

Wer noch nie etwas über Laura Mulvey gehört hat und ihren in den den 1970er und folgenden Jahren viel diskutierten Aufsatz über „visuelle Lust und narratives Kino“ sollte sich dringend Nina Menkes Film „Brainwashed: Sex-Camera-Power“ (Panorama) ansehen. Anhand von prominenten Beispielen aus der Filmgeschichte erkundet sie schon lange vor der #MeToo- Bewegung den „male Gaze“ und die „rape culture“ der Filmbilder. In ihren Vorträgen erklärt sie die Grundbegriffe der feministischen Film- und Kinotheorie und fügt diesen eigene erhellende Parameter hinzu. Die Grundfragen lauten: Wie wird der weibliche Körper inszeniert? Wie sind die Blickrichtungen der Protagonisten innerhalb der Szene? Wann und wie dürfen Frauen sprechen? Und wie häufig liegen sie nur da, für den männlichen Blick dekorativ arrangiert? Nicht nur der ganze „normal“ gewordene Sexismus der Filmbilder wird mit ihren Ausführungen erschreckend wahrnehmbar, sondern darüber hinausgehend wird auch deutlich, wie das Kino eine „rape culture“ fördert und legitimiert. Kaum einer der „großen“ Regisseure der Filmgeschichte bleibt verschont. Angefangen bei den Klassikern über Godard, Scorsese oder Ridley Scott bis hin zu Wim Wenders, sie alle folgen dem von Menkes untersuchten „gendered shot design“. Unbedingt sehenswert!

10.2.-20.2.2022
Berlinale

Daniela Kloock

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