Anzeige
documenta15

logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 13.08.2022
Sound: Wandermüd

20 Uhr: Winnie Brückner (Gesang, Electronics) und Susanne Paul (Cello, Electronics) Kunstlied-Reboots und modernen Artpop. Im Rahmen von Sound in the Garden. Neue Nationalgalerie | Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – der neue Film von Andreas Dresen

von Daniela Kloock (31.03.2022)
vorher Abb. Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – der neue Film von Andreas Dresen

Auf dem Weg zum Supreme Court in Washington.
Foto: Luna Zscharnt, Copyright: Pandora Film


Die Geschichte eines unschuldigen Guantanamo-Häftlings als Komödie zu inszenieren, dieses Wagnis geht Andreas Dresen ein. Dafür bedient er sich zweier Kunstgriffe. Er entscheidet sich gegen Murat Kurnaz als Hauptfigur, den jungen Mann aus Bremen, der „einfach“ zur falschen Zeit am falschen Ort war. 2001 in Pakistan festgenommen und für 3000 Dollar an die USA ausgeliefert, saß er fünf Jahre lang unschuldig und ohne Anklage im berühmt-berüchtigten Foltergefängnis auf Kuba. Sein Schicksal aus der Sicht der Mutter Rabiye zu erzählen, das hätte auch Stoff für einen Politthriller oder ein Gerichtsdrama sein können. Wie diese „einfache“ Frau mit allen ihren zur Verfügung stehenden Mitteln um ihren Sohn kämpft, welche Hindernisse, politische Machenschaften, juristische Fehlentscheidungen zu Auf- und Verschiebungen seiner Freilassung führten, ist eine menschliche Tragödie vor dem Hintergrund größter Menschenrechtsverletzungen.

Responsive image
Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und Bernhard Docke (Alexander Scheer) im Flugzeug nach Washinton.
Foto: Luna Zscharnt, Copyright: Pandora Film

Doch Andreas Dresen wählt die Komödie. Und die deutsch-türkische Comedienne, Moderatorin und Schauspielerin Melten Kaplan als Rabiye sorgt dafür, dass viel gelacht werden darf. Es ist ihre Spielfreude, ihr Temperament und ihre „Bühnenpräsenz“, welche den Film zu einer Tour de Force an Gags und Munterkeit macht. Immer gleichbleibend folgt ein witziger Dialog auf den anderen, eine absurde Situation auf die nächste. Das Drehbuch scheint vollständig auf Kaplan konzentriert. Jedwede Nachdenklichkeit schimmert nur zart und selten auf. Alle Nebenfiguren werden zu bloßen Statisten. Bis ins Klischee ausgespielt entfalten sich die Dialoge und Szenen mit dem Rabiye an die Seite gestellten Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer). Ist sie dick, ungebildet, herzenswarm und scheinbar naiv, ist der Anwalt dünn, wortkarg, nüchtern und durch und durch akademisch. Liebt Rabiye farbige Klamotten und schnelle Autos, ist Decker immer in fadem schwarz-grau gewandet und mit dem Fahrrad unterwegs. Selbst wenn das alles nah an den Vorlagen angelegt ist, so bleibt es doch auf Dauer filmisch monoton. Auch die Beziehung der beiden zueinander, was interessant hätte werden können, kennt keine nachvollziehbare Entwicklung oder Dynamik. So geht die Zeit dahin - die Zeit mit einem für Außenstehende schwer nachvollziehbaren juristischen Prozedere zwischen verschiedensten Instanzen auf deutscher, türkischer und US-amerikanischer Seite. Immerhin genau 1725 Tage Folter für Murat Kurnaz, wie der Zuschauer, damit es nicht ZU lustig wird, an Hand von verschriftlichten Einblendungen erfährt.

Gerne denkt man an Andreas Dresens „Halbe Treppe“ (2002) oder „Halt auf freier Strecke“ (2011) zurück. Er ist ein Filmemacher, der immer sehr nahe an seinen Figuren bleibt und zuweilen als DER Humanist unter den bundesdeutschen Filmmachenden bezeichnet wird. Auch in diesem Film ging es ihm sicherlich um ein tief empfundenes Gefühl für Machtlosigkeit und Ungerechtigkeit, nicht zuletzt auch aufseiten deutscher Instanzen und deren Fehlverhalten. Doch auch dies wird bestenfalls vorsichtig angedeutet. Dass Frank-Walter Steinmeier beispielsweise die Entlassung Murats 2002 verunmöglichte, muss man schon selbst recherchieren.

Welche Tonlage diesem schwierigen Stoff noch dazu als Komödie angemessen gewesen wäre, ist schwer zu sagen. Nur die gewählte trifft es nicht. Absolut rätselhaft bleibt der bei der Berlinale verliehene Drehbuchpreis für Laila Stieler, verdient hingegen sicherlich der Silberne Bär für Meltem Kaptan.

rabiye.film

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush
Deutschland 2022.
Regie: Andreas Dresen
Mit: Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Nazmi Kirik, Sevda Polat, Abdullah Emre Öztürk u.a.
118 Min. Ab 6 J.

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Filmbesprechung:

Abschied nehmen – ein Film von Jessica Krummacher über das Sterben
Filmbesprechung: Sehr offen, fast schwebend artifiziell, beschäftigt sich der Film Zum Tod meiner Mutter, sensibel und klug, mit dem endgültigen Abschiednehmen, ein Kunststück, ein Kunstwerk.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – der neue Film von Andreas Dresen
Filmbesprechung: Die Geschichte eines unschuldigen Guantanamo-Häftlings als Komödie zu inszenieren, dieses Wagnis geht Andreas Dresen ein.

MONOBLOC – wie ein Plastikstuhl sein Image verändert
Filmbesprechung: In den Sommermonaten hat der Monobloc seinen großen Auftritt. Beim Grillfest, in der Strandbar, auf dem Campingplatz oder Balkon, vor der Eisdiele oder Fritten Bude, überall begegnet man dem weißen Plastikstuhl.

Jahresrückblick: Unsere besten Filmbesprechungen
Für Kunst+Film ist bei art-in-berlin Daniela Kloock zuständig. Hier eine Auswahl ihrer Filmbesprechungen 2021.

In den Uffizien - ein Dokumentarfilm von Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch
Filmbesprechung: Zehn Ausstellungsräume mit Kunst des 16. Jahrhunderts sollen neu konzipiert werden. Schnell wird klar, hier sucht jemand die Konfrontation... Ab morgen in den Kinos.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit. Ein Film von Julia Lokshina
Filmbesprechung: Um den Bedarf an Steaks, Koteletts und Schinken abzudecken, werden hierzulande 55 Millionen Schweine geschlachtet.

Im Land meiner Kinder
Filmbesprechung: Der Film geht existentiellen Fragen zu Identität, Integration und Selbst- und Fremdwahrnehmung nach. Polemik oder erzieherischer Impetus - welcher so viele deutsche Filme zu dem Thema charakterisiert, bleiben außen vor.

Unsere besten Filmbesprechungen 2020
Besprochen von Daniela Kloock, die sich auf art-in-berlin Fotografieausstellungen sowie Veranstaltungen im Kunstkontext widmet und vor allem leidenschaftlich Filme schaut.

Urlaub in einer ganz anderen Zeit - "Schönheit und Vergänglichkeit“ von Annekatrin Hendel
Filmbesprechung: Schräge Vögel, Individualisten und jede Menge Außenseiter fanden sich in der Subkultur Ostberlins der 1980er Jahre. (Daniela Kloock)

SIBERIA von Abel Ferrara
Filmbesprechung: Seit dieser Woche in den Kinos: SIBERIA.

Undine. Der neue Film von Christian Petzold
Filmbesprechung: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“, sagt eine Frau zu dem ihr gegenübersitzenden Mann, in einem idyllischen Straßencafé, an einem Sommertag. ...

Das Wachsfigurenkabinett
BERLINALE Galavorstellung: Das Wachsfigurenkabinett (1924) mit Live-Musik am Freitag 17.30 Uhr einmalig im Friedrichstadtpalast. Unsere Filmbesprechung ...

J´accuse (dt. Verleihtitel „Intrige“) von Roman Polanski
Filmbesprechung: Der Film ist ein Meisterwerk. Ein Film für die große Leinwand, Bilder voller kompositorischer Schönheit - mit Tiefe, mit Stimmung - eine kunstvolle Choreographie, beeindruckende Plansequenzen und ein toller Erzählrhythmus.

"So long my son". Ein Film von Wang Xiaoshuai
Filmbesprechung von Daniela Kloock

Fahrenheit 11/9 von Michael Moore
Filmbesprechung: „How the fuck could this happen?“. Dies fragt sich Michael Moore in seinem neuen Film „Fahrenheit 11/9“ und sucht Antworten darauf, ... Ab Donnerstag, den 17.01.2019, im Kino.

top

zur Startseite

Anzeige
ortstermin berlin

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Miriam Cahn Siegen

Anzeige
KUNST NACH DER SHOAH

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie im Körnerpark




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Schloss Biesdorf




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz / Studiogalerie




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.