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Back to Business – Rückblick auf das Gallery Weekend 2022

von Hanna Komornitzyk (07.05.2022)


Back to Business – Rückblick auf das Gallery Weekend 2022

Ausstellungsansicht "Lea Draeger: Ökonomische Päpste und Päpstinnen", Ebensperger Berlin, 2022. Courtesy Ebensperger, Foto: Ludger Paffrath

Beinahe Sommer, Sonne und Kunst in der ganzen Stadt: Nach zwei Jahren im Pandemiemodus fühlte sich alles beruhigend vertraut an beim diesjährigen Gallery Weekend – samt der gewohnten Überwältigung ob des unbezwingbar großen Angebots. Ein Rückblick auf das offizielle Programm und Nebenschauplätze in Berlin-Mitte.

Lea Draeger zeichnet Abwandlungen des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche – mal klein, groß, dick, dünn, alt, jung – in vermeintlich fragwürdigen bis obszönen Szenen. Bei Ebensperger sind ihre “Ökonomischen Päpste und Päpstinnen” nun zum ersten Mal in ihrer Gänze ausgestellt und schon die Inklusion der weiblichen Form zeigt, wie Draeger die katholische Kirche verhandelt, sich regelrecht an ihr abarbeitet. In der strahlend weißen Westhalle des ehemaligen Krematoriums Wedding scheinen ihre mehr als 5.000 Zeichnungen auf Boden und Wänden mosaikgewordene Katharsis. Die eigene Familiengeschichte, durch und durch geprägt vom Katholizismus, ist Ausgangspunkt ihrer Werke. Aus den Erinnerungen ihrer Familie, persönlichen Dokumenten und in Gesprächen setzt sie ein höchst paradoxes Weltbild zusammen, das in schnellen, oft nur briefmarkengroßen Zeichnungen Ausdruck findet. Etwas Schadenfreude mit unbestimmtem Adressat entwickelt sich beim Besuch, aber nicht zu viel. Draeger ist Vertreterin einer gleichermaßen persönlichen und universellen Kunst, die sich mit der eigenen Geschichte befasst und gleichzeitig die hochaktuelle Frage danach stellt, wer Geschichte schreibt.

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Maja Wirkus & Eric Pries: We Are Millennium Stars, © WIRKUS PRIES

Vom Wedding geht’s nach Mitte, wo sich im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz das Künstler*innenpaar Maja Wirkus und Eric Pries zwischen Fotografie, Architektur, Objekt und Text bewegt. In Holzkonstruktionen reihen sich für “We Are Millennium Stars” Fotografien von modernen Bauwerken auf einer zentimetergenauen geraden Linie und spiegeln so die abgebildete Welt aus Sichtbeton und minimalistischen Fensterfronten. Was das Konzept der Moderne aufbricht, ist der Blick: Durch dichte Baumkronen, Hecken und Grünanlagen sind in Warschau Fotografien entstanden, die dahinter liegende Bauten halb vergessen und fast verwunschen wirken lassen. Der Titel der Ausstellung und begleitende Textcollagen ergänzen einen zu wenig beachteten Diskurs: Der Satz stammt aus einer Korrespondenz von Helena Syrkus mit dem Netzwerk moderner Architekt:innen der 1920er und 1930er Jahre, die Texte beschreiben das Haus, das Syrkus gemeinsam mit ihrem Mann südlich von Warschau schuf. Obwohl osteuropäische Architekturschaffende die Moderne nachhaltig prägten, sind sie in der internationalen Wahrnehmung bis heute unterrepräsentiert und fast unsichtbar.

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“HAUT KONTAKT” Michael Sailstorfer und Thomas Kratz, SMAC April2022, © Arundhati Shenoy for CeeCee Berlin

Im SMAC in der Linienstraße haben sich für “HAUT KONTAKT” Michael Sailstorfer und Thomas Kratz zusammengetan. Während Sailstorfer in seinen Arbeiten Dingen einen neuen (Lebens)sinn andichtet, malt Kratz menschliche Haut in Bezug zu anderen Oberflächen. Im Zusammenspiel von Malerei und Objekt entstehen Brüche, aber auch ein ganz eigener Humor, der auf die Absurdität des menschlichen Daseins in einem selbst erschaffenen Kosmos der Dinge hinzudeuten scheint. Ein wenig weiter in der
Galerie Neu ist ebenfalls Malerei zu sehen: Die Arbeiten von Louis Fratino, die im Rahmen von “Die bunten Tage” entstanden sind, scheinen sich auf wenigen Metern zu bewegen: ein Stillleben des Wohnzimmertischs, Blumen in der Vase, ein Selbstportrait mit Haustier vor der New Yorker Skyline. Fratinos Bilder sind intim, nicht nur, weil sie den menschlichen Körper in den Fokus nehmen, sondern sich in der Brooklyner Wohnung des Künstlers abzuspielen scheinen. Ein subtiler Verweis auf die Pandemie, die im frühsommerlichen für den Moment vergessen ist.

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Lauren Lee McCarthy, I Heard Talking Is Dangerous, Installation view, 2022, EIGEN + ART Lab, Foto: Eike Walkenhorst

Teils dokumentarisch, teils performativ und immer einbeziehend reflektiert Lauren Lee McCarthy die erste Lockdownzeit des Pandemiejahrs 2020 in “I Heard Talking Is Dangerous” im EIGEN+ART Lab: Ihre webbasierten Arbeiten wollen Verbindungen da schaffen, wo physische Nähe nicht möglich ist. Nach eigener Aussage versucht McCarthy, den Code, der Intimität entstehen lässt, mit digitalem Code zu entschlüsseln. Ein Film schneidet Momente aus Videogesprächen so zusammen, dass die Künstlerin ohne Kontext in scheinbar emotionalen Momenten zu sehen ist. Ein Chatverlauf zeigt ihre Interaktion mit Fremden: Bis ins kleinste Detail plant sie ein auf die persönlichen Interessen des Gegenübers abgestimmtes Treffen nach der Pandemie. In einem steril wirkenden Wohnzimmer inszeniert sich McCarthy als Sprachassistentin, die alle Aspekte eines Smart Homes steuert. Es geht um die Gefahr der digitalen Überwachung, der wir uns in unserem Wunsch nach Nähe und Stabilität in einer komplexen analogen Welt hingeben. Wo liegen die Grenzen von Technologie und wie verschieben sie sich ständig? Eine klare Antwort darauf gibt McCarthy nicht, doch ihre Arbeiten hinterlassen ein Gefühl der Unruhe nicht so sehr über die Gefahren immer smarter werdender Technologie als vielmehr über die eigenen technologischen Routinen.

Ein guter Abschluss für ein Wochenende, das die letzten zwei Jahre für einige Stunden verfliegen lassen konnte. Das Gallery Weekend zeigt: Kunst funktioniert nach wie vor am besten im analogen Raum, in der Gemeinschaft und bei gutem Wetter.


Hanna Komornitzyk

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