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Berlin Daily 25.06.2022
Tag der Architektur

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Warum so kompliziert? Aliens are temporary - Kunstbrücke am Wildenbruch

von Maximilian Wahlich (14.05.2022)
vorher Abb. Warum so kompliziert? Aliens are temporary - Kunstbrücke am Wildenbruch

Sally von Rosen, Tar und Yvi, 2022, Foto: Marcelina Wellmer

Das bezirksübergreifende Ausstellungsprojekt (Neukölln und Kreuzberg) Aliens are temporary hat bereits dreimal stattgefunden. Jede Ausstellung zeichnet einen neuen Zustand, eine weitere Entwicklungsstufe. Mit der vierten Mutation stellt sich die Frage, ob hier auch eine Fortentwicklung, sprich Anpassung an das Habitat, vonstatten geht?

Die vier kleinen Räume, bis zur Decke gefliest und noch ziemlich rau, waren ehemals öffentliche Toiletten direkt am Weigandufer neben der Wildenbruchbrücke. Nun dienen sie seit 2021 als Ausstellungsort der Kommunalen Galerie Neukölln. Damit verfügt der Bezirk mit der Kunstbrücke am Wildenbruch zusätzlich zur Galerie im Saalbau und der Galerie im Körnerpark über insgesamt drei Ausstellungsorte.
In der Ausstellung Aliens are temporary zeigen neun Künstler*innen ihre Werke. Sie befassen sich mit dem Lebendigen und seinem ununterbrochenen Wandel, den zahllosen Seins- und Zwischenstufen. Zustände, die sich laufend verändern. Jede Entwicklung scheint zunächst neu und unbekannt. Doch liegt in dieser Fremdheit auch etwas Vertrautes, wo wir manche Mutationen bereits vorab ahnen konnten. Diese Ambivalenzen ziehen an und motivieren zu einer neugierigen Befragung. So platzierte die Künstlerin Sally von Rosen ganz beiläufig zwei kleine rundförmige Wesen neben der Türe. Farbigkeit und Struktur erinnern an gehäutete Lebewesen, Größenordnung Meerschweinchen. Sie tragen die Namen Tar und Yvi (beide 2022). Ihre possierliche Form lässt sie wie niedliche Wesen aus der Zukunft erscheinen. Ebenso könnten sie dekorativer Nippes sein oder ein Porzellansparschwein. Wir erkennen viele Gestalten in ihnen. Sie verraten nicht, was sie sind. Wir müssen raten.

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Verónica Lehner, Órdenes aleatorios, 2021, Foto: Marcelina Wellmer

Ganz ähnlich funktionieren die Metallarbeiten von Verónica Lehner. Ein langer, bunter Vierkantstab und statt Federn haben sie einen metallen glänzenden Abschluss, der an zerknülltes Papier oder eine stoffliche Übersetzung von Rauch erinnert. Diese Objekte ziehen sich durch sämtliche Räume und sind meist an Wände angebracht, gern an den Ecken. Sie scheinen sich auszubreiten, tauchen überall auf, belagern die verschatteten Winkel der ehemaligen Toilette, und nicht von ungefähr stellt sich die Assoziation an Bakterien ein.
Alle Ausstellungsräume werden von einem Chor aus Atemgeräuschen begleitet. Sie sind tief und ruhig. Die Klanginstallation Oceanic Breathing (2018) von Itziar Okariz und ihrer Tochter Izar Okariz vertont eine elementare Eigenschaft alles Lebendigen, das Atmen. Die Körper sehen wir aber nicht und so fiktionalisiert das Werk den Körper als solchen. Er ist verborgen, bleibt fremd, anonym und doch vereint die Atmung sämtliche Lebewesen.

Weitere Antworten zu den jeweiligen Werken könnte der Ausstellungstext liefern. Doch leider ist er ziemlich kompliziert und wird durch lange Sätze und elaborierte Wortwolken zusätzlich sperrig. Die der Ausstellung unterlegten verquollenen Sätze lassen vermuten, dass hier vor allem die neuen Anwohner*innen des Maybachufers angesprochen werden sollen. Der Bezirk schuf damit einen Raum für ein spezifisches Klientel, zahlungskräftig, modisch und aufgeschlossen (zumindest gegenüber Angehörigen der eigenen akademischen Klasse).
Es ist paradox, dass sich Berlin auf der einen Seite der prekären Wohnungslage annehmen und dabei soziale Faktoren stärken möchte, während auf der anderen Seite Orte räumlicher Distinktion geschaffen werden. Wen wundert es da, dass Wohnkosten steigen, dass Gentrifizierung angekurbelt wird und irgendwann auch die großen Galerien hier heimisch sein werden?

Kommunale Galerien sind Teil im stadtpolitischen Gefüge. Als städtische Einrichtungen müssen sie keinen Profit erwirtschaften. Dieses Privileg sollten sie nutzen. Sollten sie daher nicht inklusiv sein, eben ein öffentlicher Ort? Ein Diskussionsraum, mehr ein Stadtteilcafé als eine Galerie? Ziel sollte doch sein, die komplexen Inhalte in einfacher oder gar in leichter Sprache zu formulieren. Es genügt nicht, einen schwer begreifbaren Inhalt ins Englische oder vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Städtisch getragene Ausstellungsorte sollten keine sprachlichen Barrieren schaffen! An dieser Stelle darf nicht gespart werden.
Und weiter gefragt: Könnten sie nicht versuchen, ihren Radius auf weniger hippe Kieze zu richten? Sollten die Texte nicht nur allgemein verständlicher, sondern auch in weiteren Sprachen übersetzt sein? Und zuletzt: Wie kann Kunst Relevanz behaupten, wenn sie offensichtlich einen Großteil der Bevölkerung aktiv ausklammert!? Das scheinen mir brennende Fragen. Und doch verstehe ich, dass Kunstorte ungern an die Stadtperipherie verlagert werden. Auch die Künstler*innen fordern berechtigt Sichtbarkeit und Signifikanz.

Künstler*innen: Club Ate (Justin Shoulder & Bhenji Ra), MELT (Ren Loren Britton & Isabel Paehr), Ann Cotten, Jonás de Murias, Verónica Lehner, Itziar Okariz, Sally von Rosen

Aliens are temporary – eine mutierende Erzählung

7.4.-24.7.2022

Weigandufer Ecke Wildenbruchbrücke,
neben der Anlegestelle
12045 Berlin

Mittwoch - Sonntag
12 - 18 Uhr

kunstbruecke-am-wildenbruch.de

Maximilian Wahlich

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Warum so kompliziert? Aliens are temporary - Kunstbrücke am Wildenbruch
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