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Vom Freischwinger aus Kunst ansehen. Die Mart Stam Preisträger*innen im Kunstquartier Bethanien

von Maximilian Wahlich (18.05.2022)


Vom Freischwinger aus Kunst ansehen. Die Mart Stam Preisträger*innen im Kunstquartier Bethanien

Oskar Zaumseil, 62x87 cm, Blei,Bunt,Kohle, 2020, © Christof Beer

Der Architekt und Designer Mart Stam (1899-1986) ist als Wegbereiter eines modernen Designs und Erfinder des Freischwingers weltberühmt. 1950 wurde er Rektor der Weißensee Kunsthochschule Berlin, die er aufgrund der damaligen Querelen um die Formalismusdebatte, nach der Kultur der Staatsidee zu dienen hatte, nach zwei Jahren wieder verließ. Geblieben ist die Mart Stam Gesellschaft, die seit 1997 jedes Jahr die innovativsten Abschlussarbeiten der Kunsthochschule prämiert. Dieses Jahr wurden sieben Künstler*innen ausgezeichnet. Die Arbeiten kommen aus verschiedenen Bereichen und entsprechend heterogen und vielgestaltig fällt die kleine Ausstellung In Between Tension, Millimetergenau im Kunstquartier Bethanien aus.

Der Titel benennt die Spannung zwischen den verschiedenen Werken, der gemeinsame Nenner könnte eine gewisse Akribie und Detailliebe sein. Im Titel tritt der Millimeter auf, wohl weniger als Größeneinheit. Die Maßeinheit scheint eher wie ein Grundgerüst, die im Raster oder als Relation zwischen Punkten eine Orientierung gibt.
So ziehen beispielsweise die formgewaltigen Bilder von Oskar Zaumseil (Malerei) die Blicke sofort auf sich. Mit kräftig schwarzem Strich und selbstbewussten Farbakzenten entstehen Landschaften, geometrische Abstraktionen. Sie sehen aus wie Schirme, manche wie Fächer und andere wieder gebirgsartig. Die Werkreihe heißt Der Weg zum Paradies. Sie deuten womöglich auf eine Reise hin, eine Coming-of-Age-Story? Das Ziel ist offenbar bekannt. So liegt in den Bildern kein Zaudern, erst recht keine technische Unsicherheit.

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Shona Stark, Flowers (mixed) / Attached, 2021, Flowers, Artificial Flowers, Vase + Video Performance, 12’03”, Reception Desk, iMac, Thonet S34 Chair

Shona Stark (Bildhauerei) verlässt ihr Fach, scheinbar. Sie befasst sich mit Floskeln: Einmal mit dem beliebten Satz „I love you“ in der gleichnamigen Toninstallation im letzten Raum. Zum Zweiten mit der Arbeit Flowers (mixed) / Attached. Sie besteht aus einem Empfangstresen, klischeehaftem Bouquet und Bildschirm. Hinter dem Tresen steht ein leerer Stuhl. Die Besuchenden können sich dort hinsetzen und einem Monolog zuschauen, wo Stark mit immer gleicher Miene Höflichkeitsphrasen aus unserem Alltag wiederholt, die wir halt so dahinsagen. Sie gehören zum „guten“ Ton und wer sie beherrscht, kann selbst scharfe Sätze gesellschaftsfähig verkleiden. Alle diese Redeweisen kennen wir, nutzen wir selbst in unseren E-Mails. Shona Stark treibt sie auf die Spitze, ihr dabei gefühlsloser Ausdruck entlarvt diese Worthülsen als bigott.
Ihr Beitrag ist eine Performance, die aus Sätzen besteht, die wiederum eine Handlung zur Folge haben. Das Gegenüber agiert mit ihnen. Und spätestens jetzt bekommen diese Worte eine Resonanz, ein körperliches Echo. Starks Arbeit ist keine klassische Plastik. Aber wozu sollte sie auch einen Körper in Stein hauen, wenn die Besucher*innen selbst Marionetten des Gehörten sind? Wenn wir zur fleischgewordenen Plastik/Skulptur werden!?

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Ella Einheil, Pass The Bone, © Bernado Aviles Busch

Ella Einheil fertigt mit ihrer Arbeit To The Bones schön anzusehende Gebilde. Umso überraschender, dass diese aus Schlachtabfällen und Überresten getöteter Tiere bestehen. Dabei greift sie – ob bewusst oder unbewusst – ein klassisches Motiv aus unserer Kulturgeschichte auf, wo Tod und Mädchen tanzen gehen, Thanatos und Eros einander die Hand geben und jedes Stillleben von Fliegen befallen wird. Fasziniert nicht genau, dass das Schöne neben dem Verfallenden koexistiert?
Unabhängig von aller kulturhistorischen Referenz verwendet Ella Einheil ganz beiläufig Schlachtabfälle nachhaltig weiter. Die Knochen wurden gemahlen. Davon werden einige zu Porzellan und sind beige- und tonfarben. Sie fertigt Halbkugeln, die an die Wand montiert sind. Sie sind zahlreich und ihre Formenvielfalt und die farblichen Nuancen lassen sie organisch wirken. Es könnten Lebewesen sein oder aus der Wand wachsende Schmuckstücke.
Andere Knochen werden zu Glas verarbeitet. Sie sind massiv, wirken schwer. Ihre zart bläuliche Farbgebung und Transparenz verleiht ihnen zudem Leichtigkeit, sie scheinen formbar.

Mart Stam als Namensvetter tritt bei den Arbeiten eher in den Hintergrund. Doch können wir die Positionen auch einfach ohne Stam genießen und deuten, im Freischwinger wippen und mit Zuversicht die Werke der sieben vielversprechenden Künstler*innen anschauen.

In Between Tension, Millimetergenau
14. bis 22. Mai 2022
Projektraum/Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin
Öffnungszeiten: Mo–Mi/ Sa–So 14.00–20.00 Uhr, Do–Fr 14.00–22.00 Uhr

Preisträger*innen:
Antonia Dönitz, Ella Einhell, Jade Mauduit und Judith Weber, Shona Stark, Xiaolei Xu, Oskar Zaumseil

Kurator der Ausstellung:
Stéphane Bauer, Leiter des Projektraum/Kunstquartier Bethanien

Jury des Mart Stam Preises:
Ingo Arend, Kunstkritiker, Berlin; Dr. Claudia Banz, Kuratorin am Kunstgewerbemuseum, Berlin; Stéphane Bauer, Leiter des Projektraum/Kunstquartier Bethanien; Luisa Kleemann, Modedesignerin, Mart Stam Preisträgerin 2017; Prof. Stefan Koppelkamm,
Vorstandsvorsitzender der Mart Stam Gesellschaft; Dr. Angelika Richter, Rektorin der
weißensee kunsthochschule berlin; Heiner Wemhöner, Kuratoriumsmitglied der mart stam
stiftung für kunst + gestaltung

Maximilian Wahlich

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Titel zum Thema Mart Stam Preis:

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Ausstellungsbesprechung: Die Mart Stam Gesellschaft prämiert seit 1997 jedes Jahr die innovativsten Abschlussarbeiten der Weißensee Kunsthochschule Berlin.

Mart Stam Preis 2019 – Abschlussarbeiten prämiert
Kurzinfo: Folgende Absolvent*innen der weißensee kunsthochschule erhalten den Mart Stam Preis ...

Mart Stam Preis 2018
Die Mart Stam Gesellschaft hat zum 20. Mal den Nachwuchsförderpreis der Kunsthochschule Berlin Weißensee vergeben.

Mart Stam Preis 2017: Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg
Ausstellungsbesprechung: Keine Spur von l´art pour l´art, Wissenschaftlichkeit steht beim Mart Stam Preis 2017 im Zentrum.

Mart Stam Preis verliehen
Den Mart Stam Preis 2015 erhalten die Weißensee Absolvent_innen: Barbara Lenartz, Bühnen- und Kostümbild; Anna Marin und Konstantin Potapov, Visuelle Kommunikation; Anselm Schenkluhn, Bildhauerei; Charlotte Wiese, Textil- und Flächen-Design

Mart Stam Preis vergeben
Zum 17. Mal wurde der Mart Stam Preis für herausragende Abschlussarbeiten an der Kunsthochschule Berlin Weißensee vergeben.

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