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Im Gespräch mit dem Fotografen Volker Hagemann

von chk (12.06.2022)


Im Gespräch mit dem Fotografen Volker Hagemann

© Volker Hagemann, Anne, 60 x 60 cm

Volker Hagemanns Arbeiten greifen Phänomene der Alltagskultur im Kontext kulturgeschichtlicher Prägung auf. Seine Fotografie steht fast immer im Kontext aktueller Diskurse (Medientheorie, Raumtheorie); ebenso wichtig wie dieser Hintergrund sind ihm die ästhetische Dimension und eine intuitive Lesbarkeit seiner Bilder. Der Fotograf studierte Literaturwissenschaft mit texttheoretischen Schwerpunkten und Politikwissenschaft.


Carola Hartlieb-Kühn: Deine letzte Einzelausstellung fand kürzlich im Ausstellungsraum tunnel19 statt. Du gehörst zu den Gründungsmitgliedern der Künstler*innengruppe, von der diese Kreuzberger Galerie betrieben wird. Kannst du uns etwas über eure Arbeit und den Ausstellungsraum erzählen?

Volker Hagemann: tunnel19 gibt es seit Sommer 2019; zu unserer Gruppe gehören sieben Fotografen*innen. Wir hatten uns vor Jahren am Photocentrum Kreuzberg als Teilnehmer eines Projektkurses der Dozentin Ebba Dangschat kennen gelernt. Noch während unserer ersten gemeinsamen Ausstellung beschlossen wir, als Gruppe zusammen zu bleiben – und inzwischen betreiben wir eine eigene Galerie, in der wir der zeitgenössischen Fotografie einen Raum geben. Dort, nahe der Kottbusser Brücke, stellen wir zunächst einmal unsere eigenen Arbeiten aus. Und aktuell laufen, wie jeden Sommer, die "tunnelwochen": In sieben aufeinander folgenden einwöchigen Ausstellungen zeigen wir, woran wir gerade arbeiten. Wir haben aber immer wieder auch Gastausstellungen und entscheiden gemeinsam, wer uns mit seinen Arbeiten nahe ist und wessen Werke wir zeigen möchten.

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© Volker Hagemann, Bäcker, 60 x 60 cm

Carola Hartlieb-Kühn: Deine eigenen Fotografien spielen damit, was wir in unserer Wahrnehmung als Realität und was wir als Fiktion einordnen. In deiner Serie LOOK BACK hast du Menschen in urbaner Szenerie fotografiert. Während einige deiner Porträts reale Menschen zeigen, stammen zum Verwechseln ähnliche Abbildungen von Personen auf Werbeplakaten. Die Spiegelung des städtischen Raums in Schaufensterscheiben ist das verbindende Gestaltungselement fast aller Bilder. Was interessiert dich am Spiel mit Dokument, Inszenierung und Fiktion?

Volker Hagemann: Meiner Meinung nach ist die Grenze zwischen Dokument, Inszenierung und Fiktion ziemlich fließend: Sowohl unsere Wahrnehmung als auch unsere Ideale sind so sehr von medialen Vorbildern geprägt, dass sie einen unmittelbaren Einfluss auf unsere vermeintlich unverwechselbare Identität haben. Zu einem gewissen Grad sind wir meiner Ansicht nach immer auch Kopien von etwas, was sich jemand anderes ausgedacht hat. Das Ganze funktioniert unbewusst, und der Grad des Sampling ist bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Aber er ist immer vorhanden. Vielleicht sind wir so ungefähr zwischen 2% und 20% modifizierte Kopien unterschiedlichster Vorbilder und Idole - viele davon werden recht erfolgreich über die Werbung lanciert. Wir sind bei Weitem nicht so individuell, wie wir uns vielleicht fühlen.

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© Volker Hagemann, Melancholiker, 60 x 60 cm

Carola Hartlieb-Kühn: Könnte man deine Fotografien als kritischen Kommentar verstehen?

Volker Hagemann: Ich denke, dass das Wort "Kritik" zu kurz greift; für mich ist das erst einmal eine Zustandsbeschreibung. Wenn Vorbild und Selbstbild sich vermischen hat das auch etwas Beruhigendes: Geteilte Vorbilder befördern den Gemeinschaftssinn; sie gehören zum Kitt der Gesellschaft. Und das Flanieren vor Schaufensterscheiben, diesen Kontext bildet das Projekt ja letztlich ab, hat auch etwas quasi Religiöses. Sozusagen die gemeinsame Anbetung des goldenen Kalbs. Das gesehene Idol auf einem Plakat verbindet, egal ob es die Mode dieses Sommers, ein schickes Tattoo oder die melancholische Stimmung eines Models ist.

Carola Hartlieb-Kühn: In unserem Gespräch hast du den Kunstkritiker John Berger erwähnt. In seinem Essay „Über die Sichtbarkeit“ heißt es u.a. „Identität ist der Schluß aus der Sichtbarkeit …“. Die Frage nach der Identitäten bildet auch in deiner Arbeit einen zentralen Begriff. Kannst du Genaueres über das Identitätsverständnis in deinen Bildern erzählen?

Volker Hagemann: Wie schon gesagt denke ich, dass das, was wir für Identität halten, aufgrund medialer Prägung zu einem recht hohen Grad auf geteilter Fiktion beruht. Dieser Teil von Identität ist wenig individuell: Stundenlanger Konsum von Werbung, Fernsehen und Instagram hinterlassen in dem, was wir sein möchten und auch in dem, was wir sind, sehr deutliche Spuren. Auch, und gerade weil die Bedeutung des öffentlichen Raums jenseits von Bildschirmen und Monitoren immer weiter abnimmt – und weil durch das Abnehmen realer Kommunikation häufig ein wichtiges Korrektiv fehlt.

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© Volker Hagemann, Neonlicht, 60 x 60 cm

Carola Hartlieb-Kühn: Du lenkst in LOOK BACK die Aufmerksamkeit auch auf schleichende Änderungen im Funktionieren städtischer Räume. Könntest du kurz darstellen, welche Veränderungen du uns zeigen möchtest?

Volker Hagemann: Das Verschwinden öffentlicher Räume, in denen tatsächliche Begegnungen stattfinden, ist meiner Ansicht nach ein zentrales Problem unserer Gesellschaft. Selbst die Räume, in denen wir Waren aller Art konsumieren, verschwinden zusehends: Onlineshopping und nicht mehr bezahlbare Mieten verdrängen traditionelle Ladengeschäfte, vor deren Schaufensterscheiben wir den gemeinsamen Traum des Konsumismus träumen können. So verschwindet nicht nur ein gemeinsamer Nenner unserer Gesellschaft, sondern auch eine bildgewaltige Welt, in der sich Vorbild und Selbstbild treffen. Dieser noch existierende städtische Raum ist über die Spiegelung in den Schaufensterscheiben auf fast allen Bildern meines Projekts LOOK BACK zu sehen.

Carola Hartlieb-Kühn: Was sind deine nächsten Projekte?

Volker Hagemann: LOOK BACK ist noch nicht abgeschlossen: Ich arbeite an einem um Lyrik und andere Texte ergänzten Bildband, in dem viele weitere Fotografien enthalten sein werden. Im Oktober, während des Monats der Fotografie, zeigt tunnel19 die recht umfangreiche Gemeinschaftsausstellung TABULA RASA im Kunstquartier Bethanien. Das ist eine gute Gelegenheit, um Arbeiten aller Mitglieder unserer Gruppe zu sehen. Und es gibt auch noch mein eigenes Langzeitprojekt HERE.THERE.EVERYWHERE, in dem es um die Fragmentierung und Entgrenzung der von uns erlebten Räume geht.

chk

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