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Berlin Daily 02.02.2023
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Madeleine und Hansaplast. Die Ausstellung Mein Land im Haus am Lützowplatz

von Maximilian Wahlich (15.10.2022)
vorher Abb. Madeleine und Hansaplast. Die Ausstellung Mein Land im Haus am Lützowplatz

Manaf Halbouni, Mein Land, 2019, Stahl, Beton, Mixed Media, 140×280 cm, Installationsansicht Studiogalerie / Haus am Lützowplatz, Copyright: Manaf Halbouni

Das Déjà-vu von Marcel Proust - ausgelöst durch den Geschmack einer teedurchtränkten Madeleine - führte ihn zurück in seine Kindheit und setzte bekanntlich einen fulminanten Erinnerungsreigen in Gang. Viele Jahre später wird Nora Krug mit einem Hansaplast in ihr grandioses Graphic Novel „Heimat“ einsteigen. Heimat ist für uns alle was anderes. Wir assoziieren damit Attribute, Objekte, Erinnerungen, Gefühle und manchmal auch nationale oder lokale Gebiete.

Die Ausstellung „Mein Land“ im Haus am Lützowplatz (HaL) umkreist mit drei künstlerischen Positionen den Begriff Heimat. Titelgebend für die Ausstellung ist jedoch die Arbeit „Mein Land“ (2019) von Manaf Halbouni, geboren in Damaskus und 2008 nach Dresden gezogen.
In massiven Betonlettern steht an der Wand „Mein Land“. Am oberen Rand ist ein Stacheldraht in den Beton eingewoben. Darin verheddern sich Adler, die Fahne Deutschlands und andere Requisiten einer nationalen Identität. Der Slogan wird durch die altdeutsch wirkende Schrifttype zugespitzt. Die Wandfarbe ist in dunklem Grün – wie eine Reminiszenz an den urdeutschen Wald?
National konnotierte Insignien, Titel der Arbeit und ihre typografische Erscheinung wirken stimmig. Irritierend ist bloß, dass dieses Werk zum Aushängeschild der Ausstellung wurde. Vielleicht spekulierte man auf die provokative Wirkung. Doch erscheint das unnötig bei dem sensiblen Thema Heimat. Noch dazu im Zusammenhang heutiger Entwicklungen, wo vielen Menschen nur die Erinnerung bleibt, weil ihr Land von katastrophalen Krisen heimgesucht wird.

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Cornelia Renz, Salon L. Faig, Jerusalem, eine Skizze. 2022, Installation, Frisörstühle, Haartrockner, Frauenwarte, Salon-Zeitung, Maße variabel, Copyright: Cornelia Renz


Die Rauminstallation „Salon L. Faig, Jerusalem, eine Skizze“ (2022) von der in Tel Aviv und Jerusalem lebenden Cornelia Renz mimt einen Friseursalon der 1960er Jahre nach. Die Geschichte nimmt ihren Anfang mit dem Fotoalbum ihrer Familie. Darin entdeckte sie ein Foto ihrer Großmutter in jungen Jahren und einer anderen Person in auffallend anderer Kleidung. Sie fand heraus, dass es sich um eine sehr gute Jugendfreundin gehandelt haben muss. Ihre Beziehung war wohl so eng, dass Renz` Oma zu ihrer Familie nach Palästina eingeladen wurde. Weiterführende Recherchen ergaben, dass jene Freundin auch Mitglied der NSDAP war. Dieses widersprüchliche Faktum fügt sich nahtlos in Renz künstlerische Forschung über deutsch-israelische Rollenbilder und Geschichte.

„Heimatschutz. Mein Land muss gerecht werden“ (2020) ist ein Video von David Adam. Adam reagiert mit dieser Performance im öffentlichen Raum auf die neo-rechte Bewegung Pegida. Diese positionierte sich für die mediale Berichterstattung gerne vor dem Dresdener Zwinger, einem identitätsstiftenden Bauwerk. Adam beginnt mit Anzug und Krawatte das Wort „Heimat“ in den Kies vor dem Zwinger zu rechen. Passant*innen schauen ihm dabei zu, manche laufen durch den Schriftzug.

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David Adam alias Dada Vadim, Heimatschutz. Mein Land muß gerecht werden, 2020, Video, 7:14 Min., Dresden, Zwinger, Samstag, 12.09.2020, von Sonnenauf- bis Untergang, Foto: Thomas Alexander


Jede der ausgestellten Arbeiten kreist um den schwer fassbaren Begriff namens „Heimat“. Bildlich manifestiert er sich über ganz unterschiedliche Zugänge. Alle Beiträge sind mit Biografien der Künstler*innen verbunden und alle operieren verschieden damit. Die Markierung mithilfe einer öffentlichen Indienstnahme des Begriffs „Heimat“ polemisiert den rechtsnationalen Mischmasch aus Nation, Identität und sich beheimatet fühlen. Das detailreiche Reenactment eines Friseursalons verstärkt die anekdotische Erzählung. Zuletzt erscheint Halbounis „Mein Land“ wie eine kritische Befragung der eigenen Zugehörigkeit.
Würde die Ausstellung auf eine spezifisch deutsche Begriffsgeschichte fokussieren, hätte der Begriff „Heimat“ eingehender problematisiert werden müssen. Nicht zuletzt wegen der NS-Zeit, wo Land als territoriale Zone mit Heimat und der individuellen Zugehörigkeit verquickt wurden (viele Bezirks- und Regionalmuseum strichen den Begriff). Vielleicht hätte dem Titel ein Fragezeichen gut gestanden?

Mein Land
27. August bis 16. Oktober 2022
kuratiert von Cornelia Renz und Asja Wolf
Mit Werken von: David Adam, Manaf Halbouni, Cornelia Renz
Öffnungszeiten:
Di-So, 11 – 18 Uhr
Der Eintritt ist bis auf Sonderveranstaltungen kostenlos!
www.hal-berlin.de

Maximilian Wahlich

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