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Was ist der Mensch? Zur Ausstellung MENSCHENBILD – der expressionistische Blick

von chk (15.06.2023)
vorher Abb. Was ist der Mensch? Zur Ausstellung MENSCHENBILD – der expressionistische Blick

Hans-Hendrik Grimmling, Ihr seid II (aus der Folge: Volk-Köpfe), 1989, Kreide und Kohle auf Papier, 86 x 67 cm, Kunstsammlung der Berliner Volksbank K 509, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023, © Stiftung KUNSTFORUM der Berliner Volksbank gGmbH, Foto: Peter Adamik

Links zwei Pionierporträts (1997) von Georg Baselitz, kopfüber - natürlich -, gegenüber zwei Köpfe gemalt von Hans-Hendrik Grimmling - dunkel, abweisend, in sich gekehrt - und an der Stirnwand das frühe Gemälde eines Männeraktes von Norbert Bisky. Dies beschreibt die Eingangssituation im Kunstforum der Berliner Volksbank, die den Gang durch die Ausstellung MENSCHENBILD – der expressionistische Blick eröffnet.
Die gelungene Gegenüberstellung verweist zugleich auf das Ausstellungskonzept. Es geht um die Weiterentwicklung zentraler Ideen des deutschen Expressionismus in der figurativen Kunst der 1980/90er Jahre in Ost- und Westdeutschland.

Dabei kann auf den reichen Fundus der hauseigenen Kunstsammlung der Berliner Volksbank mit rund 1.500 Werken zurückgegriffen werden. Der Sammlungsschwerpunkt lag zunächst auf figürlicher Kunst nach 1950 aus Berlin, Brandenburg und Ostdeutschland. Heute hingegen sind ost- und westdeutsche Positionen gegenständlicher Kunst gleichermaßen vertreten. Bilder vom Menschen - Bilder für Menschen und Berliner Stadtbilder bestimmen das inhaltliche Leitmotiv der Sammlung.
Ergänzt wird die aktuelle Ausstellung durch Leihgaben der Kunststiftung Michels aus dem frühen 20. Jahrhunderts. Die daraus gezeigten Werke von Käthe Kollwitz, Pablo Picasso, Ernst Barlach, Max Pechstein, Otto Dix oder Paula Modersohn-Becker rufen in Erinnerung, was das Menschenbild des Expressionismus und seiner verschiedenen Strömungen in der europäischen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts prägte: Es war die Suche nach einem authentischen und unmittelbaren Ausdruck menschlicher Erfahrung. Die Außenwelt reflektierte die Innenwelt, und die menschliche Figur erwies sich als Trägerin von Gefühlszuständen. Gefühlszustände, die Empfindungen gegenüber der Natur oder die Unbeschwertheit des menschlichen Daseins genauso spiegelten wie die gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit bezogen auf Großstadt, den Ersten Weltkrieg oder die Weimarer Republik. Besonders in der frühen expressionistischen Malerei wurden die Figuren stark stilisiert dargestellt, um die innere Befindlichkeit des Individuums zu betonen. Kräftige Farben, starke Kontraste und ungewöhnliche Perspektiven verstärkten die emotionale Wirkung und veranschaulichen den Wandel des Lebensgefühls.


Exhibition view "MENSCHENBILD – der expressionistische Blick (the expressionist view)", Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023 (Neo Rauch, Franek), © Rainer Fetting, Georg Kolbe, Foto: art-in-berlin

Die Ausstellung MENSCHENBILD - der expressionistische Blick spürt diesem spezifischen Wandel, der sich in der Verbindung von Individualismus, Subjektivität und Authentizität seiner Bildfindung manifestiert, in den jüngeren Arbeiten nach.
Als Reaktion auf die Kunstformulierungen der 60er und 70er Jahre drang in Westdeutschland ab den 80er Jahren ein neues existenzielles Moment in die Kunst ein, das in einem Hunger nach Bildern mündete und in den Neuen Wilden sicherlich einen seiner Höhepunkte fand. Zahlreiche Bilder zeugen von dieser inneren Befindlichkeit und dem befreiten Aufatmen aus theoretischen Erklärungs- bzw. Deutungszwängen, wie etwa die Schwimmer (1994) von Salomé oder die Strandarbeiter (1985) von Bernd Koberling. Und sie zeigen zugleich, dass die Rückkehr zur Figuration im Westen etwas anderes bedeutete als im Osten.
Im Osten setzten sich Künstler*innen, die mit expressiven Stilmitteln arbeiteten, unter anderem kritisch mit dem Postulat des Sozialistischen Realismus auseinander, suchten nach Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der politisch gewünschten Sprache. Das heißt, die expressive Figur als Ausdruck eines Lebensgefühls ist in der figurativen Malerei in Ost und West offensichtlich unterschiedlich konnotiert: Zwar lassen sich beim Gang durch die Ausstellung zahlreiche Gemeinsamkeiten entdecken, etwa im spontanen Gestus oder in der Farbgebung, wie bei Barbara Quandt, Rolf Sturm oder Werner Liebmann. Dennoch sind die Unterschiede genauso augenfällig, ohne dass hier allzu sehr die Schubladen gezogen werden sollen. Vielleicht liegt das auch an der Hängung, die immer wieder durch schlüssige Gegenüberstellungen zum vergleichenden Sehen anregt und den Dialog zwischen den Bildern fruchtbar macht.

Zurück zu den eingangs erwähnten Köpfen von Hans-Hendrik Grimmling: Anders als etwa Markus Lüpertz oder Georg Baselitz verweist Grimmling das Erzählerische in den Bereich der Abstraktion. Das innere Erleben bleibt innen. Selbst das Farbige verschwindet in schwarzen Formen, die den Menschen in sich verschlungen, verknotet zeigen. Die Expressivität vollzieht sich hier, vergleichbar mit dem Frauenbildnis (1984) von Max Uhlig, über die Formgebung beziehungsweise die Strichführung. Beide verbindet etwas Elementares. Daraus zu folgern, dass das Expressive in der ostdeutschen Malerei sei weniger in bestimmten Narrativen verhaftet, wäre falsch, wie u.a. Die Küche und Der Blaue Junge (beide 1995) von Neo Rauch zeigen. Neo Rauchs Werke balancieren gleichsam auf der Spur des Erzählerischen und verklären unauflösbar das Politische wie das Individuelle im Raum des Surrealen.


Elvira Bach, Blaue Mamba, 1983, Tempera und Pastell auf Karton, 49,7 x 69,3 cm, Kunstsammlung der Berliner Volksbank, K 1506, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023, © Stiftung KUNSTFORUM der Berliner Volksbank gGmbH, Foto: Peter Adamik

Ganz anders wiederum die Lust am ungezügelten Vitalismus, etwa bei Elvira Bach, die auf dem Bild Blaue Mamba (1983) in einer Farborgie der Weiblichkeit zu schwimmen scheint. Oder bei Barbara Quandt - etwas gehaltvoller -, die uns das lustige Treiben ihrer Tiere in Bewegung (1991) vor Augen führt, was nicht ohne ein Schmunzeln betrachtet werden kann. Wunderbar offenbart sich hier, wie das Expressive zugleich Inspirationsquelle ist.
Die weibliche Identität ist ebenso Thema bei Angela Hampel oder Ellen Fuhr, die jedoch die mystische Welt als Vehikel nutzen, um ihrer Wahrnehmung und ihrer Erlebniswelt malerisch Ausdruck zu verleihen. Das heißt wiederum nicht, dass es hier weniger ums Authentische geht, nur dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftlichen eine größere Rolle spielt.

Und natürlich finden sich in den meisten Werken historische Bezüge. Fragt man sich also am Ende der Ausstellung, was hat diese laute, farbkräftige, beschwingte und zum Teil sozialkritische Kunst mit unserer Zeit zu tun? So bleibt festzuhalten, dass die Beschäftigung mit dem Expressiven immer auch das Existenzielle mitdenkt. Wer und was wir sind und welche Ausdrucksformen wir dafür finden - diese Fragen werden ein grundlegendes Thema der Bildenden Kunst bleiben und auch in Zeiten von Internet und Künstlicher Intelligenz ihre Entsprechung finden, vermutlich nicht mehr mit Pinsel und pastos aufgetragener Farbe.

Zu den ausgestellten Künstler:innen zählen u.a.: Elvira Bach, Georg Baselitz, Norbert Bisky, Claudia Busching, Luciano Castelli, Hartwig Ebersbach, Rainer Fetting, FRANEK, Ellen Fuhr, Sighard Gille, Otto Gleichmann, René Graetz, Hans-Hendrik Grimmling, Angela Hampel, Max Kaminski, Bernd Koberling, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Werner Liebmann, Markus Lüpertz, Wolfgang Mattheuer, Paula Modersohn-Becker, Max Pechstein, Pablo Picasso, Neo Rauch, Salomé, Rolf Sturm, Max Uhlig, Barbara Quandt und Andreas Weishaupt.

MENSCHENBILD – der expressionistische Blick,
noch bis 18. Juni 2023
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, bis 18 Jahre frei

Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank
Kaiserdamm 105
14057 Berlin (Charlottenburg)
Tel. 030 30 63-17 44
kunstforum.berlin

chk

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