logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 14.06.2024
Vortrag + Klangperformance

18 Uhr: über urbane Gewässer (Christian Wolter vom IGB Berlin) | 18:30 Klangperformance (Jasmine Guffond) im Rahmen der Ausstellung "You are among us, we are among you". Kunstbrücke am Wildenbruch | Weigandufer Ecke Wildenbruchbrücke | 12045 B

Mit einem Tiger schlafen – ein Film über die Malerin Maria Lassnig

von Daniela Kloock (23.05.2024)


Mit einem Tiger schlafen – ein Film über die Malerin Maria Lassnig

© Anja Salomonowitz, Mit einem Tiger schlafen, coop99 Filmproduktion

„Mit einem Tiger schlafen“ lautet der Titel eines Gemäldes der Malerin Maria Lassnig. Der gleichnamige Film widmet sich dem Leben dieser erst spät zu Ruhm und Ehre gekommenen Künstlerin.

Und Maria Lassnig war widerständig! Schon früh wehrte sich die 1919 in Kärnten geborene Künstlerin gegen Geschlechter-Zuschreibungen und -Stereotypen, gegen die männliche Dominanz auch und vor allem im Kunstbetrieb und gegen die österreichische Geschichtsvergessenheit – die braune Farbe hat sie zeitlebens ausgespart. Maria Lassnig war kompromisslos, kämpferisch und lange Zeit erfolglos. Ihre Landsleute, aber auch die Galeristen in Paris oder New York, wo sie zeitweise lebte, verstanden ihre Bilder nicht. Denn was sie (ver)suchte, war etwas vollkommen Neues. Nicht das unmittelbar Sichtbare interessierte sie, sondern das Erspüren des eigenen /weiblichen Körpers, die sinnliche malerische Aufhebung von Innen- und Außengrenzen. Die Ergebnisse ihrer „Erforschungen“ nannte sie ab den 1970er Jahren „Body-Awareness-Bilder“. Für bestimmte Gefühlszustände schuf sie sogar einen eigenen Farb- und Begriffskanon. Von Kälte- oder Qualfarben, Druck- oder Völlefarben, Höhlungs- und Quetschfarben ist in ihren Tagebuchaufzeichnungen die Rede. Doch wie ein solch feinsinniges und zugleich radikales Erspüren von Welt und dessen kongeniale Umsetzung in Malerei auf die Filmleinwand bringen?

Birgit Minichmayr als Maria Lassnig muss sich dieser Aufgabe stellen. Alterslos und weitgehend ungeschminkt, äußerlich über alle Lebensalter gleichbleibend, so inszeniert die Filmemacherin, die österreichische Anja Salomonowitz, ihre Hauptfigur. Kindheit, Jugend, verschiedene Lebensstationen, Wirkungsstätten in Kärnten, Wien, Paris, New York werden in komprimierten kurzen Szenen angerissen. Wichtiger ist die Atmosphäre, der Grundton des Films. Immer wieder sieht man Minichmayr in Atelierräumen, nur mit Unterwäsche bekleidet wie sie in Stille verharrt, ein Bild, das „zurecht schmerzt“, wie Maria Lassnig es nannte. Auf den unterschiedlichsten Stühlen fast abgleitend, ohne Halt sitzend, schweigend, wirken diese Szenen fast wie Live-Aufnahmen einer Performance. Jeder Körperhaltung, jedem Schulterzucken, jeder Geste, Grimasse und Mundbewegung wird viel Raum und Zeit eingeräumt.

Anja Salomonowitz ist für ihre eigenwilligen inhaltlichen und stilistischen Zuspitzungen bekannt. In Maria Lassnig sieht sie eine Künstlerin, die weitgehend in sich gekehrt, sozial isoliert und sexuell desinteressiert wirkt. Eine Frau, für die einzig ihre Malerei und ihre Karriere zählen. Folglich muss es auch ein nicht weiter ernst zunehmendes „Bürschlein“ sein (der 18-jährige Oskar Haag) sein, das Arnulf Rainer darstellt - immerhin der Mann, der neben vielen anderen Affären der Künstlerin ihr langjähriger Liebhaber und Künstlerkollege war.

Aber der Film will erklärtermaßen kein biografisch korrektes Portrait sein, schon gar kein Biopic mit konventioneller Erzählweise. Die Regisseurin mischt hierfür Spielfilmelemente mit dokumentarisch-theatralischen Elementen. Zum Beispiel die immer wieder auftauchende böse, abweisende Mutter oder unvermittelt eingebaute Interviewpassagen mit Zeitgenossen, wobei unklar bleibt, ob deren Aussagen authentisch sind. Demnach war die Künstlerin labil, ehrgeizig, geizig und im Umgang schwierig. „Meine Bilder, die müssen strahlen!“, so schnauzt sie einen Galeristen an, der ihre Bilder zu tief und zu eng hängt. In einer anderen Szene bekommt ihre Landsfrau, die Künstlerin VALIE EXPORT, ihren Ärger zu spüren. So vielleicht geschehen auf der Biennale in Venedig (1980), wo sich die beiden Frauen EINEN Ausstellungsort teilen mussten.

Die Stilwechsel, die den Film letztlich bestimmen, sind Geschmackssache. Zuweilen hat man den Eindruck, die Regisseurin verliert in ihrem hybriden Mix den Überblick oder ihre grundlegende These. Leider fehlt auch der Humor, die Bissigkeit, die in den Bildern Maria Lassnigs spürbar ist. Am Ende des Films sehen wir die Künstlerin, dem Tode nahe, zusammen mit ihrem Atelierassistenten den Himmel, die Wolken betrachtend. Die beiden philosophieren über die richtige Kontur, vor allem über das richtige Blau für ein Bild. „Ich mache nichts anderes als zu malen, und wenn ich nicht male, dann denke ich darüber nach“, das war das Lebensmotto der Künstlerin. Vielleicht kommt diese letzte Szene dem am nächsten, was sich die Regisseurin vorgenommen hat: eine poetische Annäherung an das Leben, das Werk Maria Lassnigs. Schön ist diese Schlussszene - nicht nur allein dafür lohnt der Film.

Filmstart: 23.05.24
Darsteller:inen:
Birgit Minichmayr, Lukas Watzl, Oskar Haag
Regie: Anja Salomonowitz
Länge: 107 min
Mit einem Tiger schlafen

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Berlinale:

Mit einem Tiger schlafen – ein Film über die Malerin Maria Lassnig
Läuft heute in den Kinos an ...
Der Film von Anja Salomonowitz widmet sich dem Leben der Malerin Maria Lassnig. Mehr dazu in unserer Filmbesprechung.

Baldiga – Entsichertes Herz
Unsere letzte Filmbesprechung zur Berlinale (Sektion: Panorama): Ein Film als Erinnerungsarbeit an eine bestimmte Zeit, hier das schwule West-Berlin der 1980er Jahre als Reminiszenz an einen Künstler, hier den Fotografen Jürgen Baldiga ...

I´am Not Everything I Want to Be
Berlinale - Filmbesprechung: Ein großartiger Film über die tschechische Fotografin Libuse Jarcovjáková, der eigentlich kein Film ist ...

The Night is never Complete
Filmbesprechung zur Berlinale: „Mother and Daughter, or the Night is Never Complete“ – ein wunderbarer Film der georgischen Filmemacherin Lana Gogoberidze (Forum Spezial)

BERLINALE und die Zukunft des Kinos
Summa Summarum: Die Zeit des ganz großen Kinos scheint vorbei. Strukturell, aber auch ästhetisch und technisch hat sich so viel verändert, dass Argumente, die einen Gang ins Lichtspielhaus zwingend machen, vage bleiben.

Auf der Tonspur ist was los…
Berlinale Forum: Filme, die experimentell mit Bild und Sprache bzw. Text umgehen, fallen auf der diesjährigen BERLINALE vermehrt auf. Prominentes Beispiel ist „Dearest Fiona“, ein Beitrag der Multimediakünstlerin Fiona Tan.

Die Retrospektive der BERLINALE punktet
Rund um die Welt wurden Filmschaffende aller Sparten eingeladen, ihren ganz persönlichen Lieblingsfilm vorzuschlagen und bei der Vorführung im Berlinale-Kino live oder über line zu kommentieren.

INTIMES von der BERLINALE
Filmbesprechung zu: „THE ETERNAL MEMORY“ und „NOTRE CORPS“

BERLINALE 2022: Eindrücke und Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs
„Vorsichtshalber sollten wir davon ausgehen, dass wir alle in Gefahr sind.“ Filme der BERLINALE, auf die dieser Satz zutrifft.

Erste BERLINALE Eindrücke und Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs 2022
Ein Überblick: Von Kasachstan über Iran, Indien und Kolumbien bis nach Süditalien zahlreiche Filme der Berlinale erinnern daran, dass und wie Frauen weltweit unter Gewalt- und lebensbedrohenden Geschlechterverhältnissen (über)leben.

Der Berlinale Bär ...
Filmfestivals scheinen gefährliche Tiere als Werbeträger zu lieben. Berlin hat seinen Bären, Venedig den Löwen, Locarno favorisiert den Leoparden.
Zum Auftakt der Berlinale, die diese Woche beginnt.

Berlinale Spezial: Berlinale Highlights 2020
Zwei ganz und gar ungewöhnliche Filme über die USA, ein schöner Film aus Nigeria, und eine kleine Lektion zum Thema Wahrnehmung wahrnehmen.....

Berlinale Spezial 2020: Kitsch versus Kunst
Über zwei Filme, die die Büroarbeit von Frauen SEHR verschieden im Blick haben...
My Salinger Year (R.: Philippe Falardeau/Kanada, Irland 2020)
The Assistant (R.: Kitty Green/USA 2019)

Berlinale Kamera 2020: Ehrung für Ulrike Ottinger
Preis: Anlässlich der 70. Internationalen Filmfestspiele erhält die Regisseurin und Künstlerin Ulrike Ottinger die Berlinale Kamera.

Searching Eva (Regie: Pia Hellenthal)
Filmbesprechung: Der Film trägt seinen Titel zu Recht. Denn wer ist diese Frau? Und kann/soll man glauben, was da gezeigt wird?

top

zur Startseite

Anzeige
Magdeburg

Anzeige
Alles zur KI Bildgenese

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz / Studiogalerie




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
GEDOK-Berlin e.V.




© 1999 - 2023, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.