In klar komponierten Bildreihen wird die Fotoserie von Sibylle Fendt im Haus#1 präsentiert. Subtil in Distanzrahmen gefasst, entsteht der Eindruck, die Betrachtenden blickten durch kleine Fenster in warm ausgeleuchtete, private Lebensräume. Nicht selten erwidern deren Bewohner*innen den Blick – direkt, doch nicht abschreckend, sondern einladend. Mal führt uns die Kamera in eine Nahansicht der Protagonist*innen, mal werden wir zu stillen Beobachtenden eines Prozesses von Pflege, Gemeinschaft, Stille, Ruhe und Zuneigung.
Mit BEVOR ES SO WEIT IST zeigt Sibylle Fendt einen Abschnitt des Lebens, den viele von uns so lange wie möglich ausklammern möchten. Ihre sozial engagierte Fotografie legt den Finger auf eine empfindliche Stelle – doch muss dort überhaupt eine Wunde sein? Über einen Zeitraum von 18 Monaten hat Fendt 17 Menschen kennengelernt und deren letzte Lebensphase mit der Kamera begleitet: Menschen, die sich entschieden haben, zu Hause zu sterben – in vertrauter Umgebung, im Beisein bekannter Gesichter. Auf ihren Fotos sind Krankenhausaufenthalte und langwierige Behandlungen vorbei; stattdessen herrscht dort eine warme Ruhe, die uns im Zusammenhang mit dem Tod ungewohnt erscheint.
Die Ausstellung wird so zu einem Antidot gegen die eigene Angst vor dem Ende und davor, ihm allein zu begegnen. Sie zeigt, dass ein anderer, gemeinschaftlicherer Umgang möglich ist: mit Pfleger*innen als die letzten Wegbegleitenden, mit Familien und Freund*innen, die sich gegenseitig Halt geben, und mit einer Fotografin, die aufmerksam und empathisch hinsieht – und andere dazu ermutigt, dasselbe zu tun. Besonders am Eröffnungsabend, als das Haus#1 belebt ist und sich wie eine warm erleuchtete Insel vom nächtlichen Berlin abhebt, entfaltet die Ausstellung ihre Wirkung: Der Tod erscheint als Teil des Lebens, nicht abseits davon.
Zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiges Buch, in dem die Menschen, die Fendt begleitet hat, zu Wort kommen. Sie berichten von ihrer Wahrnehmung in dieser Zeit und davon, wie sie den Abschied von sich selbst und der Welt erleben. Am Eröffnungsabend wird dieses Buch intensiv gelesen: Menschen stehen in kleinen Gruppen im und vor dem Haus#1, betrachten gemeinsam die Fotografien, lesen sich Passagen vor, teilen Eindrücke und Gedanken. Eine mutige, hoffnungsvolle Auseinandersetzung mit dem Thema entsteht – und die Besucher*innen sind dankbar für die Möglichkeit, darüber miteinander ins Gespräch zu kommen.
Sibylle Fendt
BEVOR ES SO WEIT IST
Kurator: Ingo Taubhorn
8. November – 30. November 2025
Öffnungszeiten:
Fr-So, 14 – 19 Uhr
HAUS#1
Waterloo Ufer ohne Hausnummer
10961 Berlin
(Bus- und U-Bahnhof Hallesches Tor)
www.haus1-berlin.de








