Alberto Giacometti, Der Käfig, erste Version, 1949-1950 Bronze, 90,5 x 36,5 x 34 cm Fondation Giacometti, Paris © Succession Alberto Giacometti / VG Bild- Kunst, Bonn 2025

Alberto Giacomettis Skulpturen scheinen so gar nicht in unsere schnelllebige Zeit zu passen. Und so könnte man es mutig nennen, dass die Bremer Kunsthalle diesem „Fakir der Sinnverdichtung“ eine große Retrospektive widmet.
Unter dem Titel „Das Maß der Welt“ werden über hundert Werke Giacomettis, Blätter aus der eigenen grafischen Sammlung präsentiert. Zahlreiche Leihgaben stammen aus der „Fondation Giacometti Paris“.

Die Ausstellung beginnt furios. Ein winziges „Etwas“ begrüßt die Besucher. Es steht auf einem riesigen weißen Ausstellungspodest, das man ungehindert durch Scheiben oder Absperrungen umkreisen kann. Doch was sehe ich hier eigentlich? Im Grunde ist es nur ein merkwürdig geformtes Klümpchen Bronze auf einem Quader. Unser Auge vermag nämlich nicht zu erkennen, um was es sich genau handelt. Und damit ist der Besucher schon mitten im Giacometti-Kosmos.

Denn sowohl Erkennen als auch Ver-Kennen hat immer etwas mit Distanznahme, mit Zwischenräumen und Abständen zu tun. Dies wird bereits bei der ersten Begegnung mit einer Skulptur des Künstlers deutlich. Sie konfrontiert uns darüber hinaus mit der Frage, die Giacometti in seinem gesamten Schaffen beschäftigte. Es ist eine der Urfragen des europäischen Denkens: Kann der Mensch/der Künstler mittels seines Sehens aus dem engen Bereich einer sogenannten für alle verbindlichen Realität heraustreten?

Für Giacometti war es ein fast manisch zu nennender Kampf um die gelungene Darstellung dessen, was ihm sichtbar schien. Ein Kampf aber auch gegen den Irrglauben, dass es so etwas wie eine dauerhafte „korrekte“ Darstellung dessen geben kann, was man zu erkennen glaubt. Damit verbunden war auch seine grundlegende Kritik an künstlerischen Konventionen. Denn Giacometti war fest überzeugt, dass unsere Vorstellung vom Skulpturalen zu sehr von der griechisch-römischen Antike beeinflusst ist. Er hingegen war fasziniert von den Figuren und Masken afrikanischer Herkunft, von der hieratischen Kunst Ägyptens und der Kykladen. Doch die Konzeption der Ausstellung hat eine andere thematische Ausrichtung.

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Alberto Giacometti am Diavolezza vor dem Piz Palü, 1961 Foto: Isaku Yanaihara, 1961, Archives Fondation Giacometti, Paris


Sie will deutlich machen, wie sehr Giacometti von der deutschen Romantik beeinflusst war und dass sein Werk nicht ohne den Bezug zur Landschaft, zu der Welt, in die der Künstler 1901 hineingeboren wurde, zu verstehen ist. Und das war Stampa im Bergell, ein Dorf an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien: 1000 Meter hoch oder besser tief gelegen. Denn die Berge erheben sich zu beiden Seiten des engen Tals auf fast 3000 Meter Höhe. Die Erhabenheit dieser grandiosen Landschaft bzw. die Ergriffenheit des Menschen vor ihrer Größe war für Giacometti Quelle und Motor seines gesamten Schaffens. Um dies deutlich zu machen, sind die Räumlichkeiten mit großen, meist schwarz-weißen Fotografien bestückt, die den Künstler und/oder die Bergkulissen zeigen. Zusätzlich wird ein Film von Arnold Fanck (der Leni Riefenstahl protegierte und beeinflusste) gezeigt, der die spezifischen, dramatischen Wolkenphänomene der Gegend 1924 festhielt.

Und ja, Alberto zeichnete und aquarellierte rund um Stampa und auch oben auf Maloja, wo die Familie zeitweise lebte. In seiner Jugend wurden er sowohl von Ferdinand Hodler als auch von seinem Vater, dem Postimpressionisten Giovanni Giacometti, geprägt. Trotzdem überraschen nach wie vor die in der Ausstellung gezeigten zahlreichen Frühwerke, die zwischen 1914 und 1924 entstanden sind. Zeichnungen und Aquarelle, die so leicht und lichtdurchflutet wirken, dass man sie nur schwer mit dem Künstler in Verbindung bringt, dessen spätere Palette sich durchgängig an Grau orientierte.

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Alberto Giacometti, Facettenreicher Berg, um 1923 Aquarell auf Papier, 22,9 x 29,2 cm Fondation Giacometti, Paris © Succession Alberto Giacometti / VG Bild- Kunst, Bonn 2025


So grau wie das Gestein der Bergeller Berge, deren extrem steile und hohe Granitspitzen wirken, als seien sie von Riesen angeknabbert. Eben so wie die Skulpturen Giacomettis, die aus vielen Löchern und Wölbungen, aus Krusten und Rissen bestehen als wären sie aus diesen Steinen heraus gebrochen.

Die Ausstellung bietet erfreulich viel Raum und Abstand, sodass man sich vollkommen ungestört in die mehr oder weniger großen, aber vor allem auch den extrem verkleinerten Skultpturen vertiefen kann. Dies ermöglicht interessante Erfahrungen. Wie in der Natur eine Wolke oder Nebel eine Landschaft zum Verschwinden bringen bzw. das Sichtbare vom Unsichtbaren überlagert, verschränkt und verwoben ist, so sind auch die Bilder und Skulpturen Giacomettis von einer nicht aufzuhebenden Ambivalenz zwischen Erscheinen und Verschwinden. Am deutlichsten veranschaulicht dies vielleicht eine in der Schau als letzte gezeigte Büste. Von vorne betrachtet wirkt die Skulptur wie zusammengequetscht. Dann aber plötzlich, von der Seite, erhält sie eine ungeheure Plastizität und Räumlichkeit - wird deutlich erkennbar als Kopf, als Portrait.

Doch an wen richten sich all diese Köpfe mit ihren leeren Augenhöhlen, ihren hageren Körpern eigentlich? Auf jeden Fall wenden sie uns nicht den Rücken zu. Sie blicken nicht in die Weite der Welt, wie etwa die Figuren bei Caspar David Friedrich, sondern sie richten sich auf uns, auf uns schwankende, gescheiterte, ängstliche und unausweichlich unserem Ende entgegengehenden Wesen.

11.10.2025 bis 15.02.2026

Di 10 - 21 Uhr | Mi bis So 10 - 18 Uhr
Mo geschlossen

Kunsthalle Bremen
Am Wall 207
28195 Bremen
www.kunsthalle-bremen.de