Kavata Mbiti (* 1976 in Nyon, Schweiz), Möglichkeiten einer Insel I, 2007, Acrystal, 50 × 110 × 55 cm, Sammlung Julietta Scharf, 2007 erworben, Foto: Sammlung Scharf-Gerstenberg / Simon Vogel

In der Ausstellung Möglichkeiten einer Insel: Denken in Bildern von Gerstenberg bis Scharf im Museum Scharf-Gerstenberg sind zahlreiche Vertreter*innen des Surrealismus, seiner Vorläufer bis hin zu seinem Einfluss in der Gegenwart ausgestellt. Thematischer Überbau ist Weltflucht, deren Aktualität bereits Eingangs benannt wird: Wann wenn nicht jetzt, ist Eskapismus eine verständliche Reaktion auf die heutige Weltlage?
Doch, Flucht von der Welt, das findet überall und immer wieder statt – in Form einer buttrig-süßen Madeleine, in Form einer Fantasy-Welt mit Ork und Zauberer, in Form eines Alter egos und vielleicht sogar in Form von Reisen.

So erscheint eine surrealistische Flucht zunächst wie ein Porträt unserer Welt – nur eben seitenverkehrt, auf den Kopf gestellt und irgendwie revers in ihrer gleichmütigen oder theatralen Gleichartigkeit: Spindeldürr und tanzend bewegen sich die Figuren in Larissa Leverenz Zeichnungen über grazile Apparaturen, die am Gleichgewicht zu arbeiten scheinen. Knotig-verbeult sind dagegen die glatten Plastiken von Kavata Mbiti und auch Junko Mori Bewohner*innen erscheinen eher zottig, sitzen verzogen, trotzig im Stachelkleid in der Ecke.
Andere Werke wie bspw. die Grafiken von Jürgen Brodwolf zeigen wie der bedrohliche Tod über seine nächsten Opfer herfällt. In einer Art Kabinett vermögen die märchenhaft grazilen Blüten von Alexandra Hendrikoff, die transluzent in der Schwebe hängen, den Raum einzunehmen. Ebenso schwerelos von der Decke hängt Duvier del Dago Fernández Säule aus Fäden, in die sich ein Gewebe verfangen hat.

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James Ensor (Ostende 1860 – 1949 Ostende), Les péchés capitaux dominés par la mort, 1904, aus der Serie »Die sieben Todsünden«, Radierung, 15,8 × 24,9 cm (Blatt) 9,8 × 15 cm (Platte), Sammlung Julietta Scharf, 2025 erworben, Foto: Sammlung Scharf-Gerstenberg / Simon Vogel

Die Ausstellungsstücke erfüllen die Erwartung an das Thema. Sie sind Objekt und Subjekt zugleich, in einer ständigen Osmose zwischen aktiv und passiv, Akteur*in und Beobachter*in. Die einzelnen Werke zeugen von einem guten Auge der Sammler*innen. Die Ausstellung ist ausgewogen kuratiert, regt zum Innehalten an und spannt einen weiten Bogen von Francisco de Goya über James Ensor bis Larissa Leverenz. Die Ausstellungskapitel reichen von Das repräsentative Porträt über Landschaft bis Innenraum, Alltag und Idylle, von Klon bis Forme / Informe und einige mehr– insgesamt sehr klassisch.

Der 100. Geburtstag von Dieter und Hilde Scharf war der Anlass der Präsentation. Alle Exponate stammen aus der Sammlung der Familie Scharf und Gerstenberg, insgesamt aus vier Generationen Leidenschaft für Kunst. Das wird am Eingang transparent, durch Stammbaum und kurzer Vita der vier Hauptpersonen. Die Labels machen deutlich, wer das Werk einst angekauft hat. Durch die Kennzeichnung entsteht der Eindruck, dass diese Ausstellung Teil einer familienpolitischen Agenda ist. Doch ist eine gute Sammlung nicht gleich eine Ausstellung, die uns in eine andere Welt führt, aber vermutlich ist das auch nicht ihr Anspruch. Ab 15. Februar 2026 werden weitere Teile der Sammlung in der Alten Nationalgalerie zu sehen sein.

Möglichkeiten einer Insel
Denken in Bildern von Gerstenberg bis Scharf

19.12.2025 bis 03.05.2026

Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schloßstraße 70, 14059 Berlin-Charlottenburg
Öffnungszeiten: Mi – So 11 – 18 Uhr
www.smb.museum