Zum Abschluss der Berlinale hielt der Juryvorsitzende Wim Wenders eine enthusiastische Ansprache, eine Eloge auf das Kino und den Kinofilm. Er lobte dessen Kraft für komplexe Geschichten und Gesichter, seine Kollektivität, seine Schönheit und Langlebigkeit. Damit sei das Kino etwas grundlegend anderes als das Internet, dessen Bilder und Stoffe auf kurzfristige Effektivität und Affekte zielen. Und Film sei eben auch politisch, weil er Orte und Zeiten verbindet und darüber hinaus eine „Architektur des Herzens“ eröffne. Denn nur in Filmen, im Kino sähe man nicht AUF etwas, sondern IN etwas hinein.
Kino als eine Art Spekulum? Ich weiß nicht. Aber was ich weiß: eine „Architektur des Herzens“, was immer das genauer sein mag, kann schnell in gesteuerter Gefühlsduselei enden, vor allem in Kombination mit simplen Botschaften. Und genau das war ein Problem der diesjährigen Berlinale. Zumindest was einige der Filme des Wettbewerbs betrifft. Möglich, dass dies an den Themen lag. Denn auffallend häufig ging es um den Mikrokosmos Familie, um Selbstfindung, Identität, Zugehörigkeit, Abgrenzung, Verortung.
Man kann das zeitdiagnostisch interpretieren als Antworten auf die großen Umbrüche und Verunsicherungen, die uns allen den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheinen. Aber muss das unbedingt ein dermaßen auf Emotionen getrimmtes, unterkomplexes und so ungeheuer didaktisches Kino sein? Beispielhaft hierfür sei „Josephine“ genannt, ein Vergewaltigungsdrama, in dem ein achtjähriges Mädchen einzige Zeugin dieses Verbrechens wird. Ein interpretatorisch komplett geschlossener Film, mit hoch erhobenem Zeigefinger. Die Message ist so klar wie der Film simpel. Ähnliches gilt auch für „A Voix Basse“ über eine junge Frau, die mit ihrer Geliebten nach Tunesien zu einer Beerdigung fährt und dort ihr Liebesleben aufdecken muss, oder „,Kurtulus“, der anhand von Stammesfehden gleich das universell Böse der Menschheit zu (er)klären versucht.
Interessant auch, wer sich diesen auf Konsens und Understanding getrimmten Mustern versagt, wird gern ignoriert oder niedergemacht. Sobald etwas schwieriger, kryptischer oder sperriger ist, bleibt die „Architektur des Herzens“ auf der Strecke bzw. die Bereitschaft, etwas zu verstehen, das sich nicht sofort erschließt. Sei es Angela Schanelec, die mit ihrem Wettbewerbsbeitrag „Meine Frau weint“ auf viel Widerwillen stieß, oder Eva Trobisch, die mit ihrem Film „Etwas ganz Besonderes“ durchaus einen eigenen Stilwillen bewiesen hat.
Ich frage mich auch, wie sich Sehgewohnheiten oder Kritik an ästhetischen Kriterien verändert haben. Bezüglich Dramaturgien oder Figuren, die häufig einfach verschwinden, bezüglich Auflösungen von Szenen, ja sogar bezüglich der Frage, wie ein Film endet (“Gelbe Briefe“). Und die Bilder? Auffallende Kamerabewegungen, die Arbeit mit Tiefenschärfen, mit Licht - irgendetwas, das künstlerisch auffallend, gewagt, ungewöhnlich oder irritierend wäre? Weitestgehend Fehlanzeige. Wenn weder Dialoge noch Bilder funktionieren, weil sie schlicht keine Aussage haben, dann wird über die Leerstellen „geklimpert“ und „gefidelt“ was das Zeug hält - auch und vor allem im diesjährigen Gewinnerfilm „Gelbe Briefe“. Das scheint aber niemanden groß zu irritieren, Hauptsache die (politische) Message stimmt.
Wo also lebte das Kino?
Zum Beispiel in „London“, dem zwischen dokumentarisch und fiktional changierenden Film des österreichischen Regisseurs Sebastian Brameshuber (Panorama). Hier konnte man eindrücklich verfolgen, wie mit einer scheinbar schlichten Grundidee, tollen Darstellern und vor allem einer subtilen Dramaturgie all das eingelöst wird, was die großartigen Worte von Wim Wenders gemeint haben könnten.
Der 72-jährige Bobby, der vom Typ her fast wie ein Bruder von Klaus Lemke wirkt, nimmt auf seinen Autofahrten von Wien nach Salzburg Fremde mit, um Spritkosten zu sparen.
So lernen wir, quasi mit ihm, die unterschiedlichsten Menschen kennen: unter anderem einen jungen Mann, der an seinem anstehenden Militärdienst zweifelt, ein Mädchen, das von seiner Flucht aus der Ukraine erzählt, einen engagierten Wissenschaftler, der sich mit der NS Autobahngeschichte beschäftigt und über Brückenbau doziert, oder eine queere Aktivistin, die sich auf ihre baldige Hochzeit freut. Die Gespräche kreisen um Alltägliches, um Politisches und um Existentielles. Denn irgendwann erfährt man auch den traurigen Grund für Bobbys Fahrten. Es wird gesprochen und geschwiegen – ganz ohne Musik! Wie dergestalt in einem abgeschlossenen Raum ein mobiler Treffpunkt entsteht, ein „Spiel“ zwischen Anonymität und Nähe, zwischen Fremdem und Vertrautem, ist faszinierend konstruiert und perfekt umgesetzt.
Privates und Politisches wird hier auf eine so sanfte und kluge Art verbunden. Kleine und große Dramen in Worten und Gesten setzen sich zu einem vielgestaltigen Portrait zusammen, das Auskunft über den Zustand des heutigen Europas gibt. Ganz ohne Didaktik, inhaltliche Engführung, oder eindeutige Botschaft, sondern subtil, polyphon, gleichermaßen schlicht wie bescheiden in den Mitteln, dabei aber hoch artifiziell. Das ist wirklich poetisches, feines Kino - Kino at its best.








