Gestaltung umgibt uns. Vom Teelöffel über das Auto bis hin zur Bushaltestelle: Jedem Teil unseres Alltags geht ein Designprozess voraus. Die Ausstellung Gestalten für Berlin zeigt, wie gerade die Kunsthochschule Berlin-Weißensee den Alltag in der Hauptstadt bis heute prägt.
2026 ist ein Jubiläumsjahr für die Kunsthochschule, die 1946 im Osten Berlins gegründet wurde. Besonders in der DDR wurde das Gestalten von Studierenden und Absolvent*innen im Stadtraum sichtbar. Entwürfe für die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz, der Schriftzug für das Kultkino International sowie Plakatentwürfe etwa für die Berlinale und die Volksbühne spüren dem Einfluss der Kunsthochschule im Berliner Alltag nach.
In der Zeit nach dem Krieg ging es dabei vor allem um zwei Dinge: den Wiederaufbau nach der Zerstörung sowie die Neugestaltung einer Stadtidentität in der Sowjetischen Besatzungszone. Dafür sollte gezielt ausgebildet und gestaltet werden.
Im Kontrast zum Traditionsreichtum und der gefühlten Verkopftheit einer Kunstakademie empfanden sich die Studierenden in Weißensee als die „Angewandten“. Sie setzten in der Praxis des Alltags an. Dabei waren alle Künste der Architektur — der Lebenswelt des Menschen — untergeordnet.

Diese Haltung mag für manche besuchende Person vertraut klingen. Tatsächlich floss nach Gründung der Schule das Blut der Moderne durch ihre Adern; das Erbe des Bauhauses spielte mehr als nur eine anekdotische Rolle. Von 1950 bis 1952 war der niederländische Architekt und Designer Mart Stam Direktor der Hochschule Berlin-Weißensee. Schon Ende der 1920er-Jahre war er Gastdozent für Städtebau am Bauhaus in Dessau. Von ihm stammt die Einführung des Grundlagenstudiums, das bis heute eine Besonderheit der Ausbildung in Weißensee ist und an den Vorkurs am Bauhaus erinnert.
Das Anwenden in Alltagsbereichen bleibt — so zeigt die Ausstellung klar und deutlich — auch heute wichtig für Studierende und Ehemalige. So findet sich zwischen Fernseherentwurf der späten 1950er-Jahre und Motorroller aus den 60ern etwa das Modell einer Solarstation (2022)und ein formschöner Heizkörperentwurf (2023).

An der hintersten Rückwand der Ausstellung steht zwischen groß aufgezogenen Fotografien ehemaliger Studierender ein unauffälliger Holzstuhl aus den Ateliers der Hochschule. Dieser erinnert nicht nur an seinen Entwerfer Mart Stam, sondern auch an alle angehenden Gestalter*innen, die bis heute auf ihm gesessen, gearbeitet und designt haben.
Die Ausstellung setzt solche „Türen“ in Studienalltag und -historie bewusst ein, um ein umfangreiches und persönliches Bild der Hochschule und ihrer Protagonist*innen zu zeichnen. Besonders immersiv ist eine Bild-Ton-Collage, die von der Absolventin Caroline Lei 2026 erarbeitet wurde und Erzählfragmente von Studierenden vor der Geräuschkulisse der Hochschule in den Ausstellungsraum transportiert.
Die Gestaltung der Ausstellung lässt neben Objekten, künstlerischen Arbeiten, Gestaltungsentwürfen und Archivmaterial auch Raum für interaktive Elemente. Innerhalb der Räume entsteht während der Laufzeit ein Archiv aus Besucher*innenstimmen, die die Möglichkeit haben, auf gelben Zetteln eigene Gedanken zur Kunsthochschule und zum Gestalten in Berlin zu Papier zu bringen. Was in Berlin besser gestaltet werden könnte? Na, „U-Bahn-Interieurs wieder in Holzoptik“, fordert jemand — weil dann „alle bessere Laune hätten“.
Während diese Sammlung an Meinungen und Haltungen entsteht, weist eine Texttafel in der Nähe darauf hin, dass die Hochschule Weißensee kein eigenes Archiv hat und dass so bis heute viele Ideen und Geschichten verloren gehen. Das Gedächtnis der Schule liege somit in den Händen passionierter Einzelpersonen, die sich um den Erhalt und die Aufarbeitung der Institutionsgeschichte bemühen. Die Ausstellung macht sichtbar, wie viel dieser Geschichte im Alltag von uns Berliner*innen steckt.
Gestalten für Berlin.
Design aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee
6. April 2026 – 22. Februar 2027
Öffnungszeiten:
Donnerstag – Montag, jeweils 12 – 19 Uhr
Dienstag und Mittwoch geschlossen
Werkbundarchiv
Museum der Dinge
Leipziger Straße 54
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