Ingrid Wiener, Schneidebrett mit LIppen, 2025, Wolle, Seide, Baumwolle, 34 x 48 cm. Courtesy the artist and Galerie Barbara Wien, Berlin. Photo: Nick Ash

Vor der Kulisse einer tiefverschneiten kanadischen Landschaft singt eine dunkelhaarige Frau mit einer Krücke das Lied „Northwest Passage“ von Stan Rogers. Musikalisch begleitet wird Ingrid Wiener - die Protagonistin - von zwei Männern auf Schneeschuhen. Das gleichnamige Video wurde 1988 am Yukon River in Kanada gedreht. Hier lebte die Web- und Videokünstlerin 1985-1992 mit dem Schriftsteller und Kybernetiker Oswald Wiener.
In den 70er Jahren entwickelte sich zwischen Ingrid Wiener und dem Aktionskünstler Dieter Roth eine intensive Zusammenarbeit. Die Künstlerin fand zu ihren exzeptionellen Gobelins, deren Technik sie 1964 an der Höheren Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie in Wien erlernt hatte. Beim Ideenaustausch mit Roth entstanden Wandteppiche, die nichts mit der traditionellen Webkunst zu tun haben. Vielmehr sind es feinseidene und wollene Collagen mit den unterschiedlichsten Motiven. Eins dieser Gemeinschaftswerke ist als historisches Ausstellungsposter von 1986 zu sehen (das Original befindet sich im MOMA). Ingrid Wiener hat hier die Figur Dieter Roths in eine Struktur aus Ornamenten, einem kleinen Landschaftsbild, Ateliergegenständen, Bilderrollen, Lattengerüsten und Kisten „eingewebt“.

Responsive image
Ingrid Wiener, Gehirn, 2025, Wolle, Seide, Baumwolle, 77 x 58 cm. Courtesy the artist and Galerie Barbara Wien. Foto: Nick Ash

Die Ausstellung Gobelins, Films and Dreams zeigt eine Auswahl von Wieners Webarbeiten der 1990er Jahre bis heute. Es gibt die kleinen Automatic Weavings aus Wolle, Seide und Baumwolle von 1995, deren Fantasieformen sich in rotbraune, zartblaue und zartgelbe Bäume, Berge, Flüsse, Gletscher und Seen verwandeln. Ein winziger schwarzgrauer Vogel fliegt am Himmel. Das großformatige Gobelin Plumbing von 2020 lässt wiederum in das Innere des Badezimmers der Familie Wiener schauen, wo sich braune, beige, schwarze und taubenblaue Rohre, Kabel und Holzverstrebungen ein Stelldichein geben. Auf 2025 gewebten Schneidebrettern aus der Küche schweben Lippen und ein Frosch mit einem Fisch. Das Werk Aorta von 2023 bündelt rote Blasen, gelbe Sehnen, Zellen, Wucherungen und weiße Knochen zu einem Totem auf schwarzem Grund. Das Gehirn von 2025, das auf das Bild eines Kopfscans zurückgeht, hat die Gestalt eines leuchtend rotgelbweißen Schalentiers.

Wieners Schaffen widmet sich einer träumerisch-paradoxen Realität, die wohl durch die Mythenwelt der Goldgräber und Ureinwohner in ihrer Wahlheimat in Dawson City im Yukon-Territorium noch verstärkt wurde.

In den 1990er Jahren tauchte die Künstlerin tief in die eigene Traumwelt ein, um fantastisch-filigrane und humorvolle Zeichnungen hervorzubringen. Darauf sind auch die Träume in Worte gefasst, u.a. der vergebliche und qualvoll geträumte Versuch, Kunstwerke per Computer zu senden. Kann man Bilder träumen? fragte sich die Künstlerin und zeichnete einen Salatkopf mit Ameisen - nicht zuletzt als Diskussionsbeitrag mit ihrem Mann, der die Bildhaftigkeit von Träumen anzweifelte.

Responsive image
Ingrid Wiener in der Küche des „Exil“, Berlin ca. 1974. Courtesy the artist and Galerie Barbara Wien, Berlin. Foto: Renate von Mangold

In den 1970er Jahren, als Ingrid und Oswald Wiener mit Michael Würthle das legendäre Berliner Restaurant Exil unterhielten und die Künstlerin Prominente aus aller Welt bekochte, entstanden Plattenaufnahmen. Zusammen mit einem Chor singt sie alte Lieder, wobei sie auf einer der LPs von einer zweiten Frauenstimme begleitet wird. Es ist die ihrer Freundin und Kollegin Valie Export, die kürzlich verstarb. Wie ein kleiner spiritueller Gruß weht der Gesang durch die Galerie Wien und diese sehenswerte Ausstellung.

Ausstellung:
Ingrid Wiener
Gobelins, Films and Dreams

Ausstellungsdauer:
1. Mai bis 1. August 2026

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Samstag 12 – 6 Uhr

Barbara Wien
gallery & art bookshop
Schöneberger Ufer 65
10785 Berlin
+49 30 28385352
www.barbarawien.de