Mit der DOXUMENTALE erlebt Berlin derzeit ein gleichermaßen vielseitiges wie offenes Festival. Bis zum 7. Juni werden an verschiedenen Orten/Kinos der Stadt internationale Dokumentarfilme gezeigt und damit ein Genre unterstützt, welches zunehmend an Aufmerksamkeit, Konzentration und Förderung verliert. Darüber hinaus bietet die DOXUMENTALE ein breites Spektrum an Lesungen, Gesprächen, Podcasts, Games und Workshops.
„Female Lens“ markiert in diesem Jahr den zentralen Themenschwerpunkt. Vom iranischen Exil bis zu jamaikanischen Gerichtssälen, von kenianischen Fernstraßen bis zu New Yorker Mülldeponien – in diesen Filmen haben ausschließlich Regisseurinnen ihre Geschichten geschrieben und verfilmt. Erfreulicherweise stehen auch zwei Künstlerinnen auf dem Programm, die zu den ersten deutschsprachigen feministischen Filmemacherinnen gehören und vermutlich einem jüngeren Publikum kaum bekannt sind.
Die Schweizer Filmemacherin Gertrud Pinkus ist mit „Das höchste Gut einer Frau ist ihr Schweigen“ (1979/80) vertreten. Ein doppelbödiger und humorvoller Film über das Leben einer italienischen Migrantin in den 1970er Jahren in Frankfurt, die jedoch ablehnte, selbst vor die Kamera zu treten. Wie die Regisseurin mit diesem Problem fertig wurde, soll hier nicht verraten werden. Mit „Ich denke oft an Hawaii“ (1978) wird auch an die wunderbare Elfi Mikesch erinnert, die nicht nur Kamerafrau von Rosa von Praunheim, Werner Schröter, Monika Treut u.v.a.m. war, sondern auch eigene Filme gedreht hat. Inspiriert von der Camp-Ästhetik amerikanischer Undergroundfilme erzählt sie in „Ich denke oft an Hawaii“ semi-dokumentarisch von einer Familie zwischen Kreuzberg und Gropiusstadt. Ein Berlin-Film, der wirkt wie aus der Zeit gefallen, andererseits aber hochaktuell ist.
Die folgende Film-Empfehlung ist angesichts der vorangegangenen Zeilen etwas „schräg“. Denn in „OHO“ geht es ausschließlich um die Kunst von Männern. Einzige Ausnahme sind die Kommentare der international bekannten serbischen Performance-Künstlerin Marina Abramović. Sie erzählt - in dem Film des slowenischen Regisseurs Damjan Kozole - wie sehr sie von dem beeindruckt und inspiriert war, was die Künstler, die unter diesem Label agierten, in den 1960er Jahren in der Slowakei gedacht und geschaffen haben.

„OHO“ war eine Gruppe junger, kongenialer Dichter, bildender Künstler und Filmemacher (Marko Pogacnik, Iztok Geister, Marjan Ciglic, Andraz Salamun, David Nez u.a.), die über alle Genregrenzen hinweg Kunst in völlig neuen Kategorien und Zusammenhängen dachte. Ihre Arbeiten waren eine Mischung aus Body-Art, Performances, visueller Poesie, Arte Povera und Happenings. Verrückt, humorvoll, ungewöhnlich und tiefsinnig war das, was sie produzierten. Innerhalb des kommunistischen Ostens gleichermaßen mutig wie provokant.
Der Name „OHO“ basiert auf einer von der Gruppe erfundenen Wortbildung, welche sich im Slowenischen aus Oko (Ohr) und Uho (Ohr) zusammensetzt. Aber OHO ist auch ein Laut, welcher Verwunderung und Erstaunen zum Ausdruck bringt. Und genau das wollten diese Künstler: die Welt neu und anders sehen! Ihr Programm nannten sie „Reismus“, von res gleich das Ding. Dabei ging es um die Aufhebung von Subjekt-Objekt-Relationen, um die Transformation dessen, was „nur“ als Ding, Pflanze, Tier oder Objekt bezeichnet wird. OHO agierte gegen hierarchische Strukturen, normative Werte und Vorstellungen, gegen ein anthropozentrisches Denken, gegen Ideologie und Dogmatismus; stattdessen setzten die Künstler auf Kollaboration, Synergie und Vitalität. Kein Wunder, dass die ex-jugoslawischen Obrigkeitsorgane zahlreiche Aktionen und Publikationen zu verhindern wussten und mit psychiatrischer Internierung drohten. Doch OHO überlebte bis in die frühen 1970er Jahre - nicht zuletzt vielleicht auch, weil es ein funktionierendes Künstlerkollektiv war.
Dem Regisseur und Drehbuchautor Damjan Kozole gelingt es, die Geschichte und Dynamik dieser einzigartigen osteuropäischen Künstlergruppe zu reanimieren. Mit Hilfe von Fotografien und bisher noch nie gezeigtem 8-mm-Filmen – welche die damaligen Aktionen dokumentieren – und durch aktuell eingesprochene Kommentare der Protagonisten gelingt ihm eine absolut faszinierende Montage. Eine hierzulande eher unbekannte Künstlergruppe erfährt so eine erneute, verspätete Aufmerksamkeit und längst überfällige Würdigung. Gleichzeitig ist der Film aber auch ein Ausflug in die osteuropäische Kulturgeschichte, in der es vermutlich noch mehr zu entdecken gibt.
Am 1. Juni / 19 Uhr ((Il Kino) und 2. Juni / 18:30 Uhr (Acud Kino) ist David Nez, einer der Gründer von OHO, für Q + A anwesend.
Außerdem sind 18 der über 50 Filme der DOXUMENTALE für je 5 Euro bis zum 30. Juni abrufbar.








