Raumansicht 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung: Jörg Mandernach, The Mother of Mothers of Inventions, 2026, Detail, Foto: art-in-berlin

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„Was ist das Neue? Und wie kommt es in die Welt?“ Mit dieser existenziellen Fragestellung empfängt die 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung ihre Gäste im Lausitzer Barockschloss Altdöbern. Es sind Impulse, die ein breites Feld philosophischer, kunsttheoretischer und künstlerischer Diskurse eröffnen. Die „Kunst des Überschreitens“ – so der programmatische Ausstellungstitel – setzt in diesem Zusammenhang einen ersten Anhaltspunkt. Die bereits zum zweiten Mal unter der Kuratorenschaft von Christoph Tannert stattfindende Ausstellung präsentiert 16 internationale Künstlerinnen und Künstler, die allesamt ihr Debüt bei Rohkunstbau* geben.

Das Neue in dieser Ausstellung sucht man vergebens im skandalösen Tabubruch; es artikuliert sich vielmehr im leisen, präzisen Überschreiten etablierter Systemgrenzen. In den historisch aufgeladenen Räumen des Barockschlosses Altdöbern zeigt die Ausstellung keine radikalen Schnitte, sondern subtile Transformationsprozesse zwischen Natur und Technik, Analogem und Digitalem, singulärer Autorenschaft und kollektiver Kollaboration. Es geht um Verschiebungen, die einen erweiterten Blick auf die Gegenwart ermöglichen und sich oft erst auf den zweiten Blick offenbaren.

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Raumansicht 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung: Klaus Elle, Das große Welttheater - Die Statisten, 2023, Detail, Foto: art-in-berlin

Wie eine solche Grenzüberschreitung ästhetisch produktiv wird, zeigt sich exemplarisch bei Klaus Elle: Seine Installation „Das große Welttheater – die Statisten“ (2023) fügt passgenau sich in die vergangenheitsträchtige Architektur ein. Zugleich bricht es die Grenze zwischen skulpturaler Setzung und medialem Archiv auf: Ein metallenes Gerüst trägt vier Holzregale, in ihrer Mitte ein rotierender Trog, der wie eine Radarschüssel auf Signale aus dem globalen Äther zu warten scheint. Diese technoide Geste wird mit dem analogen Bildgedächtnis unserer Epoche konfrontiert. In den Regalen schichten sich in Dreierreihen 74 ausgeschnittene Porträtfotografien – das visuelle Personal unserer Zeit: von Königin Elisabeth über Obama und Trump bis hin zu Greta Thunberg und den tonangebenden „Tech-Bros“ des Silicon Valley. Das Überschreiten vollzieht sich als Angleichung: Prominenz wird zum Archivmaterial, zu stummen Statisten, das weltpolitische Theater zur mechanischen Versuchsanordnung.

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Raumansicht 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung: Anne Wenzel, Damaged Goods (Bust), 2013/2025, Detail, Foto: art-in-berlin

Während bei Elle die Mächtigen der Gegenwart im Medienarchiv nivelliert werden, markieren andere Arbeiten das Neue über die Dekonstruktion des Alten. Dies zeigt sich überzeugend in den Keramikbüsten von Anne Wenzel. Unter dem bezeichnenden Titel „Damaged Goods“ präsentiert sie vermeintliche Denkmäler historischer Persönlichkeiten – Monumente, die einst unser Geschichtsbild prägten. Bei Wenzel sind die Skulpturen zutiefst zerklüftet; ihre Oberflächen wirken fast verflüssigt und scheinen das schleichende Abschmelzen von Geschichte selbst zu versinnbildlichen. Die Arbeiten werfen die hochaktuelle Frage auf: Was bedeuten uns diese Statuen noch, wenn wir sie nicht mehr bedingungslos als Helden betrachten? Das Überschreiten vollzieht sich hier als Revision des kollektiven Gedächtnisses.
Auch in anderen Medien wie in der sehenswerten Videoarbeit „Dial H-I-S-T-O-R-Y“ von Johan Grimonprez wird die kollektive Vorstellungskraft hinterfragt: Beunruhigendes Material quer durchs letzte Jahrhundert, zusammengestückelt aus Naturkatastrophen, Flugzeugabstürzen, politischem Terror. Zwischen Dokumentation und Fiktion entsteht ein dichtes Netz aus einer Vielzahl von Realitäten, die sich einer eindimensionalen Erzählung verweigern.

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Raumansicht 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung: Erez Israeli, Schädel, 2026, Detail, Foto: art-in-berlin

Verstörendes bricht sich in der Ausstellung immer wieder auch im Gewand des Surrealen und Absurden Bahn. So etwa bei Paloma Varga Weisz, aus deren monumentalem, geschlossenem Eichenholzfass Kinderbeine ragen – eine irritierende Chiffre, mit der die Künstlerin auf die Ausbeutung durch Kinderarbeit im Weinbau des 19. Jahrhunderts anspielt. Oder bei Erez Israeli, der inmitten der barocken Kulisse einen monumentalen Totenschädel aus rumänischen Wollteppichen und Styropor platziert. Das traditionelle Memento-Mori-Motiv erfährt hier durch das Material eine eigenwillige Brechung. Die zwei knallroten Quasten, die aus dem Schädel ragen, lassen sich als Verweis auf das Judentum lesen – ein für Israelis Arbeit typischer Rekurs, der Fragen nach Identität, Terror und Religionsfreiheit in die geschichtsträchtigen Räume des Schlosses trägt.

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Raumansicht 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung: Paloma Varga Weisz, Ohne Titel (Kleines Fass), 2012, Detail, Foto: art-in-berlin

Einen weiteren, das Thema der Transformation besonders feinsinnig zuspitzenden Akzent setzt Jörg Mandernachs Rauminstallation „The Mother of Mothers of Inventions“. Die Arbeit – ein dynamisches Zusammenspiel aus scherenschnittartigen Trickfilmprojektionen, Mobiles aus Kartonschnitten und einer eigens komponierten Musik – versetzt den Ausstellungsraum durch zusätzliche Lichtreflexe in atmospärische Unruhe. Die filigranen Mobiles rufen dabei die Assoziation von Gebärenden (Mothers) hervor. Der Titel selbst verweist auf Frank Zappa und dessen Philosophie der radikalen Improvisation als Geburtsstunde des Neuen. Bei Mandernach wird der Raum zum Transitort: Fragmente der Außenwelt passieren die Innenwelt des Künstlers und verwandeln sich in Poesie. Es ist ein Plädoyer für die transformative Kraft der Kunst, ganz im Sinne Mandernachs: „Die Macht des Poetischen macht uns aus, sie lanciert die Macht des Faktischen.“

Am Ende lässt die 31. ROHKUNSTBAU-Ausstellung ihre Besuchenden mit der Erkenntnis zurück, dass das Überschreiten in der aktuellen Kunst durch subversive Verschiebungen verhandelt wird. Die hier betrachteten Positionen können dabei nur einen Ausschnitt abbilden: Die Ausstellung vereint noch eine Vielzahl weiterer, sehenswerter künstlerischer Ansätze, die das Thema der Grenzüberschreitung jeweils eigenständig und facettenreich ausleuchten. Es ist genau dieses dichte Nebeneinander aus historischen Brüchen, politischen Realitäten und poetischen Freiräumen, das den diesjährigen Rohkunstbau zu einem lohnenden und vielstimmigen Diskursraum macht.

*Zeitgenössische Kunst in verfallenden oder fast vergessenen Kulturstätten in ländlichen Regionen Brandenburgs aufzuwerten, ist die Idee, aus der die Ausstellungsreihe Rohkunstbau 1994 geboren wurde. Der erste Rohkunstbau fand in einer für die DDR-Arbeiterfestspiele Ende der achtziger Jahre gebauten, aber nie fertiggestellten Betonhalle in Groß Leuthen statt, die durch die Wende ein Rohbau blieb – woher der Name Rohkunstbau kommt. (In einem der Ausstellungsräume ist zur Geschichte von Rohkunstbau ein interessanter 20-minütiger Film zu sehen.) Seit zwei Jahren ist nun das Barockschloss Altdöbern Austragungsstätte.

Mit Werken von Silvina Der Meguerditchian (ARM/ARG), Klaus Elle (D), Denise Flamme (D), Andros Foros (CZ), Matthias Garff (D), Christina Glanz (D), Johan Grimonprez (B), Manaf Halbouni (SYR/D), Erez Israeli (IL), Jörg Mandernach (D), Tra My Nguyen (VIE), Viktor Petrov (BUL), Paloma Varga Weisz (UNG/D), Kateřina Vincourová (CZ), Ulrich Vogl (D), Anne Wenzel (NL/D).

31. ROHKUNSTBAU im Schloss Altdöbern
13. Juni 2026 – 1. November 2026
www.rohkunstbau.net

Schloss Altdöbern
Am Park 3, 03229 Altdöbern
(Lausitz/Brandenburg)

Öffnungszeiten: Fr 13.00–18.00 Sa/So 12.00–18.00
Feiertagsöffnung: 12.00–17.00
Öffnungszeiten Oktober: Fr 13.00–17.00 Sa/So 12.00–17.00

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Subtle Shifts: A Search for the New at Altdöbern Baroque Palace
(Carola Hartlieb-Kühn)

“What is the new? And how does it enter the world?” With this existential question, the 31st ROHKUNSTBAU exhibition welcomes guests to the Lusatian Baroque palace of Altdöbern. These are impulses that open a broad field of philosophical, art-theoretical, and artistic discourses. The “Art of Transgression” – as the programmatic title of the exhibition suggests – provides an initial point of reference. Curated for the second time by Christoph Tannert, the exhibition presents 16 international artists, all of whom are making their debut at Rohkunstbau*.

One seeks the new in this exhibition in vain through scandalous taboos; rather, it articulates itself in the quiet, precise transgression of established systemic boundaries. In the historically charged rooms of Altdöbern Baroque Palace, the exhibition shows no radical cuts, but rather subtle transformation processes between nature and technology, the analog and the digital, singular authorship and collective collaboration. It is about shifts that allow for an expanded view of the present and often reveal themselves only at second glance.

How such a transgression becomes aesthetically productive is shown exemplarily in the work of Klaus Elle: His installation “The Great World Theatre – The Extras” (2023) fits seamlessly into the history-laden architecture. At the same time, it breaks down the boundary between sculptural positioning and media archive: A metal framework supports four wooden shelves, in their center a rotating trough that seems to wait like a radar dish for signals from the global ether. This technoid gesture is confronted with the analog visual memory of our era. In the shelves, 74 cutout portrait photographs are layered in rows of three – the visual personnel of our time: from Queen Elizabeth, Obama, and Trump to Greta Thunberg and the influential “tech bros” of Silicon Valley. Transgression takes place as alignment: Prominence becomes archival material, silent extras, the theater of world politics becomes a mechanical experimental setup.

While Elle levels the powerful of the present within the media archive, other works mark the new through the deconstruction of the old. This is convincingly demonstrated in the ceramic busts by Anne Wenzel. Under the telling title “Damaged Goods,” she presents supposed monuments of historical figures – monuments that once shaped our image of history. In Wenzel’s work, the sculptures are deeply fissured; their surfaces appear almost liquefied and seem to symbolize the creeping melting away of history itself. The works raise the highly topical question: What do these statues still mean to us when we no longer regard them unconditionally as heroes? Here, transgression takes place as a revision of collective memory. The collective imagination is also questioned in other media, such as the noteworthy video work “Dial H-I-S-T-O-R-Y” by Johan Grimonprez: unsettling material from across the last century, pieced together from natural disasters, plane crashes, and political terror. Between documentation and fiction, a dense network of a multitude of realities emerges, refusing a one-dimensional narrative.

The disturbing repeatedly breaks through in the exhibition in the guise of the surreal and the absurd. This is the case with Paloma Varga Weisz, from whose monumental, closed oak barrel child legs protrude – an irritating cipher with which the artist alludes to exploitation through child labor in 19th-century viticulture. Or Erez Israeli, who places a monumental skull made of Romanian wool carpets and Styrofoam amidst the Baroque setting. The traditional memento mori motif undergoes an idiosyncratic refraction through the material. The two bright red tassels protruding from the skull can be read as a reference to Judaism – a recourse typical of Israeli’s work, bringing questions of identity, terror, and religious freedom into the historical rooms of the palace.

A further accent, which points up the theme of transformation with particular subtlety, is set by Jörg Mandernach’s room installation “The Mother of Mothers of Inventions.” The work – a dynamic interplay of silhouette-like animation projections, mobiles made of cardboard cutouts, and a specially composed piece of music – puts the exhibition space into atmospheric unrest through additional light reflections. The delicate mobiles evoke the association of those giving birth (Mothers). The title itself refers to Frank Zappa and his philosophy of radical improvisation as the birth of the new. In Mandernach’s work, the space becomes a place of transit: fragments of the outside world pass through the artist’s inner world and transform into poetry. It is a plea for the transformative power of art, very much in Mandernach’s sense: “The power of the poetic defines us; it launches the power of the factual.”

Ultimately, the 31st ROHKUNSTBAU exhibition leaves its visitors with the realization that transgression in contemporary art is negotiated through subversive shifts. The positions considered here can only represent a snapshot: the exhibition unites many more noteworthy artistic approaches that illuminate the theme of transgression in their own independent and multifaceted ways. It is precisely this dense juxtaposition of historical ruptures, political realities, and poetic spaces that makes this year’s Rohkunstbau a rewarding and multi-voiced space for discourse.

*The idea behind the Rohkunstbau exhibition series, born in 1994, was to upgrade contemporary art in decaying or almost forgotten cultural sites in rural regions of Brandenburg. The first Rohkunstbau took place in a concrete hall in Groß Leuthen, built for the GDR Workers' Festivals in the late 1980s but never finished, which remained a shell (Rohbau) due to the reunification – hence the name Rohkunstbau. (An interesting 20-minute film on the history of Rohkunstbau can be seen in one of the exhibition rooms.) For the past two years, the Altdöbern Baroque Palace has served as the venue.