Ian Keaveny aka crash stop: Selbstporträt, 2024 © The artist

Ein Gespräch über Glitch Art, Algorithmen und unsichtbare Zensur mit der Kuratorin Verena Voigt und dem Glitch Artist & Aktivisten Ian Keaveny aka crash stop.
Das Gespräch fand im Rahmen der Veranstaltung GLITCH ART IN THE AGE OF PERFECT CENSORSHIP in der Digitalvilla in Potsdam-Neubabelsberg, Hedy-Lamarr-Platz statt. Der damit verbundene OPEN CALL ist eingebettet in das zweijährige Projekt FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS: COLD FEET – LONG ARMS, gefördert von "Von hier aus Zukunft – Kulturland Brandenburg 2026/2027". Trägerverein ist die Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V., Potsdam. Kuratorisches Konzept: Verena Voigt M.A. & GIANT GLITCHES.


Details zum OPEN CALL (bis 31. August 2026) unter verena-voigt-pr.de/gfzk-ev/. Die nächste Veranstaltung findet am 23. Juli statt.

Verena Voigt (VV)
Ian, Dein Video-Essay Meta – Requiem for a Dream begann mit einer sehr konkreten Erfahrung: einer Serie von Glitch-Arbeiten, die wiederholt von Metas Moderationssystemen markiert wurden. Was ist passiert?

Ian Keaveny (IK)
Wie viele Künstler bin ich auf soziale Plattformen angewiesen, um meine Arbeiten zu teilen, Netzwerke aufzubauen und sichtbar zu bleiben. Für Glitch Artists gilt das in besonderem Maße, weil ein großer Teil unserer Arbeiten primär online existiert. Was meine Aufmerksamkeit erregte, war die zunehmende Zahl von Arbeiten, die plötzlich markiert, verborgen oder in ihrer Sichtbarkeit eingeschränkt wurden. Einige wurden als Nacktheit oder sexuelle Inhalte eingestuft, obwohl sie nichts dergleichen enthielten. Zunächst dachte ich, es handele sich um Einzelfälle. Mit der Zeit wurde jedoch ein Muster erkennbar.

VV
Einer der zentralen Fälle in Deinem Essay ist die Arbeit von Maelle Lencot.

IK
Ja. Im Oktober 2024 veröffentlichte Maelle eine Glitch-Arbeit in der Facebook-Gruppe Glitch Artists Collective. Meta stufte die Arbeit als Verstoß gegen die Richtlinien zu Nacktheit und sexuellen Handlungen ein. Das Bild enthielt keinerlei Pornografie. Trotzdem wurde die Arbeit entfernt und Sanktionen wurden verhängt. Noch wichtiger war jedoch, dass die Maßnahme den Status des Glitch Artists Collective selbst beeinträchtigte – einer Community mit fast 100.000 Mitgliedern. Der Vorfall machte deutlich, dass die Folgen eines algorithmischen Fehlers weit über ein einzelnes Kunstwerk hinausreichen.

VV
Was mich als Kuratorin besonders beschäftigt hat, war der Widerspruch, der darauf folgte. Meta räumte später ein, dass die Entscheidung falsch gewesen war, und stellte die Arbeit wieder her. Dennoch blieben einige der Einschränkungen für die Gruppe bestehen.

IK
Genau. Das System erkannte seinen Fehler an, aber die Folgen dieses Fehlers bestanden weiterhin fort. Es war, als könnten die verschiedenen Teile des Systems nicht miteinander kommunizieren.

VV
In Deinem Essay kehrst Du immer wieder zu der Aussage zurück, dass Sichtbarkeit selbst politisch geworden ist.

IK
Weil Inhalte heute nicht mehr entfernt werden müssen, um zensiert zu werden. Meta räumt offen ein, dass bestimmte Inhalte in ihrer Verbreitung eingeschränkt werden. Arbeiten können herabgestuft, seltener angezeigt oder weniger häufig empfohlen werden. Für Künstler ist Sichtbarkeit alles. Ein Werk muss nicht verschwinden. Es reicht, wenn es schwer auffindbar wird.

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Ian Keaveny aka crash stop: Content List, November 2024 © The artist

VV
Was ich daran besonders interessant finde, ist, dass viele Künstler inzwischen gar nicht mehr wissen, ob sie es mit Zensur, einem algorithmischen Fehler oder schlicht mit sinkender Sichtbarkeit zu tun haben. Der Prozess selbst ist intransparent geworden.

IK
Und genau diese Intransparenz erzeugt Selbstzensur. Künstler beginnen, Moderation vorauszuahnen. Sie verändern Bilder, vermeiden bestimmte Themen oder veröffentlichen bestimmte Arbeiten gar nicht mehr. Der Algorithmus muss Künstler nicht ausdrücklich verbieten. Es genügt, sie dazu zu bringen, sich selbst zu kontrollieren.

VV
Ein Aspekt, den ich besonders spannend finde, betrifft die Beziehung zwischen Glitch Art und maschinellem Sehen. Glitch Art erzeugt bewusst Ambiguität. Sie bewegt sich zwischen Kategorien. Sie verwischt die Grenzen zwischen Körpern, Architektur, Abstraktion und digitalem Rauschen. Könnte es sein, dass Glitch Art die Schwächen dieser Moderationssysteme sichtbar macht?

IK
Ich glaube, genau das geschieht. Algorithmen lernen aus früheren Entscheidungen. Wenn Glitch-Arbeiten wiederholt fehlklassifiziert werden, beginnt das System möglicherweise, seine eigenen Fehler zu verstärken. Jede falsche Klassifikation wird zu zusätzlichem Trainingsmaterial für zukünftige Klassifikationen. Das Ergebnis ist eine Feedback-Schleife. In diesem Sinne legt Glitch Art möglicherweise etwas Grundlegendes darüber offen, wie diese Systeme die Welt wahrnehmen.

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Ian Keaveny aka crash stop: Requiem for a Dream, 2024 © The artist

VV
Und damit kommen wir zu einer weiterreichenden Frage. Es geht längst nicht mehr nur um Kunst. Wir begegnen ähnlichen Formen automatisierter Entscheidungsfindung heute in Gesichtserkennungssystemen, im Predictive Policing, in der Sozialverwaltung und in Überwachungsinfrastrukturen. Wenn ein System Glitch Art nicht zuverlässig von Pornografie unterscheiden kann, wie zuverlässig ist es dann bei Entscheidungen mit wesentlich gravierenderen Folgen?

IK
Genau. Das Problem ist nicht einfach technisches Versagen. Das Problem ist die enorme soziale und politische Macht, die wir diesen undurchsichtigen Systemen übertragen.

VV
Für mich wird die Diskussion an diesem Punkt besonders europäisch. Was ich an Instagram und anderen amerikanischen Plattformen besonders faszinierend finde, ist, wie stark ihre Vorstellung von Moderation von einem europäischen Verständnis von Kultur, Ambiguität und künstlerischer Freiheit abweicht. Jedes Moderationssystem trägt seine eigene Politik in sich.

IK
Und seine eigenen Vorurteile. Sichtbarkeit wird niemals neutral verwaltet. Die Art und Weise, wie Inhalte gefördert, eingeschränkt oder verborgen werden, offenbart die Werte, Annahmen und Machtstrukturen, die in die Architektur der Plattform eingeschrieben sind.

VV
Dann lautet die wichtigste Frage vielleicht gar nicht, ob Glitch Art Metas Algorithmen zum Glitchen gebracht hat.

IK
Sondern was geschieht, wenn algorithmische Fehler Teil jener kulturellen Infrastruktur werden, durch die Kunst produziert, verbreitet und verstanden wird.

VV
Und was verloren geht, wenn Sichtbarkeit selbst von Systemen kontrolliert wird, die ihre eigenen Entscheidungen nicht erklären können.

IK
Genau das ist die Frage, die wir stellen müssen. Nicht nur als Künstler. Sondern als Bürger.
Sichtbarkeit, Erinnerung und die Erfahrung der Zensur

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Ian Keaveny aka crash stop: Whats living inside of me, Selbstporträt, 2024 © The artist

VV
Für mich hat diese Diskussion noch eine weitere Dimension. Ich lebe und arbeite in Potsdam, in einer Region, die über Jahrzehnte Erfahrungen mit staatlicher Zensur, Überwachung und kultureller Kontrolle gemacht hat. Natürlich sind die heutigen Plattformen nicht mit der DDR gleichzusetzen. Dennoch begegnen wir erneut Systemen, deren Entscheidungen oft intransparent bleiben und deren Kriterien sich dem öffentlichen Verständnis entziehen. In Ostdeutschland wissen viele Menschen aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn Sichtbarkeit kontrolliert wird, wenn bestimmte Stimmen gefördert und andere marginalisiert werden, wenn kulturelle Teilhabe von schwer nachvollziehbaren Entscheidungen abhängt. Deshalb interessiert mich die Frage, welche neuen Formen von Kontrolle wir heute beobachten.

IK
Der Unterschied besteht natürlich darin, dass die heutigen Systeme überwiegend privatwirtschaftlich organisiert sind. Aber die Wirkung kann in bestimmten Situationen ähnlich erscheinen. Wenn Menschen nicht mehr wissen, warum etwas verschwindet, warum etwas sichtbar bleibt oder warum ihre Reichweite plötzlich einbricht, entsteht ein Klima der Unsicherheit. Und Unsicherheit verändert Verhalten.

VV
Genau das ist der Punkt, der mich beschäftigt. In der DDR war Zensur oft sichtbar. Man wusste, dass bestimmte Bücher nicht erscheinen durften, dass bestimmte Ausstellungen nicht gezeigt wurden oder dass bestimmte Positionen politisch unerwünscht waren. Heute erleben wir etwas anderes. Die Mechanismen sind häufig unsichtbar. Die Entscheidungen werden an Moderationssysteme, Algorithmen und automatisierte Prozesse delegiert. Es gibt oft keinen konkreten Ansprechpartner mehr.

IK
Und gerade deshalb wird es schwierig, Verantwortung zuzuordnen. Die Entscheidung scheint von niemandem getroffen worden zu sein. Sie erscheint als technische Notwendigkeit. Aber hinter jedem System stehen Menschen, Institutionen und Interessen.

VV
Für mich ist das eine der wichtigsten Fragen von dem Open Call GLITCH ART IN THE AGE OF PERFECT CENSORSHIP. Wir untersuchen nicht nur einzelne Fälle von Shadow Banning oder Fehlklassifikationen. Wir fragen auch, wie kulturelle Sichtbarkeit organisiert wird und wer darüber entscheidet. Welche Bilder dürfen zirkulieren? Welche Körper werden sichtbar? Welche Formen von Ambiguität werden toleriert? Und welche Formen von Komplexität werden von den Systemen aussortiert?

IK
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, dass wir uns noch immer daran gewöhnen, Plattformen als kulturelle Infrastrukturen zu verstehen. Sie sind längst nicht mehr nur Kommunikationswerkzeuge. Sie sind zu Räumen geworden, in denen Kultur produziert, verbreitet und bewertet wird.

VV
Und deshalb sollten wir dieselben Fragen stellen, die wir auch an Museen, Archive, Medien oder öffentliche Institutionen richten würden: Wer entscheidet? Nach welchen Kriterien? Und wer kontrolliert die Kontrolleure?

IK
Denn am Ende geht es nicht nur um Glitch Art. Es geht um die Zukunft kultureller Öffentlichkeit.

VV
Und um die Frage, wie wir in einer digitalen Gesellschaft Sichtbarkeit, Vielfalt und künstlerische Freiheit verteidigen können. Gerade in Europa und vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen.

Das Projekt GLITCH ART IN THE AGE OF PERFECT CENSORSHIP ist ein Teilprojekt von FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS: COLD FEET – LONG ARMS. Es wird unterstützt von "Von hier aus Zukunft – Kulturland Brandenburg 2026/2027". Kulturland Brandenburg ist gefördert durch Mittel des Landes Brandenburg; mit freundlicher Unterstützung der Brandenburgischen Sparkassen. Veranstaltungsort und Kooperationspartner ist die Digitalvilla – Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik, Projekte & Systeme, Potsdam-Neubabelsberg.