sponsored by


Galerie cubus-m

стыд и красота | Scham und Schönheit

Andreas Fux



Andreas Fux: WMF; 1988; 80x80cm; C-print (color Handabzug); Edition 1/5; courtesy Andreas Fux, Galerie cubus-m


30. Januar – 05. März 2016
Eröffnung: Freitag, 29. Januar 2016, 19 Uhr

Eröffnungsrede von Frank Wagner


cubus-m | Pohlstraße 75 | 10785 Berlin

Der Mann lehnt in einem Türrahmen hoch oben zwischen den Fassaden von Berlin. Weiße Hose, weiße Schuhe, ohne Hemd, ein Kettchen um den Hals verkörpert er eine Jugend, die im Kontrast steht zu den runzeligen, schorfigen Häusern, die seit einem halben Jahrhundert auf Sanierung harren. Sie bedeuten Stillstand, während der junge Mann in eine für uns noch unsichtbare Zukunft blickt.
Heute können wir zurückblicken und sehen die Szenerie mit anderen Augen. Der Stillstand, der damals vielleicht lähmend erschien, hat etwas Versöhnliches und Wehmütiges angesichts jener Zukunft, die dreißig Jahr später auch schon Vergangenheit ist und die die einst ersehnte Sanierung brachte, die alles verändern sollte. Das Bild war damals Lebensgefühl einer neuen Generation, heute ist es historisch.
Von dieser Fotografie zu den aktuellen Studioaufnahmen von Andreas Fux ist es ein langer, aber konsequenter Weg. Den fast zärtlichen und respektvollen Umgang mit dem Gegenüber hat er sich bewahrt, doch die scheue Annäherung ist einem anderen Grundgefühl gewichen, dass sich als kalkulierte Ekstase beschreiben lässt.

Seine Sitzungen, in denen er seine Modelle in sanfte Helligkeit taucht, dauern ganze Nächte, werden akribisch Vorbereitet, gehen in sensibilisierter Hochspannung über die Bühne und folgen einer Dramaturgie, bei der Überraschungen eingeplant sind, auch wenn der Fotograf nebenbei versucht, die Bilder, die ihm vorschweben, Realität werden zu lassen.
„Ich bin ja so gar nicht gläubig, aber diese Treffen haben etwas Heiliges jenseits der Religion.“ Es klingt vielleicht ein wenig pathetisch, wenn Andreas Fux so von den Begegnungen spricht, denen er, in ein wenig nervöser Erregung, entgegensieht, aber das ist in Wahrheit die präziseste Beschreibung dessen, was sich ereignet. Er löst die Menschen aus ihrem Umfeld, stellt sie ´frei` und ist bestrebt, nicht nur den Raum, sondern weitestgehend auch die Zeit aufzuheben. Oft über Jahre begleitet Fux seine Modelle, die sich vor seinem Objektiv verwandeln, altern und die neuen Tätowierungen beiläufig präsentieren. Beiläufig, weil meist weit mehr passiert als nur die Abbildung eines Status quo. Denn die Fotografien sind Ergebnisse von Performances, die nicht nur Bilder, sondern auch Gefühle transportieren wollen und immer wieder den Schritt von der Inszenierung zur Überschreitung der Inszenierung tun, von der Show zur fiebrigen Halluzination. Ihre Kraft liegt im vermeintlichen Widerspruch zwischen der unterkühlten Glätte der Oberfläche und dem Bedürfnis der Modelle, diese zu durchbrechen, um sich zwischen Rausch und Narzissmus ihrer selbst zu vergewissern.

Um die Zeit, in der das Foto vom jungen Mann vor den bröckelnden Fassaden des Berliner Ostens entstand, war Andreas Fux auch in Moskau. Dort entstanden die Bilder für seine erste Publikation ´Die Russen kommen`. Damals, in der Ära Gorbatschow, sah es für einen Moment so aus, als könnte es hier eine aufgeklärte Zukunft geben, in der eine Vielfalt an Denken und Fühlen möglich wäre.



Andreas Fux: god was here (No.1); 2015; 40x49,5 cm; C-print (Handabzug 2015); Edition 2/2; courtesy Andreas Fux, Galerie cubus-m


Dass der Fotograf seine Bilder im September 2015 für seine Ausstellung стыд и красота heimlich ins Land schleusen musste, um sie in Moskau zeigen zu können, macht deutlich, dass es anders gekommen ist. In mancher Hinsicht fühlt er sich erinnert an die Zustände in der DDR der späten 1980er Jahre, wo ein freies Arbeiten nur möglich war, solange man an allen offiziellen Stellen vorbei agierte. Während er nun selbst als Tourist von Berlin aus nach Russland einreiste, gelangten die Fotografien über Zürich nach Moskau, quasi als Schmuggelware. Schließlich könnten sie als Propaganda für ein Anderssein verstanden werden. Und, so könnte man den Eindruck gewinnen, das gegenwärtige russische System hat vor nichts mehr Angst, als vor dem Anderssein.

Am Ende war es nicht, wie vom Künstler befürchtet, der russische Sicherheitsdienst, der die Ausstellung beinahe verhindert hätte, sondern Martin, der Hund des Gastgebers, der in der Nacht vor der Hängung auf die Bilder pisste. Eine schöne, kleine Anekdote, die aber auch nur deswegen erzählt werden kann, weil die Ausstellung in Moskau eben nicht im öffentlichen Raum einer Galerie stattfand, sondern in den geschützten, weil privaten, Räumen eines Freundes.



Andreas Fux: Im letzten Viertel der Nacht, Johannes; 2015; 50x50 cm; C-print (Handabzug 2015); Edition 2/2; courtesy Andreas Fux, Galerie cubus-m


Wenn Andreas Fux die Arbeiten nun in Berlin zeigt, sind die Umstände weitaus weniger brisant als in Moskau. Es mag wenig subversiv und mutig erscheinen, weil ein Künstler hier die Freiheit hat, auch das Anderssein auszustellen und sichtbar zu machen. Und wir als Betrachter haben die Freiheit, die Arbeiten anders einzuordnen, auch weil das Werk von Andreas Fux frei ist von jeglichem didaktischen Impetus. Und doch bringen die Fotografien Ihre Geschichten mit. Sie fordern uns auf, einen Standpunkt zu beziehen, der am Ende auch ein politischer sein muss. Ist die westliche Toleranz manchmal fadenscheinig, so ist die russische Intoleranz zum Kotzen. Es ist notwendig, sich nicht mit Repressionen zu arrangieren, egal wo sie stattfinden. Boris von Brauchitsch

Andreas Fux (* 1964) lebt in Berlin. Seit 1983 arbeitet er mit der Fotografie. Zu DDR Zeiten zeigte Fux seine Arbeiten in privaten Ausstellungsräumen. Das ´Magazin` vom Berliner Verlag hatte 1988 den Mut, Arbeiten von Fux zum ersten Mal in der DDR zu publizieren. Seit der Maueröffnung sind die Fotografien von Andreas Fux in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, unter anderem bei Widmer + Theodoris in Zürich, dem New Yorker Photo Festival, bei Esther Woerdehoff in Paris und in der Pasinger Fabrik in München zu sehen.

стыд и красота ist die dritte Einzelausstellung von Andreas Fux bei cubus-m.

Galerie cubus-m
Inh. Holger Marquardt
Pohlstraße 75
10785 Berlin

Tel: +49 (0)30 81 49 46 90
Fax: +49 (0)30 81 49 46 92
info@cubus-m.com

Öffnungszeiten:
Mi – Fr 14 – 19 h, Sa 11 – 19 h und nach Vereinbarung

Galerie cubus-m






    Berlin Karte Galerie Ausstellungen

    Berlin Daily 19.10.2017
    Galeriegespräch
    19 Uhr: Mike Schlaich im Gespräch mit Anupama Kundoo im Rahmen d. Ausstellung "Building Knowledge, Building Community"
    Architektur Galerie Berlin | Karl-Marx-Allee 96 | 10243 Berlin

    Berlin Daily 19.10.2017
    Künstlerführung und Gespräch
    16 Uhr: im Rahmen der Ausstellung Wildsidewest - Fotografie von Anna Lehmann-Brauns. Moderation Dr. Sabine Ziegenrücker.
    HAUS am KLEISTPARK | Projektraum | Grunewaldstr. 6/7, 10823 Berlin

    Anzeige
    Atelier

    Anzeige
    berlin


    Anzeige Galerie Berlin

    Werkabbildung
    Akademie der Künste / Hanseatenweg




    Anzeige Galerie Berlin

    Werkabbildung
    Kommunale Galerie Berlin




    Anzeige Galerie Berlin

    Werkabbildung
    Urban Spree Galerie




    Anzeige Galerie Berlin

    Werkabbildung
    Galerie im Saalbau




    Anzeige Galerie Berlin

    Werkabbildung
    museum FLUXUS+