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ÜBER WUT - ON RAGE im Haus der Kulturen der Welt

Einspieldatum: 12.03.2010

wut

Wie und wo entsteht Wut? Wie unterscheiden sich ihre Äußerungen in der Welt? Was kann sie nach einem ersten Abstandnehmen und Innehalten im Menschen bewirken? Welchen Einfluss hat sie auf die Alltagswelt? Gibt es gar eine „Kultur der Wut“? Diese Fragen stellt sich die von Valerie Smith kuratierte Ausstellung „ÜBER WUT – ON RAGE“, die vom 14. März bis 9. Mai 2010 im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist. Unterstützt durch ein großes Begleitprogramm, wendet sich die Ausstellung von der üblichen destruktiven Deutung des Phänomens „Wut“ ab, um nach ihrer kreativen Bedeutung zu suchen.

Die Interpretationen der beteiligten internationalen Künstler, wie Wut in kreativ-künstlerische Leistungen umgesetzt, wie sie in Sprache ausgedrückt werden kann, sind vielfältig. Aus ihren Überlegungen sind Installationen, Videos sowie Bilder hervorgegangen, die mit Ausnahme von zwei Werken (Klara Lidéns „Position 0310“ und „On How To Appear Invisible: The Negotiation“ der Künstlergruppe reloading images) in einem einzigen Raum präsentiert werden. Der Besucher betritt den Raum durch Michael Rakowitz´ Installation „May The Arrogant Not Prevail“, die eine Kopie des Nachbaus des Ischtar-Tores unter Saddam Hussein darstellt. Der Titel zeigt, in welche Richtung sich die Wut hier richtet: Er verweist auf den Krieg im Irak und die Plünderungen irakischer Museen. Das Tor selbst steht aber auch für den Einfluss amerikanischer Kultur. Es verweist auf eine gewisse „Hollywoodisierung“ unter Saddam Hussein, wie die Aussteller feststellen, denn die heute im Irak stehende Kopie ist zur reinen Touristenattraktion geworden. Beklebt ist Rakowitz’ Tor zwar mit arabischen Verpackungen, deren „Pepsi“-Aufdruck aber den eigentlich amerikanischen Ursprung verrät.

Wie bei Rakowitz´ Werk wird Wut auch in den anderen Arbeiten nicht als sichtbarer Affekt, nicht als gewaltsamer Ausbruch verarbeitet. Es geht nicht um die Wut eines Einzelnen. Vielmehr stehen meistens die vergangenen und aktuellen Probleme in den Heimatländern der Künstler im Blickpunkt. Beispielsweise in Jimmie Durhams großflächiger Installation „Building A Nation“ wird sie subtil über die Architektur vermittelt. Zusammen genagelte Holzbretter, alte Autotüren und zerbrochene Spiegel sollen in ihrem räumlichen Arrangement an eine Wild-West-Stadt erinnern, die von dem Glauben an die natürliche Überlegenheit des „Weißen“ Nordamerikas erzählt. Zitate über indigene Völker verweisen auf die Gräueltaten in der Vergangenheit und auf die Überlebenskraft von Vorurteilen.

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Im rechten Teil des Raumes werden die übrigen Arbeiten präsentiert. Seher Shah befasst sich ebenfalls mit Architektur: Ihre drei beeindruckenden Zeichnungen hinterfragen vertraute Architekturen, die mit Macht und Autorität assoziiert werden. Regina José Galindo zeigt in einem Video die Extraktion und Präsentation ihres Zahngoldes – eine Anspielung auf koloniale Ausbeutung und deutsche Vernichtungslager, auf grausame Nüchternheit und Gier. Tadeusz Kantor thematisiert in seinen Bildern und der Installation eines fast leeren Klassenzimmers Indoktrinationssituationen. Mit einer Videoarbeit, bei der in ein „Kaffeehausbild“ aus dem Iran eigene Kommentare durch Bilder eingeblendet und so über die Entstehung von Fundamentalismus und Terrorismus reflektiert wird, ist Shoja Azari vertreten.

Diskussionsrunden, Lesungen, Vorträge, Künstlergespräche, das Vermittlungsprogramm „Wuträume“ sowie ein umfangreiches Filmprogramm komplementieren die Ausstellung. Künstler, aber auch Wissenschaftler behandeln aktuell gewordene Fragen nach individuellen und kollektiven Wutausbrüchen, wobei immer wieder die Einbeziehung der Besucher gesucht wird.

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Die Fragestellungen von „ÜBER WUT – ON RAGE“ sind sehr aktuell und Wut als abstraktes Phänomen lässt bereits ahnen, dass seine Interpretationen unterschiedlich ausfallen. Die Vermutung, dass es sich auch bei den ausgestellten Werken ebenso verhält, bewahrheitet sich im Positiven wie im Negativen. Einzelne Werke können für sich genommen überzeugen, doch ihre unglückliche Verortung im Ausstellungskontext erschwert den werkbezogenen Zugang. So büßen viele der Werke einen Teil ihrer Aussagekraft und Wirkung ein. Der ausgelagerte Beitrag der Künstlergruppe reloading images untermauert diesen Eindruck, denn er überzeugt in seiner Isolation umso mehr.
Auf das vielversprechende Diskursprogramm und die Filme darf man dennoch gespannt sein.

Beteiligte Künstler:
AUSSTELLUNG: Shoja Azari (Iran), Jimmie Durham (USA), Regina José Galindo (Guatemala), Tadeusz Kantor (Polen), Klara Lidén (Schweden), Michael Rakowitz (USA), reloading images (Iran/USA, UK, Deutschland, Ägypten), Seher Shah (USA), ifau (Deutschland)

Abbildungen:
- Regina José Galindo, Looting, 2010, © Comissioned by Haus der Kulturen der Welt, Produced by HKW and Prometeo Gallery di Ida Pisani
- Tadeusz Kantor: Klasa szkolna - dzielo zamkniete (The Classroom - Closed Work), 1983-1985. © Maria Kantor, Dorota Krakowska, Collection of Centre for The Documentation of The Art of Tadeusz Kantor CRICOTEKA, Kraków
- reloading images, On how to appear invisible?, The Negotiation, © Courtesy the Artists

Ausstellungsdauer: 14.03. – 09.05.2010

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

Öffnungszeiten:
Mo - So 10 - 19 Uhr 

Ausstellungen: Mi - Mo 11 - 19 Uhr

hkw.de


Teresa Köster


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