(Einspieldatum: 03.02.2012)

Solo für… Dan und Lia Perjovschi in der ifa-Galerie Berlin


Dan Perjovschi, "My Yourope", Bucharest for project intervention at E.U. Parliament Strasbourg, France, and insert in "Revista 22" Bucharest, Romania (detail), 2010

Ausstellungsbesprechung: Alles, was man wissen sollte ...

Für die „Manifesta 2“, 1998 in Luxemburg, gestaltete der rumänische Künstler Dan Perjovschi Zeitungen, die er in Kiosken um das Museum herum verteilte und nicht im Ausstellungsraum. Sein Publikum sollten alle Bürger der Stadt sein, wie Perjovschi sagt. In dieser Aussage manifestiert sich zugleich ein entscheidender Teil seiner persönlichen und künstlerischen Überzeugung.

Dan Perjovschi, 1961 in Sibiu geboren, setzt sich in seinen spontanen, stilisierten, fast comichaften Zeichnungen kritisch und ironisch mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auseinander. Seine Illustrationen in der rumänischen Wochenzeitschrift „Revista 22“ und in einer im Eigenverlag publizierten Künstlerzeitung kommentieren das Weltgeschehen. Zeichnung und Text verschmelzen ineinander und machen den Zugang zu selbst komplexen Themen spielerisch für eine breite und interessierte Öffentlichkeit möglich. Die gezeigte Installation "Daily, Weekly, Monthly"in der ifa Galerie ist eine Retrospektive seiner publizierten Arbeiten aus den vergangenen 20 Jahren.

Mit der Ausstellung "Solo für … Dan und Lia Perjovschi" präsentiert die ifa-Galerie Berlin zwei Künstler, die auf unterschiedliche Weise Bild und Text miteinander verbinden und mit ihrem je eigenen Zugang das Zeitgeschehen kommentieren.

Besonders eindringlich ist Lia Perjovschis großformatige Installation aus Objekten, Mind-Maps, Textfragmenten und Bildern. "Knowledge Museum Kit" ist ein imaginäres Projekt für ein interdisziplinäres Museum. Es zeigt eine Zeitleiste mit einer eigenen, aber formal beschriebenen und sachlichen Weltgeschichte. Sieben Sparten – Erde, Körper, Kultur, Wissenschaft, Universum, Wissen und Kunst – verfolgen das Geschehen und die komplizierten Strukturen der Welt. Die 1961 geborene Rumänin leistet akribischste Detektivarbeit: sie sammelt, archiviert, strukturiert, kommentiert und dokumentiert Weltwissen. Das Ergebnis ist ein exemplarisches, verspieltes und gut recherchiertes Sammelsurium von Kommentaren, Bildern und Objekten über Entdeckungen, Erfindung, Ideen, Konzepten und alles, was man wissen sollte. Es breitet sich über die Wandfläche aus und nimmt den Betrachter mit auf eine Reise in die Vergangenheit: Eine Fotografie zeigt die Erde aus der bisher größten Entfernung, eine andere die bisher gefundenen Galaxien, ein Mind-Map kommentiert bekannte kritische Theorien.
Auch die Kunstgeschichte ist seit der Moderne kommentiert und mit Fotos dokumentiert. Malewitschs Schwarzes Quadrat, Rauschenbergs „White Painting“ und Fontanas perforierte Leinwand hängen als wichtige Einschnitte der jüngeren Kunstgeschichte im Miniformat entlang der Zeitleiste. Aby Warburgs Bilderatlas und André Malrauxs imaginäres Museum sind ein willkommener Vergleich. Wie bei Malraux eröffnet Lias imaginäres Museum durch fotografische Reproduktionen ein interdisziplinäres Feld, das nicht an einen Ort gebunden ist, sich stetig erweitert und eine Auseinandersetzung mit allen Ausdrucksmitteln der Welt ermöglicht.

Faszinierend, verstörend und erheiternd zugleich ist die Ansammlung aus Museumsshop-Objekten: Ein Regenschirm mit aufgedruckten Wolken aus dem MoMA hängt neben einer Flasche mit der skulpturalen Form einer Maria mit Kind. Ein besticktes Täschchen aus dem Haus der Kulturen der Welt erklärt „Economy sucks“, während ein Plastikglobus ohne Land- und Wasserbezeichnungen auffordert, die Welt neu aufzuteilen. Seit 1999 sammelt Lia Perjovschi Objekte, Postkarten und Spiele absurder und neutraler Natur aus europäischen und amerikanischen Museumsshops. Die Auswahl ist keineswegs willkürlich oder wertend, sie entspricht eigenen Kategorien und Vermittlungstheorien, jedes Stück passt, leistet einen Beitrag zur Geschichte.

Das Künstlerpaar verfolgt das Ziel, einem elitären Kunstbetrieb entgegenzuwirken, einen Zugang zur Kunst für alle zu schaffen. Einen Zugang, der keines zwanzigseitigen Decodierungskataloges bedarf. Die Welt und alles, was sie ausmacht, seien keine ausschließlich kryptischen und wissenschaftlichen Inhalte. Und so scheint es nicht verwunderlich, dass eine „Werkstatt“ Teil der Ausstellungspräsentation ist, in die Besucher eingeladen sind zu installieren, zu gestalten, zu diskutieren.

„Solo für …“ nennt das ifa seine Ausstellungsreihe, in der es Künstler präsentiert, die bereits vor Jahren, noch am Beginn ihrer internationalen Karrieren, in den eigenen Räumen vorgestellt wurden. Heute ist das in Bukarest lebende Künstlerpaar gemeinsam oder solo in namhaften internationalen Ausstellungen von der Biennale Venedig bis zum MoMA vertreten.
Sammler, Detektive, Handarbeiter und Liebhaber humoristischer und verspielter Details sind in dieser Ausstellung sehr gut aufgehoben und suchen sie mit großer Wahrscheinlichkeit mehrmalig auf.

Zwei Kataloge, „Dan Perjovschi: Daily, Weekly, Monthly” und „Lia Perjovschi: Knowledge Museum Kit”, begleiten die Ausstellung.

Solo für… Dan und Lia Perjovschi
ifa-Galerie Berlin
Linienstraße 139/140, 10115 Berlin
Ausstellungsdauer: 3. Februar – 15. April 2012
Öffnungszeiten: Di-So 14-19 Uhr
http://cms.ifa.de/index.php?id=2621&type=0&L=0

Vivi Kallinikou

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Mit der Ausstellung "Solo für … Dan und Lia Perjovschi" präsentiert die ifa-Galerie Berlin zwei Künstler, die auf unterschiedliche Weise Bild und Text miteinander verbinden und mit ihrem je eigenen Zugang das Zeitgeschehen kommentieren.

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