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B3 Biennale

(Einspieldatum: 10.07.2012)

Die Alten Meister werden obdachlos. Wer rettet sie vor der Abschiebung?

Gemaeldegalerie Berlin

Eigentlich sollten Geschenke Anlass zur Freude sein. Vor allem wenn diese in Form von Werken französischer Surrealisten und abstrakter Expressionisten daherkommen. Eine solche rund 150 Objekte umfassende Privatsammlung schenkte das Ehepaar Pietzsch den Staatlichen Museen Berlin kürzlich in einem Akt beachtlicher Großzügigkeit. Und zu all dem Geschenkereigen erhält die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vom Bundeshaushalt nun auch noch eine Summe von 10 Millionen Euro. Zu schön um wahr zu sein? Definitiv! Denn was auf den ersten Blick wie eine erfreuliche Erweiterung der Berliner Museen erscheint, entpuppt sich als selbstzerstörerisches Desaster.

Wo liegt also der Haken? Zunächst war in der „großzügigen“ Schenkung des Sammlerehepaars eine kleine, aber feine Klausel versteckt. Berlin erhält die Werke nur unter der Bedingung, ihnen einen permanenten Ausstellungsort zu garantieren. Um Platz zu schaffen, soll das Kulturforum am Potsdamer Platz kurzerhand in ein „Museum des 20. Jahrhunderts“ umfunktioniert werden. Dies ist ein Plan, der schon seit längerer Zeit zur Diskussion steht und nun mit den bewilligten 10 Millionen umgesetzt werden soll. Natürlich wäre ein solcher Ort für Berlin prinzipiell eine Bereicherung, zumal auch der Hamburger Bahnhof mit der Sammlung Marx noch etliche Schätze Moderner Kunst im Keller bunkert, die in einem solchen Museum nun endlich gezeigt werden könnten.

Ehepaar Pietzsch
Ulla und Heiner Pietzsch, 2009, "Bilderträume" in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Dabei gibt es nur ein Problem: Die Caravaggios, Rembrandts, Giottos und Van Eicks werden obdachlos. Eine der international wichtigsten Sammlungen Alter Meister wird aus der Gemäldegalerie vertrieben, um einer weitaus weniger bedeutsamen Privatschenkung Platz zu machen. In einer „Übergangslösung“ sollen die Meisterwerke zunächst als Zwischenmieter ihren Ausstellungsort mit den Skulpturen im Bodemuseum teilen. Über Freiräume kann jedoch auch das Haus auf der Museumsinsel nicht gerade klagen, da schon die eigenen Sammlungsbestände aus Platzmangel nur zu einem Bruchteil gezeigt werden können. Wird sich das Bodemuseum also bald in ein Massen-Flüchtlingslager verwandeln, das die flämischen Meister bis unter die Decke einpfercht? Werden wir Caravaggios „Amor als Sieger“ bald neben den WCs im Untergeschoss suchen müssen? Und teilen sich Tizian, Masaccio und Rubens bald den Vorplatz am Treppenaufgang? Selbst bei einer noch so gequetschten Petersburger Hängung verschwindet mindestens die Hälfte beider Sammlungsbestände in den Magazinen.

BodeMuseum

Für solche Sammlungen von Weltrang ist dies unter keinen Umständen vertretbar, auch wenn es nur für ein paar Jahre wäre, wie die Stiftung überoptimistisch behauptet. Der große Master-Plan der Museumsinsel sieht nämlich vor, einen Neubau direkt gegenüber des Bodemuseums zu errichten, in dem die Alten Meister auf lange Sicht ein neues Domizil erhalten. Für diesen Plan gibt es jedoch bis heute weder offizielle Beschlüsse noch konkrete Zeitpläne - ganz zu schweigen von einem Etat. Mit der Tragödie des Berliner Schlosses vor Augen, weicht daher schnell jeglicher Optimismus. Die meisten realistischen Schätzungen sehen eine Fertigstellung des neuen Museumsbaus nicht vor 2030 voraus! Von Zwischenmiete kann also keine Rede sein.

Aus gutem Grund wird daher immer mehr Kritik aus den Feuilletons laut. In der FAZ wirft Niklas Maak den Staatlichen Museen „kopflose Kulturpolitik“ vor, „die am Ende eines der besten Museen der Welt zerstören würde” und Hanno Rauterberg spricht in der ZEIT von einem “barbarischen Akt”, der einer Amputation zweier Sammlungen gleich komme. Auch aus den Reihen der Kunsthistoriker regt sich Widerstand. In einem offenen Brief protestiert der Verband Deutscher Kunsthistoriker gegen die Zusammenlegung beider Museen; parallel dazu rief der Harvard-Professor Jeffrey Hamburger zu einer Unterschriftenaktion auf, die das Vorhaben stoppen soll. Mittlerweile haben knapp 6000 Menschen die Petition unterzeichnet (hier geht’s zur Petition). Auch die Initiative „Warum Mittelalter?“ an der FU schlägt Alarm und trägt auf ihrer Webseite (warum-mittelalter.de) die Gemäldegalerie symbolisch zu Grabe.

Angesichts der desaströsen Entscheidungen wird deutlich, dass hier jedoch weitaus mehr zu Grabe getragen wird: das Ideal des Museums selbst. Wo dem Geschmack privater Kunstmäzene mehr Macht eingeräumt wird, als einem Jahrhunderte alten Kulturerbe, dort zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, der die Museumspolitik in ihren Grundzügen betrifft. Natürlich sind öffentliche Museen heutzutage auf großzügige Schenkungen privater Kunstmäzene angewiesen. Sobald diese jedoch bestehende Kulturgüter von Weltrang korrumpieren, läuft etwas schief. Anstatt einem selbstbewussten Konzept zu folgen (und im Notfall auf Schenkungen ganzer Sammlungen zu verzichten), machen sich die Museen zu Prostituierten der Schenker und tun alles, um deren Bedingungen zu erfüllen. Auch wenn dies bedeutet, dass bedeutende Meisterwerke ohne Aussicht auf ein neues Heim vor die Tür gesetzt werden. Etwas mehr Respekt hätten die Alten Meister schon verdient.

Verena Straub

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Die Alten Meister werden obdachlos. Wer rettet sie vor der Abschiebung?
Kommentar: Eigentlich sollten Geschenke Anlass zur Freude sein. Vor allem wenn diese in Form von Werken französischer Surrealisten und abstrakter Expressionisten daherkommen.

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