Anzeige
Responsive image

Berlin Daily 24.09.2019
Wulf Herzogenrath and Guests I

19 Uhr: mit Mit Klaus vom Bruch und Mathilde ter Heijne, Moderation Olaf Stüber im Rahmen von "Magic Media – Media Magic. Videokunst seit den 1970er Jahren aus dem Archiv Wulf Herzogenrath".
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin

(Einspieldatum: 06.11.2012)

Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan - eine Momentaufnahme

Etwa acht Stunden dauert ein Flug von Berlin nach Baku, deutsche Staatsangehörige holen sich in der Botschaft Aserbaidschans vor Reiseantritt ein Visum ab. An diesem Nachmittag reise ich nur eine halbe Stunde – mein Weg in den me Collectors Room nach Berlin Mitte – und gelange ohne großes Brimborium in die Ausstellung "Fly to Baku", die mir ein farbenfrohes Abenteuer durch die Jahrtausende alte und moderne Kultur des Landes am Kaspischen Meer verspricht.

Die Heydar-Aliyev-Stiftung lädt in Zusammenarbeit mit der Botschaft Aserbaidschans zu einer Momentaufnahme der zeitgenössischen Kunst aus Aserbaidschan ein. 94 Arbeiten von 21 Künstlern aus drei Generationen werden in den Räumen des me Collectors Room gezeigt. Malerei, Skulptur, Installation, Video, Fotografie reisen seit Anfang 2012 durch die europäischen Metropolen – im Januar waren sie bei Philipps de Pury in London und im April im Hôtel Salomon de Rothschild in Paris, bald fliegen sie nach Rom und Moskau.

Die Ausstellung versteht sich als Austausch mit den Kunstzentren Europas. Wenn es nach den Veranstalter ginge, reist sie bis nach New York. Die Vorteile für die ausgewählten Künstler sind eindeutig, sie werden einem internationalen Publikum vorgestellt. Und das europäische Publikum: Das kann mal sehen, was in Aserbaidschan produziert wird und bekommt ein hochglanzpoliertes Bild des Landes.

Aber noch mal von vorne: Aserbaidschan, das kleine kaukasische Land zwischen Okzident und Orient, hat knapp über 9 Millionen Einwohner, auf der Rangliste der Pressefreiheit steht es auf Platz 152 hinter dem Irak, politisch gilt es als reaktionär, die gesellschaftlichen Umwälzungen und der wirtschaftliche Boom, nicht zuletzt durch den Ölreichtum, sind nicht zu leugnen. Den Austausch mit europäischen Kunstzentren sucht Aserbaidschan offiziell seit 2007, als es zum ersten Mal mit einem Pavillon auf der Biennale in Venedig vertreten war. Die Gegenwartskunst verdeutliche den kulturellen Charakter des Landes, er sei „voller Leben, Farben und Kontraste“, sagt Kurator Hervé Mikaeloff, der auf Einladung Leyla Aliyevas und der Heydar-Aliyev-Stiftung nach Aserbaidschan reiste und die aufstrebende Kunstszene studierte.

Leyla Aliyeva, eine überaus präsente Figur in diesem Projekt, 26 Jahre jung, Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten, Enkelin des ehemaligen aserbaidschanischen Präsidenten, dessen Stiftung sie als Vizepräsidentin leitet. Sie schmückt nicht nur das Cover des in Englisch und Deutsch erscheinenden Ausstellungskataloges und schreibt das Vorwort, ihre schwarzweißen, mädchenhaft ornamentalen Grafiken hängen gleich am Eingang des Ausstellungsraumes. Das persönliche Ziel der Politikstudienabsolventin sei es, die Kultur ihres Heimatlandes zu verbreiten. Ein nobles Vorhaben, bliebe da nicht der fade Beigeschmack einer Aliyev-Show. Scharf posiert die junge Frau für offizielle Fotos, bringt seit 2007 das Lifestyle Magazin „Baku“ heraus, und – Überraschung – die Ausgaben sind im me Collectors Room zu erwerben. Aber die persönliche Lebensgeschichte einer Aliyeva stellt glücklicherweise nicht die übrige Kunst in den Hintergrund.

Es gibt zweifellos wunderbare Arbeiten, die – wenn man so will – voll aserbaidschanisch sind. Eben geprägt durch die Heimat der Künstler, durch die Geschichte ihres Landes, durch die Umwälzungen der ehemaligen Sowjetrepublik seit ihrer Unabhängigkeit 1991, den Reichtum, den Überfluss. Während die geografische Lage Aserbaidschans zwischen Europa und Asien, aber auch zwischen Russland und dem Nahen Osten das kleine Land außenpolitisch sehr interessant machen, sind die Arbeiten in den seltensten Fällen politisch. Faig Ahmed (*1982) verbindet abstrakte Plastik mit traditionellen aserbaidschanischen Teppichen. 2007 vertrat der junge Künstler Aserbaidschan auf der 52. Biennale in Venedig. Seine hier ausgestellte Arbeit „Wave“ (2011) ist ein 230 x 200 x 80 cm großer Dreiviertel-Kreis, dessen Innenseite mit traditionellen, ornamentalen Teppichen beklebt ist. Niyaz Najafovs (*1968) großflächigen, karikaturesken Malereien aus kräftigen Farben und expressivem Duktus sind weder schön noch optimistisch, zeugen aber vom schwarzen Humor des Künstlers und ziehen den Betrachter magisch an. In seiner Arbeit „The Red Shoes“ (2011) riechen düstere, barfüßige, in dunklen Anzügen gekleidete männliche Figuren an roten Frauenschuhen. Die Absurdität der Szene ist ein Fest. Die groß angelegten realistischen Gemälde von Paaren am Strand oder beim Schnorcheln im Kaspischen Meer von Tora Aghabayova (*1979) evozieren ein spießbürgerliches Urlaubsfeeling. Man darf sie als Parodien der Urlaubsbilder aus Familienalben verstehen. Mitunter der verspielteste Beitrag stammt von Rashad Alakbarov (*1979), dem „Schattenmeister“. „Fly to Baku“ ist eine Installation aus 90 verschiedenfarbigen Plexiglas-Modellflugzeugen, die in verschiedenen Winkeln von der Decke hängen. Ein Projektor wirft Licht an die Wand und formt farbenfroh die Bucht von Baku, um dann von den Flugzeugen angeflogen zu werden. Farid Rasulov (*1985) gehört der jüngeren Künstlergeneration an, der studierte Arzt sagt über seine Arbeit, er nehme sie nicht ernst. Seine frühere Profession spiegelt sich in seiner großformatigen, neonfarbigen Malerei wieder: Instrumente, Amputationen, Verletzungen sind dargestellt, haben aber keine weitere Bedeutung, seien lediglich Objekte, die ihn interessieren.

„Fly to Baku“ ist ganz gewiss Teil eines ehrgeizigen Werbe- und Imagekonzeptes, das eigene Land zu vermarkten. Es ist aber auch eine Reise durch Aserbaidschans ästhetisch-kreatives Potenzial. Wenn man das und den touristisch anmutenden Slogan akzeptiert, darf man sich einen schönen Nachmittag im Berliner Baku machen, bevor es ein Römisches oder Russisches wird. Der Eintritt ist frei.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:
Aga Ousseinov (*1962), Aida Mahmudova (*1982), Ali Hasanov (*1976), Altai Sadiqzadeh (*1951), Eliyar Alimirzoyev (*1961), Enver Askerov (*1940), Faig Ahmed (*1982), Fakhriyya Mammadova (*1974), Farid Rasulov (*1985), Huseyn Haqverdi (*1956), Irina Eldarova (*1955), Leyla Aliyeva (*1985), Mammad Mustafayev (*1948), Melik Aghamalov (*1962), Mirnadir Zeynalov (*1942), Niyaz Najafov (*1968), Orkhan Huseynov (*1978), Rashad Alakbarov (*1979), Rashad Babayev (*1979), Sanan Aleskerov (*1956), Tora Aghabayova (*1979)

Fly to Baku – Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan
me Collectors Room Berlin
Auguststraße 68, 10117 Berlin
Ausstellungsdauer: 3.11. – 17.11.2012
Öffnungszeiten: Di – So, 12 – 18 Uhr
flytobaku.com
me-berlin.com

Vivi Kallinikou

weitere Artikel von Vivi Kallinikou

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Kunst aus Aserbaidschan:

Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan - eine Momentaufnahme
Ausstellungsbesprechung: Etwa acht Stunden dauert ein Flug von Berlin nach Baku, ...

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Villa Köppe




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Villa Köppe




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Meinblau Projektraum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Copyright © 2014 - 18, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.