(Einspieldatum: 10.07.2013)

KUNST-WERKE BERLIN e.V.: VIER GEWINNT


bilder

Claire Fontaine, Get lost, 2007, Two channel iPhoto/itunes slide show: two 4:3 plasma screens or monitors on plinths, two mac-mini, two amplifiers with speakers. Colour and sound. Duration : continuous shuffled loop. Photo: Courtesy of the artist and galerie Neu, Berlin

Casino Royal, Faust, Gameshow und Hiob – die Assoziationen zum Thema WETTE sind vielfältig. Sie alle beinhalten die Annahme, ein Ergebnis könne vollständig vorausgesehen werden, sei planbar. In den Kunstwerken treffen aktuell vier künstlerische Positionen aufeinander, die das Phänomen untersuchen.

Mit der neuen Ausstellungsserie VIER GEWINNT laden die KW unter ihrer neuen Leiterin Ellen Blumenstein in unregelmäßigen Abständen vier Künstlerinnen und Künstler in die Räume an der Auguststraße ein. Die erste Ausgabe erfragt das Verhältnis des Einzelnen und der Gesellschaft im Spannungsfeld unserer globalen Wirtschaftszusammenhänge. Bei der Performance am Eröffnungsabend wurde auch das zahlreiche Publikum sehr direkt mit dem Thema konfrontiert, konnte den Protagonisten nicht entgehen. Eine Frau und ein Mann liefen durch die Ausstellungshalle, Mikrofone in der Hand, Blickkontakt mit den Besuchern suchend. „I did love you once“, „I did love you once“. Der monoton repetierte Satz aus Shakespeares Hamlet ist Bestandteil der Installation „Get Lost“ (2007). Claire Fontaine, eine in Paris ansässige, 2004 gegründete Kollektivkünstlerin, interpretiert nicht nur mit ihrer Weigerung, einem Autorenkonzept zu folgen intellektuelle und subjektive Vorgänge. Zusätzlich erscheinen und verschwinden auf zwei Monitoren im schnellen Wechsel Fotografien attraktiver Personen. Es entsteht ein Überangebot: an Bildern und Menschen, an Bewegung und Sound. Jegliche Intimität ist verschwunden. Liebe in Zeiten von Konsum und Überfluss folgt den Regeln des kapitalistischen Marktes.

Der Glaube an die Berechenbarkeit der Zukunft ist groß, das Phänomen der Spekulation am Finanzmarkt findet sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wieder. Staaten, Gesellschaftssysteme und Individuen sind den finanziellen Strategien und Instrumentarien machtlos ausgesetzt. Direkten Bezug auf diesen Zusammenhang nimmt „The Discreet Charm“ (2011/2012). Das schwedische Künstlerduo Goldin+Senneby (Simon Goldin und Jakob Senneby) arbeitet seit 2004 zusammen. Nicht der "diskrete Charme der Bourgeoisie", Luis Bunuels surrealistische Parodie, sondern der des Bankensystems und der modernen Infrastrukturen ist Ausgangspunkt ihrer Installation. Diese gleicht einem Theatermodell und fragt: Welche Beziehungen entstehen zwischen Bühne und Realität, welche Rolle spielen die Zuschauer?

Böhler & Orendt, Installationsansicht Albrecht Dürer Gesellschaft, Nürnberg Foto: © Böhler & Orendt

Auch Matthias Böhler (* 1981 in Aachen) und Christian Orendt (* 1980 in Sighisoara, Rumänien) beziehen in ihrem Projekt "Mehrung" die Zuschauer explizit in den Prozess mit ein. Der Performancezyklus von Böhler & Orendt bringt zwei zentrale Aspekte der Wette zusammen: Glaube und Spekulation. Ihr Kreativwettbewerb Mehrung #5 ist Teil einer fortlaufenden Reihe, eigentlich eine Erzählung um eine Geheimgesellschaft. Während der nächsten Wochen erhalten die Besucher der KW die Gelegenheit, sich gegenüber der "Ur-Idee“ zu positionieren, gemeinsam "reine Geschöpfe der Zukunft" zu werden. Diese "Huldigung des Glückes" – eine fast religiösen Handlung – vollzieht sich durch eine Gemeinschaftsarbeit: die Besucher werden aufgefordert, aus bereitliegenden Materialien eine sogenannte Mehrungskurve zu gestalten. Es entsteht eine großformatige Installation. Die bunten Graphen der Exponentialfunktion visualisieren unsere Leistungsgesellschaft, deren oberste Priorität die (Ver-)Mehrung von Kapital ist.

Daniel Keller – die Nummer VIER – ist mit zwei Arbeiten vertreten. Der in Berlin lebende US-amerikanische Künstler lenkt den Blick auf die Arbeitswelt der Zukunft. Seine Videoinstallation „Soft Staycation (Gaze Track Edit)“ verfolgt mithilfe einer Tobii-Gazetracking-Kamera die Augenbewegungen einer Gruppe arbeitsloser Hartz IV-Empfänger beim Betrachten von Werbespots. Auch Kellers Projekt „FUBU Career CAPTCHAs“ thematisiert zukünftige Arbeitsstrukturen. Dreidimensionale PVC-Schriftzüge, über die Wand gezogen, visualisieren seine These: 70 Prozent der heutigen Jobs wird es in dreißig Jahren nicht mehr geben, die Menschheit für die Aufrechterhaltung und das Wachstum der Weltwirtschaft nicht mehr notwendig sein. Wie Ornamente gestaltet, verstärkt der Wunsch "I want to work", "I want to work" das Mantra Claire Fontaines. Im Kollektiv spielt die Menschheit um ihre Zukunft.

Vier gewinnt: die Wette
7.7. - 4.8.2013

KW Institute for Contemporary Art - KUNST-WERKE BERLIN e. V.
Auguststraße 69
10117 Berlin
Mi-Mo 12-19h / Do 12-21h / dienstags geschlossen
kw-berlin.de

Dr. Barbara Borek

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Ausstellungsbesprechung: Casino Royal, Faust, Gameshow und Hiob – die Assoziationen zum Thema WETTE sind vielfältig.

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