(Einspieldatum: 16.04.2014)

Lauschangriff der Spielzeug-Drohnen

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Nik Nowak, Installation Shot, Echo, GASAG Kunstpreis 2014, © Nik Nowak

Der diesjährige GASAG-Preisträger Nik Nowak zeigt in der Berlinischen Galerie seine neue Installation „Echo“ und verwandelt den Ausstellungsraum in eine Kampfarena für Drohnen und Bässe.

Wenn Nik Nowak mit seinen Drohnen spricht, klingt das eher nach Anthropologie als nach militärischer Aufklärung: „Jetzt guckt sie sich erst mal um. Ich mach mal auf mich aufmerksam, dass sie mich in den Fokus nimmt." Und tatsächlich: mit ruckelnden Bewegungen und surrenden Scharnieren reckt der kniehohe Spielzeugpanzer sein Mikrophon dem Künstler entgegen. Von diesem Zeitpunkt an ist unser Gespräch nicht mehr sicher. Denn jedes Wort wird mit kurzer Verzögerung an zwei riesige Lautsprecher weitergegeben, die den White Cube der Berlinischen Galerie in eine Mischung aus Bahnhofshalle und Berghain verwandeln. Das akustische Pendant zur Facebook-Wall?

Die Installation des 1981 geborenen Künstlers und diesjährigen GASAG Preisträgers scheint jedenfalls genau zur richtigen Zeit zu kommen: Die NSA-Abhöraffäre hat die aktuelle Debatte um Privatheit und Öffentlichkeit erneut angefeuert und auch die Kontroverse um militärisch einsetzbare Drohnen sind momentan in aller Munde (erst letztes Wochenende fanden Vorträge dazu im Rahmen zweier Tagungen, „Image Operations“ und „Embattled Heavens“, in Berlin statt). Anstelle von Bomben und tödlichen Kugeln feuern Nowaks unbemannte Militärroboter Sounds ab, oder belauschen diese eben. Wenn Drohnen allerdings wie nervig kläffende Hunde an unseren Fersen kleben und unsere eigenen Stimmen an gewaltige Subwoofer übertragen, fragt man sich schnell: wer oder was ist hier eigentlich bedrohlich?

Ziemlich real ist in dieser Ausstellung vor allem eins: die Bedrohung unserer Ohren. Und zwar durch das gewaltige jamaikanische Soundsystem, das die gesamte Stirnwand einnimmt. Es ist so etwas wie der große Bruder des Ghettoblasters nach dem Stimmbruch. Oder besser gesagt: eine ganze Armee großer Brüder, die sich zu einem Lautsprechermassiv auftürmen und die potentielle Zerstörungskraft (zumindest unseres Trommelfells) imposant zur Schau stellen.

Nik Nowak, Installation Shot, Echo, GASAG Kunstpreis 2014, ©Nik Nowak


Dabei ist die Verbindung von Sound und Gewalt nicht nur der Ausdruck von testosterongetriebenen Monsterbass-Attitüden. Schon im zweiten Weltkrieg wurden Panzer gebaut, die Lärm als Teil psychologischer Kriegsführung einsetzten und Truppenbewegungen akustisch simulierten. Auf diese Taktik scheinen Nowaks Drohnen anzuspielen, wenn sie ihr Staubsauger-Fahrgeräusch, einmal übers Soundsystem geschickt, zum furchterregenden Panzerangriff anschwellen lassen. Mit „flash-bangs“, sogenannten Blitz-Knall-Granaten wurden auch die Entführer der Lufthansa-Maschine in Mogadischu kurzzeitig blind und taub gebombt, bevor die Geiseln befreit werden konnten. Im Irak setzte das US-Militär schließlich sogenannte „Long Range Acoustic Devices“ ein, die körperlich unerträgliche Töne im Bereich von 2.100 bis 3.100 Hertz erzeugen können, gegen die das berüchtigte Kreidekratzen auf der Schultafel wie Entspannungsmusik klingen muss. Eben jene Folter-Blaster, sogenannte nicht-letale „sonic weapons“, werden zunehmend auch bei Demonstrationen eingesetzt, um Menschenmassen zu kontrollieren. „Crowd control“, Überwachung, Gewaltdrohung – das sind die Frequenzen, die auch in Nik Nowaks Installation immer im Hintergrund mitschwingen.

Bekannt geworden ist der ehemalige UdK-Student vor allem mit seinen martialischen Sound-Panzern. Gigantische fahrbare Lautsprecherobjekte, die man irgendwo zwischen Loveparade und futuristischem Schlachtfeld vermuten würde. Wenn man diese protzigen (wenn auch ironischen) Arbeiten kennt, überrascht die läppische Spielzeugästhetik der zwei herumruckelnden Drohnen, die wie Disney´s Pixar-Roboterheld „Wall-E“ im Grunde ganz knuddelig sind und vielleicht doch nur spielen wollen. Der Verdacht, das lustige Verfolgungsspiel mit Kinderpanzern könne zur Verharmlosung des Themas beitragen, löst sich spätestens dann in Luft auf, wenn die Verstärker unser Gefühl von Sicherheit und Privatsphäre grundlegend ins Wanken bringen. Stattdessen schleicht sich die beunruhigende Frage ein: Gehen wir vielleicht ebenso lapidar mit den uns real umgebenden Bedrohungen um? Es ist genau die Verbindung von humoristischem Spieltrieb und konzeptuellem Gestus, die Nik Nowaks Installation neben und trotz all der Debatten um Datenschutz und Drohnen so relevant macht.

Nik Nowak, Panzer, 2011, © Foto: Nik Nowak

Doch zurück zur akustischen Facebook-Wall und den unvorsichtig geäußerten Worten, die uns als „Echo“ um die Ohren schallen. Durch eine absurd marktökonomische Verkettung wird die mythologische Namensgeberin selbst – die zum ewigen Nachplappern bestrafte Nymphe – zu ihrem eigenen medialen Echo, wenn Nik Nowak Alexandre Cabanels berühmtes Portrait von einem chinesischen Kopisten nach Vorlage einer Jpeg-Datei abpinseln lässt und zurück an die Museumswand hängt. Geschützt vor unserem eigenen medialen Widerhall sind wir lediglich im weißen Schaumstoffbunker, den Nowak hinter den Lautsprechern errichtet hat und der ewige Ruhe verheißt – nicht nur für unsere Ohren, sondern auch für unsere Daten, die ebenso unlöschbar, aber nur scheinbar unkontrollierbar im Netz zirkulieren. „Es gibt ihn“, prophezeit Nowak mit seinem Internetprojekt „Delethe“: „Einen testamentarischen Rechtsanspruch auf den Umgang mit Ihren verbliebenen Daten im Netz. Sie müssen diesen nur entsprechend geltend machen und wir helfen Ihnen dabei. Angemessenes Vergessen durch Löschen Ihrer Daten ist möglich. Ihr digitales Echo verhallt...“

Nik Nowak. Echo. GASAG Kunstpreis 2014
Laufzeit der Ausstellung: 11.4.-30.6.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin
Öffnungszeiten: Mi-Mo 10-18 Uhr
berlinischegalerie.de

Nik Nowaks Projekt „Delethe“: delethe.com

Verena Straub

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Daten zu Nik Nowak:


- art berlin 2017
- BOOSTER - Kunst Sound Maschine, 2014
- Hartware MedienKunstVerein 2015

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Lauschangriff der Spielzeug-Drohnen
Ausstellungsbesprechung: Wenn Nik Nowak mit seinen Drohnen spricht, klingt das eher nach Anthropologie als nach militärischer Aufklärung: „Jetzt guckt sie sich erst mal um. Ich mach mal auf mich aufmerksam, dass sie mich in den Fokus nimmt."

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