(Einspieldatum: 09.10.2017)

Menschliche und nichtmenschliche Akteure im Netzwerk

Nonhuman Networks - Art Laboratory Berlin


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Saša Spačal, Mirjan Švagelj & Anil Podgornik, Ausschnitt der Installation "Myconnect", 2013

Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil unserer Existenz. Nicht alleine der menschlichen, sondern auch der nicht-menschlichen Lebensformen. Art Laboratory Berlin gibt in seiner aktuellen Ausstellung Nonhuman Networks, mit der die aktuelle Reihe Nonhuman Agents startet, einen spannenden, interdisziplinären Einblick in diese hochkomplexe Verbindung.

Nonhuman Networks stellt die Frage nach der Position des Menschen, verneint das selbstverständliche Im-Mittelpunkt-Stehen und reagiert auf diesen Anthropozentrismus mit der Philosophie des Kooperativen. Eingeladen haben Regine Rapp und Christian de Lutz von Art Laboratory Berlin die britische Künstlerin und Forscherin Heather Barnett sowie das slowenische Kollektiv Saša Spačal mit Mirjan Švagelj und Anil Podgornik. Beide künstlerische Positionen schicken die Besucher_innen auf eine intensive Reise, die sich über alle Sinne, die sich im Innen- sowie im Außenkontakt entwickelt. Die Arbeiten erlauben Erfahrungen, die weit über ästhetische Dimensionen hinausgehen. Der Mensch wird Resonanzkörper. Verbindungsglied. Membran.

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Heather Barnett: Being Slime Mould, kollektives Experiment, 2013, Film still © Tim Grabham

Bereits Ende September erweiterte Heather Barnett in Zusammenarbeit mit plan b (Sophia New & Daniel Belasco Rogers) während des Workshops Swarm | Cell | City den Radius des menschlichen Organismus und baute Verbindungen zum Organismus der Stadt auf. Die Teilnehmer_innen wurden aufgefordert, Strukturen und Wege in Berlin zu verfolgen. „Explore your enviroment as a body“, lautete der Appell, an dessen Umsetzung die Besucher_innen der aktuellen Ausstellung über eine Videodokumentation (Swarm | Cell | City, mit plan B, 2017, Video 7:50 min, Videografie Tim Deussen) teilnehmen können. Auch der zweite Film (Spatial Negotiations, Heather Barnett mit Emma Ribbing, 2017, Video, 5:20 Min.) nimmt das Thema menschlicher und nicht-menschlicher Bewegungsstrukturen auf. Gruppen von Tänzer_innen bewegen sich in einer über Zell-Organismen gesteuerten und in einer Choreografie entsprechend den Ausbreitungsmechanismen des Schleimpilzes über ein Industriegelände.

Barnett setzt den sogenannten Schleimpilz, den Physarum polycephalum, als lebendes Zellmaterial in Bewegung. Dieser einfache Körper, einer der weltweit größten einzelligen Organismen, zeigt dem komplexen menschlichen Körper seine Grenzen auf. Der Schleimpilz, übrigens das Geschenk eines Wissenschaftlers an die international agierende Künstlerin, verfügt über eine Fähigkeit, die Lern- und Erinnerungsprozesse ermöglicht. Er entwickelt ein Eigenleben, bildet ein Netzwerk, vergrößert so seine Reichweite. Heather Barnett lässt dieses Konstrukt über einen Stadtplan der Gegend um die Galerie laufen. Über die menschlichen Akteure, die diesen Wegen folgen - die Künstlerin bezeichnet den Prozess als human mapping -, bildet sich nun ein erweiterter, übergeordneter Körper.

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Heather Barnett: Resilient Topographies, 2014, Film still © Heather Barnett

Die Exponate geben Einblicke in Fragen: Wie definiert sich ein Organismus? Wie arbeitet er? Und wie kommunizieren menschliche und nicht-menschliche Organismen miteinander? Diese Kommunikation visualisiert das Experiment Being Slime Mould mit beeindruckender Ästhetik, zu verfolgen auf dem Videodiptychon Motion Fields (Heather Barnett mit Dimitra Georgopoulou, 2017, 3:40 Min.). Der linke Bildschirm zeigt mal einen Schleimpilz im Zeitraffer, mal von Menschen nachgestellte Bewegungsmuster des Schleimpilzes. Auf dem rechten Bildschirm ist synchron die rechnerische Visualisierung des Bewegungsfelds zu sehen. Die zeitgleiche Betrachtung beider Vorgänge ergänzt sich im Betrachtenden und entwickelt eindrückliche Bewegungsmuster.

Auch das Kollektiv mit Saša Spačal, Mirjan Švagelj und Anil Podgornik bindet den Menschen nicht alleine in naturwissenschaftliche Phänomene ein, sondern stellt darüber hinaus die Unterscheidung von Mensch und Natur in Frage. Die komplexe Arbeit Myconnect (interaktive Installation, 2013, Holz, Plastik, Glas, Acrylglas, Myzelium, Elektronik, Vibrationsmotoren, Matratze, Soundsystem, Kopfhörer) führt die Besucher_innen zu einem Körperexperiment.

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Saša Spačal, Mirjan Švagelj & Anil Podgornik: Myconnect, 2013,
Installationsansicht der Ausstellung "Nonhumen Networks", Art Laboratory Berlin, 2017, © 2017 tim-deussen.de


Eine Person legt sich in eine, an der vorderen Seite mit einer Öffnung versehene, ca. 2m lange Kapsel. Ein Kopfhörer, ein Herzschlagsensor sowie verschiedene Vibrationsmotoren werden auf dem Körper platziert und eine sogenannte Biofeedback-Schleife gestartet. Das menschliche Nervensystem ist mit einem Pilz-Myzel verbunden. Der Herzschlag setzt nun ein Signal in Bewegung, welches über Klang, Licht und die Berührungspunkte wieder zurück in den menschlichen Körper übertragen wird. Diese Reizüberflutung verändert dann den Herzschlag, der Kreislauf beginnt von neuem. Mensch und Pilzgeflecht sind in einer Symbiose von Signalen verbunden.

„Pilze sind eine der dominierenden Lebensformen“, so das Kollektiv. Das Myzel ist der nicht-sichtbare Teil der Pilze, sein Wachstum hat Dimensionen erreicht, die ihn in die Kategorie der größten Organismen weltweit aufnehmen. Der Dokumentarfilm Myconnect (Video, 2016, 14:27 Min.) der Gruppe verdeutlicht und erklärt die Theorie zu der Aufhebung der Körper-Umwelt-Trennung.

Nonhuman Networks ist eine Ausstellung, die anhand der künstlerisch-wissenschaftlichen Positionen und deren kritischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozentrismus alternative Wege eröffnet, wie eine gleichwertige Annäherung zwischen Mensch und Natur gelingen könnte. Sie ermutigt zu einer wesentlichen Antwort: Nicht das Betonen der kompetitiven Elemente, vielmehr eine neue Codierung, ein Suchen nach dem Gemeinsamen und Verbindenden sichert die Zukunft unseres Planeten.

Am 28. Oktober findet in der Galerie der Vortrag ill-at-ease seep mit Sarah Hermanutz statt. Eine Interdisziplinäre Konferenz mit dem Titel Nonhuman Agents in Art, Culture and Theory (in Kooperation mit Europäische Medienwissenschaft, Universität Potsdam) kann vom 24. bis zum 26. November 2017 besucht werden.

Nonhuman Networks
Heather Barnett | Saša Spačal, Mirjan Švagelj & Anil Podgornik

30. September - 26. November 2017

Art Laboratory Berlin
Regine Rapp, Christian de Lutz
Prinzenallee 34
13359 Berlin
Fr- So 14-18Uhr u.n.V.
artlaboratory-berlin.org

Dr. Barbara Borek

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Menschliche und nichtmenschliche Akteure im Netzwerk
Ausstellungsbesprechung zu "Nonhuman Networks" bei Art Laboratory Berlin: Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil unserer Existenz. Nicht alleine der menschlichen, sondern auch der nicht-menschlichen Lebensformen.

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